Ärzte Zeitung, 12.10.2016

Junge Medizinerin

"Hausärztin will ich nie im Leben werden"

Nicole Holzer wollte "um Himmels willen" bloß keine Hausärztin sein. Die 32 Jahre alte Assistenzärztin sah sich von Anfang an als Chirurgin - doch dann kam alles ganz anders.

Von Julia Frisch

"Als Hausärztin bin ich fachlich und menschlich gefordert"

Hausärztin in spe: Nicole Holzer schätzt den direkten Kontakt zu Patienten und deren Familien.

© privat

RADOLFZELL. Hätte man Nicole Holzer zu Beginn des Medizinstudiums gefragt, was sie als Ärztin einmal machen will, sie hätte geantwortet: "Chirurgie!"

"Am Anfang des Studiums habe ich gesagt: Um Himmels willen, Hausärztin will ich nie im Leben werden", erzählt Holzer, die im Mai ihr Examen abgelegt hat und derzeit in einer Klinik in Radolfzell am Bodensee ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin absolviert.

Der Sinneswandel kam, als sie während des Studiums in Tübingen ein Praktikum "bei der Hausärztin von meiner Oma und meinem Papa" machte. "Die Frau hat mich begeistert für den Beruf", sagt die 32-Jährige.

Die Ärztin habe sichtlich Freude an ihrer Arbeit gehabt. Und die Art, wie sie mit den Patienten umgegangen ist, habe sie sehr beeindruckt, so Holzer.

Verantwortungsvolle Aufgaben

Bestärkt wurde sie in ihrem Entschluss, den Weg zur Hausärztin einzuschlagen, durch eine viermonatige Station während des PJ in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis. Zur Vorbereitung hatte sie extra einen Ultraschallkurs belegt. Das zahlte sich aus: "Ich durfte viel selber machen", sagt Nicole Holzer.

So gehörte es zu ihrer Aufgabe, unter Anleitung die Gesundheitsuntersuchungen vorzunehmen. Auch Hausbesuche mit den Ärzten standen auf dem Programm.

Eine Patientin mit noch nicht weit fortgeschrittener Demenz und "die sonst nicht viel hatte" durfte Nicole Holzer jede Woche alleine zu Hause besuchen.

Von dieser Zeit hat die junge Assistenzärztin enorm profitiert. "Diese vier Monate im Praktischen Jahr haben mir viel Selbstbewusstsein gegeben". Ganzkörperuntersuchungen erledigt sie seitdem in zehn bis 15 Minuten.

Und bei der anschließenden PJ-Station in der Chirurgie stellte Nicole Holzer fest "Es hat mir gefehlt, dass man Patienten so lange begleitet und auch Kontakt zur Familie hat."

Ihre Zukunft sieht die 32-Jährige nicht als Einzelkämpferin, sondern in einer Praxis zusammen mit ein bis zwei Kollegen, "damit man sich die Arbeit besser teilen kann". Sich mit Kollegen über Patienten auszutauschen, das ist Nicole Holzer sehr wichtig.

Teilzeitarbeit könnte sie sich gut vorstellen, "ich will ja auch Familie haben". Ebenso wäre Holzer bereit, zu ihrer Arbeit von einem größeren Ort aus aufs Land zu fahren.

Vorurteile sind tief verankert

Was müsste ihrer Ansicht nach getan werden, um den Hausarzt-Beruf wieder attraktiver zu machen? Die Abrechnungsmöglichkeiten für die Weiterbildungspraxen hält Nicole Holzer für verbesserungswürdig.

Weiter müsste das Image der Hausärzte bei Medizinstudenten weiter verbessert werden. Unter ihnen herrsche immer noch die Vorstellung, dass Hausärzte 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr arbeiten müssen, durch Regresse geschröpft werden und das Patientenklientel vorwiegend aus Süchtigen und Alten bestehe, die nur schwätzen wollen.

Medizinstudenten in die Hausarztschiene pressen zu wollen, davon hält Holzer nichts. "Man kann doch niemanden dazu zwingen, und manche sind für den Beruf auch gar nicht geeignet."

Zudem, hat die Assistenzärztin festgestellt, falle es vielen Hausärzten schwer, jungen Kollegen zu vermitteln, dass ihr Beruf Freude bereiten könne. Wo soll da Nachwuchs herkommen?

Nicole Holzer will als Hausärztin die Patientenherzen gewinnen. "Die Zusatzweiterbildung Diabetologie möchte ich gerne als Add-On haben, da dies eine der chronischen Erkrankungen ist, die viele Patienten in der Hausarztpraxis haben", sagt sie.

Fachlich und menschlich sei sie als Hausärztin gefordert. "Und es ist ein Beruf, den man bis ins hohe Alter machen kann."

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