Ärzte Zeitung online, 24.09.2008

Krankenhausmanager fürchten Pleitewelle

MÜNSTER (dpa). Die Krankenhäuser in Deutschland gehen am Stock. Sie kommen mit dem Geld nicht mehr aus, das ihnen Krankenkassen und Politik zur Verfügung stellen. "Die Situation ist ernst", sagen Krankenhausmanager etwa in Münster.

In der westfälischen Stadt, wo mehr als zehn Kliniken um Gunst und Vertrauen der Patienten konkurrieren, haben sich die Wettbewerber von acht Krankenhäusern zusammengeschlossen. An diesem Donnerstag fahren sie gemeinsam nach Berlin, um mit 70 000 Klinik-Bediensteten aus allen Teilen Deutschlands für eine bessere Finanzausstattung der Häuser zu demonstrieren.

Die Steigerung der Kliniketats orientiert sich an der Grundlohnsumme - und das ist eines der Probleme

Die jährliche Steigerung der Kliniketats orientiert sich an der Grundlohnsumme. Die ist in den vergangenen Jahren jeweils nur um weniger als ein Prozent gestiegen, die Kosten galoppierten davon. Das Krankenhausbudget stieg etwa in Nordrhein-Westfalen seit 1995 nur um gut zwei Milliarden auf 13,5 Milliarden Euro. Die Löhne und Gehälter kletterten deutlich schneller, auch wenn 26 000 Stellen abgebaut wurden. Und auch die Zahl der behandelten Fälle nahm von 3,5 auf 4 Millionen deutlich zu.

"Die Reformen kriegen immer neue Namen, letztlich bleibt es immer das Gleiche"

Was die Zahlen für das einzelne Haus bedeuten, weiß Manfred Littek, Krankenhausdirektor der Hautklinik Hornheide, bereits seit 20 Jahren. "Die Reformen kriegen immer neue Namen, letztlich bleibt es immer das Gleiche", klagt der Chef des größten deutschen Hautkrebszentrums. Für seine Klinik stehen 2009 zusätzliche Mittel in Höhe von 19 000 Euro bereit. "Dafür bekomme ich nicht einmal einen Smart", sagt Littek. Aufgrund der Tarifabschlüsse muss er 2009 schon alleine mehr als 300 000 Euro mehr an Personalkosten zahlen. Und die Energiepreise sind um 23 Prozent gestiegen.

Ein Krankenhaussterben unter den ohnehin weniger gewordenen Kliniken wird befürchtet, wenn die Ministerrunde an diesem Mittwoch den im Bundesrat ausgehandelten Kompromissvorschlag in die Form eines Kabinettsbeschlusses gießt. Ein Drittel der 2100 Krankenhäuser in Deutschland sei derzeit von Insolvenz bedroht, mehr als 50 Prozent seien in den roten Zahlen, sagt Christoph Hoppenheide, Verwaltungschef des Universitätsklinikums Münster.

Die Finanzspritze von 3 Milliarden Euro reicht bei einer Lücke von 6, 7 Milliarden nicht

Dass der Kompromiss den Krankenhäusern im nächsten Jahr eine Finanzspritze von 3 Milliarden Euro gewähren will, halten er und seine Kollegen angesichts einer akuten Lücke von 6,7 Milliarden Euro für eine Mogelpackung. In den 3 Milliarden Euro seien Leistungen bereits inbegriffen, die den Kliniken ohnehin zustünden, sagt Gregor Hellmons, Geschäftsführer des kleinen, kirchlich getragenen Klinikkonzerns Misericordia mit vier Krankenhäusern. Übrig blieben an zusätzlichem Geld nur 1,34 Milliarden Euro.

"Die verlangen von uns die Quadratur des Kreises", sagt Littek. Das Ergebnis sind Einsparungen, die wegen ausgereizter Potenziale bei den Sachkosten fast ausschließlich aufs Personal - vor allem in der Pflege - durchschlagen. Nur zwei examinierte Schwestern auf einer 30-Betten-Station seien die Folge, beschreibt Burkhard Nolte von Münsters St.-Franziskus-Hospital die Folgen für die Kranken. "Da muss der Patient eben auf die Bettpfanne ein bisschen länger warten." Am Wochenende werden in seinem Krankenhaus bereits Stationen geschlossen und Patienten verlegt, um Kosten zu sparen.

Case-Manager übernehmen Aufgaben von Ärzten und Pflegern

Im Universitätsklinikum geht man seit eineinhalb Jahren einen Weg, der zumindest ein wenig Entlastung bringen soll. Sogenannte Case-Manager übernehmen von Ärzten und Pflegekräften Aufgaben wie etwa Terminvergabe und Bearbeitung von Krankenakten. Dennis Sextro (30) ist einer von ihnen. Er fängt mit seiner Arbeit schon an, wenn der Patient noch gar nicht in der Klinik ist und hört erst nach der Entlassung wieder auf. Dazwischen organisiert er Termine, überwacht Kontrolluntersuchungen und hält die Prozesse am Laufen.

Die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger können sich in der Zwischenzeit auf ihre ureigenen Aufgaben konzentrieren. Schwer genug. "Man wird so behandelt, dass man nicht klagen kann", sagte Uniklinik-Verwaltungschef Hoppenheit. "Klagen" meint er im juristischen Sinne.

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