Ärzte Zeitung, 15.10.2008

Hintergrund

Die Auswirkungen der internationalen Krise erreichen auch die Gesundheitsbranche

Das 500-Milliarden-Rettungspaket der Bundesregierung hat wieder Ruhe in den Börsen einkehren lassen. Doch die Spuren der internationalen Finanzkrise sind allerorten zu verfolgen. Wie steht es mit der Gesundheitsbranche? Bleibt sie von den Turbulenzen verschont, oder droht auch ihr Ungemach?

die auswirkungen der internationalen krise erreichen auch die gesundheitsbranche

Auch im Gesundheitswesen wird kein Geld gehortet: Auf Umwegen trifft die weltweite Bankenkrise auch Ärzte und Kliniken.

Foto: Oleg Nekhaev©www.fotolia.de

Von Thomas Hommel

Den Banken laufen die Kunden mit ihrem Erspartem weg. Große Autobauer halten die Produktionsbänder an, um nicht auf ihrer Ware sitzen zu bleiben. Bislang scheinen die Auswirkungen der Finanzkrise die Gesundheitsbranche nicht erreicht zu haben. Wird das so bleiben?

"Man muss hier zwischen Primär- und Sekundäreffekten unterscheiden", antwortet Marcus Bracklo, langjähriger Leiter des Healthcare Investment Banking bei Sal. Oppenheim und heute Partner bei der Baigo Capital, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Baigo wurde 2007 als erste private Beteiligungsgesellschaft in Europa gegründet, die ausschließlich Unternehmen in der Gesundheitswirtschaft mit notwendigem "Wachstumskapital" versorgt.

Zurückgehender Konsum trifft die Gesundheitsbranche nicht

Von Primäreffekten wie einem zurückgehenden Konsum sei die Ge-sundheitsbranche - anders als etwa die Automobilbranche - in sehr viel geringerem Umfang betroffen, so Bracklo. "Der Gesundheitsbereich ist weniger konjunkturabhängig", betont der Banker. "Die von Krankenhäusern, Arztpraxen und anderen Gesundheitsanbietern erbrachten Leistungen sind auch in schwierigen Zeiten erforderlich." Soll heißen: Der Arztbesuch wegen Grippe lässt sich nicht auf die lange Bank schieben - der Kauf eines neuen Fernsehers dagegen schon.

Treffen könnte die Finanzkrise den Gesundheitssektor dennoch - wenn auch über Umwege. "Das Gesundheitswesen ist stark einnahmegetrieben", sagt Bracklo. "Wenn es zu einer Rezession und damit zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt, dann hat das auch Einfluss auf die Beiträge an die Krankenversicherungen."

Das wiederum würde sich in den nächsten zwölf bis 24 Monaten unweigerlich negativ auf die Finanzsituation der Krankenkassen auswirken - sehr zum Verdruss vieler Ärzte und Krankenhausmanager, die auf die Geldströme der Kassen angewiesen sind und nun mit harten Verhandlungen über höhere Vergütung rechnen müssen.

Nach Einschätzung von Bracklo hat die Finanzkrise und die dadurch drohende Abschwächung des Wirtschaftswachstums aber noch einen weiteren Effekt auf die Gesundheitsbranche: Die kommunalen Haushalte, sagt der Experte voraus, müssten wegen der Krise schon bald mit sinkenden Steuereinnahmen rechnen. Die Not zwinge dann viele Bürgermeister und Landräte zum Verkauf ihrer Krankenhäuser.

"Die Privatisierungsgeschwindigkeit im Gesundheitsbereich korreliert sehr stark mit der finanziellen Situation der öffentlichen Haushalte", so Bracklo. Denn: "Privatisierungen werden nicht aus Überzeugung, sondern aus Not heraus vorgenommen. Und die Not der öffentlichen Hand wird derzeit wieder größer."

Profitieren könnten davon die privaten Klinikketten. "Eine ganze Reihe von Gesundheitsunternehmen wie Rhön, Asklepios oder Fresenius hat über Langfristinstrumente wie Genussscheine, Schuldscheine und Anleihen ausreichend Kapital aufgenommen. Das bedeutet, dass diese Unternehmen für die nächsten Jahre einen soliden Finanzierungsspielraum haben werden." Diesen Spielraum gedenken die Privaten voll ausnutzen, um ihre Position am umkämpfen Klinikmarkt auszubauen.

Den öffentlichen Krankenhäusern dagegen dürfte es in Folge der aktuellen Finanzkrise immer schwerer fallen, das für Investitionen notwendige Geld aufzubringen. "Der Gesundheitssektor hat zunehmend das Problem, Kapital für die dringend notwendige Modernisierung zu beschaffen.

Öffentliche Kliniken werden nur schwer Geld bekommen

Die Bankenkrise verschärft dieses Problem ganz erheblich, weil es noch schwerer wird, an Kredite zu kommen", sagt der Münchner Gesundheitsökonom Professor Günter Neubauer. "Die Bedingungen für eine Kreditvergabe sind schlechter geworden", sagt auch Finanzexperte Bracklo. Die Vergabe von Krediten sei deutlich langsamer geworden und für bestimmte Volumina über 100 Millionen Euro fast ganz zum Erliegen gekommen. Die Banken müssten erst einmal zusehen, dass sie ihre Eigenkapitalquoten stärken, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Über die Beiträge hätte eine Rezession Einfluss auf die Krankenkassen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ein Schub für die Privatisierung

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