Ärzte Zeitung, 09.04.2015

Leitartikel

Schluss mit pauschalem IGeL-Bashing!

Die Verbraucherzentrale NRW schreckt Kassenpatienten wieder mit angeblichen Missständen beim Hautkrebsscreening auf. Wieder heißt es: IGeL, der große Schmu! Doch Patienten sind mündiger als Verbraucherschützer glauben.

Von Matthias Wallenfels

Schluss mit dem IGeL-Bashing!

Wird häufig kritisiert - und nicht immer zu Recht: IGeL.

© Africa Studio / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Gründonnerstag war es wieder so weit: Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (VZ/NRW) beglückt die Medienwelt mit der Nachricht, dass gesetzlich versicherte Patienten bei den heimischen Dermatologen auf der Hut sein müssten - zumindest, wenn sie das kostenlose Hautkrebsscreening in Anspruch nehmen wollten, auf das sie als über 35-Jährige alle zwei Jahre ein Anrecht hätten.

"Insgesamt 22 Prozent der dermatologischen Praxen vergeben laut Stichprobe der Verbraucherschützer keinen Termin fürs gesetzliche Hautkrebsscreening oder bieten die Leistung nur als kostenpflichtiges Extra an", hob VZ/NRW-Vorstand Wolfgang Schuldzinski den moralischen Zeigefinger.

Bei insgesamt 42 Hautarztpraxen in Köln und 150 in Berlin waren die Verbraucherschützer telefonisch vorstellig geworden, um einen Termin für das Kassen-Screening zu vereinbaren.

Wirklich neu sind die Vorwürfe der VZ/NRW nicht - im Gegenteil! Unregelmäßig, aber konstant werden immer wieder - teils von Publikumsmedien aufmerksamkeitsstark vermarktet - angebliche Unregelmäßigkeiten in Sachen Individueller Gesundheitsleistungen (IGeL) angeprangert.

Sei es das Drängen auf die kostenpflichtige Auflichtmikroskopie zur Hautkrebsfrüherkennung oder der angebliche Entscheidungsdruck, der von Ärzten gegenüber Patienten aufgebaut werde, um sich die Praxiskassen mit IGeL-Talern zu füllen.

Dies gipfelte vor drei Jahren sogar darin, dass die damalige Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) eine Bedenkpause für potenzielle IGeL-Patienten zwischen Aufklärung und Eingriff forderte.

Spaltpliz der Nation

Mit keiner Silbe gewürdigt wird von den Verbraucherschützern indes, dass der Ärzteschaft das mögliche schadhafte Treiben einiger schwarzer Schafe in den eigenen Reihen ein Dorn im Auge ist. Denn die Problematik ist seit Bestehen der Selbstzahlerleistungen bekannt.

 Bereits 2006 verabschiedete der Ärztetag in Magdeburg daher seine IGeL-Grundsätze für das saubere und rechtssichere Anbieten im Praxisalltag. Flankiert wird dies durch den gemeinsam von KBV und Bundesärztekammer aufgelegten IGeL-Ratgeber, der explizit auch die Patienten anspricht. Somit wird auch von Ärzteseite bereits viel getan, um Transparenz bei IGeL in der Praxis zu schaffen.

Spaltpilz der Nation, so könnte man die IGeL, die laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) 2012 Einnahmen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro in die Praxiskassen spülten, bezeichnen.

Nicht zuletzt aus Anlass des dritten Geburtstages der vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDS) betriebenen Online-Plattform IGeL-Monitor nutzte der GKV-Spitzenverband Ende Februar in Berlin die Chance, um medienwirksam vor den potenziellen Gefahren vieler Selbstzahlerleistungen zu warnen.

Das hat ein deutliches G'schmäckle, bedenkt man, dass der MDS Versicherten auf der Plattform eine "fundierte Entscheidungshilfe" bieten will, aber gleichzeitig darauf hinweist, dass "mehrere hundert IGeL angeboten" werden im Markt, seine Aussagen sich aber nur auf die Auswertung von 37 ausgewählten Selbstzahlerleistungen stützt.

Präjudizierender Generalverdacht

Das kann von IGeL-affinen Ärzten schnell - nachvollziehbar und zu Recht - als präjudizierender Generalverdacht des MDS und des Spitzenverbandes verstanden werden, der wie ein Damoklesschwert über einer intakten Arzt-Patienten-Beziehung im Praxisalltag schwebt.

 Selbst wenn sie dieser Auffassung sind, sollten sie sich aber nicht ins Boxhorn jagen lassen und den Glauben an IGeL verlieren, sofern sie selbst fachlich von den Angeboten in ihrer eigenen Praxis überzeugt sind.

Zwar versuchen die Verbraucherschützer nachhaltig, die Selbstzahlerleistungen zu Grabe zu tragen. Aber: Auch die Patienten haben dabei noch ein Wörtchen mitzureden. Und deren Votum in Sachen Selbstzahlerleistungen scheint eher ins Positive auszuschlagen.

So nehmen selbst in Nordrhein-Westfalen 65 Prozent der Patienten angebotene Selbstzahlerleistungen in Anspruch. Das Bundesland liegt mit dieser Quote laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse immerhin deutschlandweit an letzter Stelle.

Ärzte sollten sich gegenüber der Schelte der Verbraucherschützer aber nicht immun zeigen, sondern bei ihren Patienten mit Transparenz in die Offensive gehen.

Auch sollten sie aufmerksam auf Hinweise von Patientenseite auf potenzielle IGeL-Missstände bei Kollegen hören. Dies ist eine Chance, potenzielle IGeL-Übel an der Wurzel zu packen.

Ein schlechtes Gewissen dürfen sich Ärzte beim IGeLn weder von Verbraucherschützern noch vom MDS einreden lassen.

Denn sie schaffen via IGeL für Kassenpatienten die Möglichkeit, sich jenseits des GKV-Leistungskataloges zum Beispiel diagnostisch ergänzend abzusichern.

Das verstehen auch Patienten - zumindest dann, wenn sie ihren Arzt als vertrauenswürdigen Partner in Sachen Gesundheit erleben.

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