Ärzte Zeitung online, 15.06.2009

Diagnostik, postoperative Therapie oder Anamnese: Behandlungsfehler gibt es überall

Gut zwei Drittel der Behandlungsfehler passieren im Krankenhaus, ein knappes Drittel im ambulanten Bereich. Das lässt sich aus einer aktuellen Statistik der Bundesärztekammer schließen.

Von Angela Mißlbeck

Diagnostik, postoperative Therapie oder Anamnese: Behandlungsfehler gibt es überall

Von 2090 Behandlungs- und Risikoaufklärungsfehlern, die die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern im vergangenen Jahr festgestellt haben, sind 69 Prozent in Kliniken und 31 Prozent in Praxen passiert. Dem stehen 17 Millionen stationäre Behandlungsfälle und 440 Millionen ambulante Patientenkontakte gegenüber.

Rund 40 000 Behandlungen werden pro Jahr beanstandet

Rund 40 000 Behandlungen führen jedes Jahr zu Fehlervorwürfen, die aktenkundig werden. Etwa ein Viertel davon betreuen die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen. Mit der jährlichen Auswertung ihrer Daten wollen sie nicht nur besonders fehlergefährdete Indikationen und Fachgruppen identifizieren, um den Ärzten Hinweise auf Fehlerhäufigkeiten und damit auch die Gelegenheit zum Lernen aus Fehlern zu geben. Es geht auch darum die Patientenunzufriedenheit zu erfassen. "Wir sehen, wo Patienten der Schuh drückt, ohne dass sie vielleicht falsch behandelt worden sind", sagt der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern, Rechtsanwalt Johann Neu. Dazu werden die Vorwürfe erfasst und analysiert.

Diagnostik, postoperative Therapie oder Anamnese: Behandlungsfehler gibt es überall

Hausärzte führen die Fehlerstatistik an - das liegt aber nur an der vergleichsweise hohen Zahl der Patientenkontakte.

Insgesamt 10 967 Patienten haben sich im vergangenen Jahr an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern gewandt. Das waren rund 450 mehr als im Vorjahr. Neu führt den Zuwachs darauf zurück, dass das Vertrauen in die Institutionen der ärztlichen Standesvertretung gestiegen ist.

Entschieden haben die Einrichtungen über 7133 Anträge. Dabei standen die meisten Patientenvorwürfe im Zusammenhang mit Operationen. Zu den Klassikern zählen außerdem Vorwürfe über Fehler bei der bildgebenden Diagnostik und der postoperativen Therapie. Deutlich gestiegen ist die Zahl der Vorwürfe in Sachen Anamnese und Untersuchung. Im vergangenen Jahr haben 1088 Patienten beklagt, dass die körperliche Untersuchung zur Diagnostik nicht oder nicht ausreichend gewesen sei, während 2007 nur knapp 800 diesen Vorwurf erhoben.

Schneidende Fächer häufig in der Kritik

Die meisten Behandlungsfehlervorwürfe haben die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei Gelenkoperationen und Knochenbrüchen dokumentiert. "In den schneidenden Fächern sind die Patienten aufmerksamer", sagt Neu. Das erklärt auch, warum sich die meisten Vorwürfe nach einer Klinikbehandlung an Unfall- und Allgemeinchirurgen und an Orthopäden richten. Auch nach einer ambulanten Behandlung werden Orthopäden und Allgemeinchirurgen sehr häufig mit Vorwürfen konfrontiert.

Häufiger trifft es nur die niedergelassenen Hausärzte, die allerdings auch zahlenmäßig deutlich stärker vertreten sind als ihre schneidenden Facharztkollegen.

Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen

Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern wurden 1975 eingerichtet. Ärzte und Juristen arbeiten dort zusammen. Sie sollen zur außergerichtlichen Einigung bei Streitigkeiten um Arzthaftungsfragen und Behandlungsfehlervorwürfen beitragen. 90 Prozent ihrer Entscheidungen wurden 2008 von beiden Parteien akzeptiert. Das Verfahren ist für Patienten kostenlos. "Die Einrichtungen werden als positives Beispiel für den Umgang mit Behandlungsfehlern gesehen, weil sie nicht nur zur Klärung von Vorwürfen einen wichtigen Beitrag leisten, sondern auch zur Fehlervermeidungskultur im Gesundheitswesen", so Dr. Andreas Crusius, Vorsitzender der ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei der Bundesärztekammer. (ami)

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