Ärzte Zeitung, 10.11.2008

An die neueste Medizintechnik dürfen in der Klinik nur Leute mit dem richtigen Pass

Neue Geräte müssen vom Klinikpersonal auch beherrscht werden. Auf der Medizinmesse Medica zeigen Hersteller, welche Schulungskonzepte sie für ihre Kunden entwickelt haben.

Von Rebekka Höhl

Im Akademischen Trainingszentrum von GE Healthcare in München wird Medizintechnik vermittelt.

Foto: GE Healthcare

Ein Krankenhaus ohne Technik wäre heute nicht mehr denkbar. Immer mehr Geräte verbessern die medizinische Betreuung der Patienten. Dabei wird es für das Klinikpersonal, ob nun Pfleger oder Arzt, aber immer komplexer. Und in Zeiten mangelnden Nachwuchses müssen weniger Mitarbeiter mehr Bereiche abdecken.

"Im Prinzip haben heute fast alle Medizingeräte schon einen kleinen Computer eingebaut", sagt Thomas Weiss, Leiter Service Medizintechnik am Zentrum für Informations- und Medizintechnik der Uniklinik Heidelberg. Die Tendenz zur Technisierung nimmt ungebremst zu. Allein 274 Hersteller bildgebender Verfahren und 528 Diagnostikahersteller präsentieren sich vom 19. bis 22. November auf der Medica. Ausgestellt wird unter anderem auch das Neueste aus OP-Technik, Chirurgie und Endoskopie. Ohne gute Schulung ist das Klinikpersonal da verloren.

Einweisungsbeauftragte sind erste Ansprechpartner

Die Kliniken lösen das Problem zum Teil mit ganz eigenen Schulungskonzepten. Schon relativ weit ist das Universitätsklinikum Heidelberg. In den 1980er Jahren wurde ein spezielles Trainingsprogramm entwickelt. Dieses setzt bei medizintechnischen Geräten auf sogenannte Einweisungsbeauftragte. Das sind Mitarbeiter - zum Beispiel Ärzte - des Klinikums, die in neue Geräte direkt vom Hersteller eingewiesen werden. Die Aufgabe des Einweisungsbeauftragten ist es dann, das im jeweiligen Bereich arbeitende Personal vor Ort zu schulen, und zwar getrennt nach Berufsgruppen.

Jeder, der eine Schulung absolviert, erhält anschließend einen Gerätepass. Den könne man sich wie einen Führerschein vorstellen, erklärt Thomas Weiss vom Uniklinikum Heidelberg. Wer keinen Gerätepass vorweisen kann, darf auch nicht an dem jeweiligen Gerät arbeiten.

Den Gerätepass gibt es nicht für alle Mitarbeiter

Wer nur eine reine "Pro-forma-Einweisung" - also nur das "Knöpfchen-Erklären", aber eben nicht das "selbst Ausprobieren" - durchmacht, bekommt in der Universitätsklinik den Gerätepass nicht. Das Personal soll selbst den Umgang mit den Geräten üben und wird auch über Gefahren, die mit dem Betrieb des Gerätes einhergehen können, aufgeklärt. Schließlich sollen weder Patienten noch das Personal gefährdet werden.

Gebe es zum Beispiel eine Einweisung in ein neues Gerät der Infusionstechnik, dann stehe wirklich jeder zu schulende Mitarbeiter an so einem Apparat und arbeite damit. Dabei werde versucht, den realen Patienten zu simulieren. Das gelingt laut Weiss, indem in den Übungsablauf bewusst Fehler eingebaut werden. Die Lernenden müssen dann auf die nicht vorhersehbare Situation möglichst schnell reagieren.

Die Arbeit am neuen Gerät beginnt immer gleich mit der Einweisung durch den Hersteller. "Da geht dann auch nicht nur der Einweisungsbeauftragte hin, sondern gleich ein ganzes Team", so Weiss. Außerdem reize das Uniklinikum die Schulungen durch den Hersteller aus: Es gebe mindestens fünf oder sechs Schulungen vor der Abnahme, solange bis das Gerät gefahrfrei bedient werden könne, berichtet Weiss.

Bisweilen komme es aber auch vor, dass die eigenen Ärzte oder das Pflegepersonal viel besser als die Hersteller in die neuen Apparate einweisen können. Ob jemand Nachschulungsbedarf hat oder nicht, sei im normalen Stationsablauf zu merken. Hier ist es dann Aufgabe des Einweisungsbeauftragten, erneut üben zu lassen.

Dass eine Einarbeitung in die neue Technik mehrere Tage in Anspruch nehmen kann, ist dabei sogar gewünscht. So könne eine umfassende Geräteeinweisung bei einem Highend-Ultraschallgerät von GE Healthcare (Halle 10/ Stand A 56) zwei bis drei Tage dauern, berichtet das Unternehmen. Darüber hinaus biete GE Basis- und Fortgeschrittenenkurse zu bestimmten Untersuchungstechniken an. Hier würden neben Erkenntnissen aus der Forschung und deren Umsetzung vor allem praxisnahe Tipps und Kniffe zur Verbesserung der Untersuchungstechnik vermittelt. Dabei sind die zusätzlichen Kosten überschaubar. Ein Tagesseminar kostet beispielsweise zwischen 250 und 400 Euro.

Im Mai 2008 hat GE Healthcare zusätzlich ein Akademisches Trainingszentrum in München eröffnet. Es richtet sich an Anwender von bildgebenden Diagnosegeräten wie CT, PET/CT, MRT oder Mammographiesystemen in Zentraleuropa. Darüber hinaus schickt das Unternehmen auch Weiterbildungsspezialisten in die Kliniken, die Trainingseinheiten direkt am Arbeitsplatz durchführen.

Bei der Siemens AG, Healthcare Sector (Halle 10/ Stand A 18), gibt es ein ganz ähnliches Schulungsangebot: Unter dem Namen Uptime Services werden Kunden von Siemens, also das Klinikpersonal, gemeinsam mit den technischen Mitarbeitern des Unternehmens trainiert. Hier wird nicht nur der Umgang mit der neuen Technik geübt. Wichtig ist auch der gemeinsame Austausch von Informationen und Erfahrungen. Denn das erhöht, so argumentiert Siemens, die dauerhafte Verfügbarkeit der Systeme für den Kunden.

Unter Uptime Services werden außer Kursen im Klassenzimmer, die vor Ort in einer Klinik stattfinden können, web-basierte Kurse und virtuelles Training angeboten. Bei den web-basierten Kursen kann der Lernende selbst bestimmen, wann und wo er sich die Inhalte aneignet, übers Internet kann er auf den Lernstoff zugreifen. Beim virtuellen Training arbeitet man zwar ebenfalls am eigenen PC, hier folgt man aber den Anweisungen eines Trainers, der per Web-Kamera hinzugeschaltet ist. Fragen werden online beantwortet.

Fachleute kommen auch aus anderen Kliniken

Wie sehr sich die Ersteinweisungen in die Geräte ähneln, zeigt auch das Beispiel Hitachi Medical Systems GmbH (Halle 9/ Stand D 53 und E 57). Hitachi schickt zunächst einen Applikationsmitarbeiter in die Klinik. Ergänzend dazu werden Hospitationen in Fachkliniken angeboten. Oder aber es wird ein Spezialist aus einer anderen Klinik vorbeigeschickt. Prinzipiell werde ein ganzes Team mit Schwestern und Assistenzärzten eingearbeitet, sagt Axel Hoppe, Leiter Marketing bei der Hitachi Medical Systems GmbH. Wie viele Fachbereiche geschult werden, hänge immer vom jeweiligen Gerät ab. Handelt es sich um Technik, die auch im Operationssaal verwendet wird, werde das Hygienepersonal gleich mitgeschult.

Noch ganz jung ist das Trainingszentrum des Medizingeräteherstellers Olympus (Halle 10/ Stand C 20) für die minimal-invasive Chirurgie. Dieses wurde gerade erst in Hamburg eröffnet. Jährlich 500 Ärzte sowie OP-Personal und Vertriebsmitarbeiter sollen hier in den neuesten Operationsmethoden geschult werden. Insgesamt erwartet das Unternehmen, dass pro Jahr rund 2000 Kursteilnehmer aus ganz Europa in Hamburg aus- und fortgebildet werden können. Dabei will man über die Kooperation mit Kliniken renommierte Ärzte als Trainer gewinnen. Die Kursgebühren liegen zwischen 150 und 1500 Euro.

Einweisungspflicht

Die Medizingerätehersteller sind per Gesetz verpflichtet, wenigstens eine vom Betreiber (also der Klinik) benannte Person in die sachgerechte Handhabung und Anwendung einzuweisen. So verlangt es die Medizinproduktebetreiber-Verordnung (MPBetreibV) zumindest für Geräte der Anlage 1. Das sind zum Beispiel Medizinprodukte (Geräte), die der unmittelbaren Einbringung von Substanzen und Flüssigkeiten in den Blutkreislauf unter potenziellem Druckaufbau dienen.

Da die Hersteller wissen, wie komplex die neuen Apparate sind, bieten sie für das Personal oft weitere Kurse vor Ort oder in extra errichteten Trainingszentren an.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »