Ärzte Zeitung online, 25.11.2008

Klinik-Report: Mängel bei Krebs-Op, Warten auf den Kaiserschnitt

BERLIN (dpa). Fehlende Blutwerte, Mängel bei Krebsoperationen, Entlassung ohne eingehende Untersuchung - Patienten in den rund 2100 deutschen Krankenhäusern können nicht immer auf eine ärztliche Behandlung nach aktuellen Qualitätsstandards vertrauen (wie berichtet). Bei 20 von 194 überprüften Merkmalen der verschiedenen Therapien gibt es laut aktuellem Qualitätsreport "besonderen Handlungsbedarf".

Beispiel Geburtshilfe

Beispiel Geburtshilfe: Sind Baby oder Mutter in Gefahr, entscheiden sich die Ärzte für einen Kaiserschnitt. Zwischen Entscheidung und Geburt sollen höchstens 20 Minuten liegen, um bleibende Schäden zu vermeiden. Bei 207 Geburten in 140 Kliniken dauerte es im vergangenen Jahr länger. Acht Häuser hielten bei keinem Notfallschnitt die 20-Minuten-Grenze ein. Und bei fast jeder zehnten Frühgeburt fanden die Prüfer in den Dokumenten keinen Hinweis über die Anwesenheit eines Kinderarztes - obwohl ein Spezialist dabei sein sollte.

Beispiel Brustkrebstherapie

Beispiel Brustkrebstherapie: Bei bestimmten Verletzungen sollte das Gewebe mit einem speziellen Verfahren geröntgt werden. Nur in 91 Prozent der Fälle stand zweifelsfrei fest, dass die Ärzte standardgemäß vorgingen. Und bei kleinen Tumoren können sich die betroffenen Frauen für eine brusterhaltende Therapie entscheiden. In 80 Prozent der Fälle wurde die Brust durch die Wahl einer bestimmten Behandlungsform erhalten - Raten von 85 Prozent können laut Experten erreicht werden, wenn die Patientinnen konsequent einbezogen werden.

Beispiel Hüft- und Kniegelenks-Ersatz

Beispiel künstliche Hüft- und Kniegelenke: Bevor ein Patient eine künstliche Hüfte bekommt, soll eindeutig geklärt werden, ob er sie wirklich braucht. Statt wie erwünscht in 90 Prozent der Fälle wurden nur zu 81 Prozent alle Kriterien dafür erfüllt. Nach der Einsetzung eines künstlichen Kniegelenks erreichten 78 Prozent der Patienten bald die vorgesehene Beweglichkeit - mindestens 80 Prozent sollen es sein. 323 von 152 273 Patienten starben nach einer Hüftgelenkoperation.

Die Mehrzahl der Eingriffe verläuft lupenrein

Die Mehrzahl der Eingriffe verläuft zwar lupenrein. Und in den vergangenen Jahren hat sich die Lage auch verbessert. Die Prüfungen der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS), einem Gremium von Krankenkassen, Kliniken und Ärzten, sollen die Mängel weiter verringern. Verfehlt eine Klinik die Standards häufig, wird sie durch Zielvereinbarungen zu Verbesserungen gedrängt. Zum Beispiel stieg der Anteil der Patienten mit Lungenentzündung, deren Zustand vor der Entlassung gründlich geprüft wurde, binnen eines Jahres um fast 13 Prozentpunkte an - wenn auch nur auf 64 Prozent.

Einfach ist es nicht im verschachtelten deutschen Gesundheitswesen mit Verbesserungen. Kassen- und Patientenvertreter kritisierten bei der Vorstellung der Zahlen am Dienstag heftig, dass der Dialog zwischen BQS und Problemkliniken völlig im Dunkeln ablaufe. Klinikvertreter griffen im Gegenzug den Kassenverband an. Der Nutzen eines solchen Schlagabtauschs der Funktionäre für die Patienten blieb unklar.

Dabei liegen Vorschläge auf dem Tisch. So ist nur ein Bruchteil der Ergebnisse auf den Internetseiten der Kliniken oder anderen Portalen zu finden. Qualitätsberichte einzelner Krankenhäuser werden nur alle zwei Jahre aktualisiert. Der Gesundheitsexperte des Verbands der Verbraucherzentralen, Stefan Etgeton, fordert mehr Transparenz: "Der interne Prozess wird nicht dadurch behindert, das man die Dinge veröffentlicht."

Nach EU-Angaben ist europaweit jede zehnte medizinische Behandlung fehlerhaft

Europaweit ist nach Angaben der EU-Kommission jede zehnte medizinische Behandlung fehlerhaft (wie berichtet). Nach AOK-Schätzungen sterben jährlich mehr als 5000 Klinikpatienten wegen Fehlern, vermeidbaren Infektionen und unerwünschten Arznei-Nebenwirkungen im Krankenhaus. Selbst eine mehr als dreimal so hohe Opferzahl wird von Experten genannt. Prominente Ärzte und Pfleger gingen bereits in die Offensive und benannten eigene Fehler. Immer wieder starten Ärzte- Organisationen Aktionen für mehr Hygiene auf Station und im Operationssaal. Doch ein drastischer Rückgang der Gefahren wurde seit entsprechenden öffentlichen Vorstößen der jüngeren Zeit noch nicht ermittelt.

Hilfe für die Kliniksuche: www.weisse-liste.de

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