Klinik Report, 23.06.2010

Krankenhausrechnungen in der Kritik

Viele Kliniken empfinden die zunehmenden Rechnungsprüfungen der Kassen nur als Schikane. Diese klagen im Gegenzug über überhöhte Rechnungen. Liegt der Streit am komplizierten Honorarsystem?

Von Antonia von Alten

Krankenhausrechnungen in der Kritik

Einen Tag länger stationär behandeln? Das kann zu Rechnungskürzungen durch den MDK führen.

© Jochen Tack / imago

Die Abrechnungsabteilungen der Krankenhäuser fühlen sich seit einigen Monaten als Opfer einer Kampagne der Krankenkassen und deren Verbände. Immer wieder war zu lesen, die Kliniken rechneten mit den Kassen gezielt falsch ab und jede zweite Krankenhausabrechnung sei zu hoch. Der Schaden, der den Kassen durch diese fehlerhaften Abrechnungen entstehe, liege bei 1,5 Milliarden Euro, hieß es.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hält dagegen: "Diese Vorwürfe sind falsch. Das sind böswillige Behauptungen", so der Hauptgeschäftsführer der DKG, Georg Baum. "95 Prozent der Krankenhausrechnungen bleiben letztlich unbeanstandet. Und das bei 17 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr, von denen zehn bis zwölf Prozent geprüft werden bei einer Erfolgsquote von 40 Prozent", stellt Baum richtig.

In Euro ausgedrückt: Von den insgesamt 55 Milliarden Euro, die die GKV jedes Jahr an die Kliniken überweist, werden durch die Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) etwa 670 Millionen Euro gekürzt - etwas mehr als ein Prozent.

Gleichzeitig, so die Kritik der DKG, sind die Bürokratielasten durch die Kassen- und MDK-Prüfungen extrem hoch. Obwohl in Paragraf 275 SGB V nur die verdachtsabhängige Einzelfallprüfung vorgesehen ist, finde mit einer durchschnittlichen Prüfquote von zehn bis zwölf Prozent eine regelhafte, über Computerprogramme ausgelöste Massenprüfung statt, kritisiert Baum.

In den Krankenhäusern binden diese Prüfungen die ohnehin schon knappe ärztliche Arbeitsleistung. Wenn man die MDK- und Kassenverwaltungskosten ursachengerecht zuordnen würde, dann kämen laut DKG etwa 9,5 Milliarden Euro zusammen, die Prüfflut binde etwa 2000 Klinikangestellte pro Jahr. Baum: "Die Rechnungskürzungen von 670 Millionen Euro stehen dazu in keinem Verhältnis."

Was bemängeln die Prüfer an den Rechnungen? Bewusstes Upcoding, Betrug also? Oder ist das DRG-System zu komplex? Brauchen die Klinikfachleute Nachhilfeunterricht? Ja, sagt Birgit Fischer, Chefin der größten gesetzlichen Krankenkasse, der Barmer GEK. Sie wolle Kliniken keine "böse Absicht" unterstellen, so Fischer. Sondern: "Es liegt an dem komplizierten Kodierungssystem." Immerhin müsse bei der Behandlung jedes Patienten aus mehr als 13 000 Diagnosen und 27 000 Prozeduren eine Dokumentation erstellt werden.

Die DKG ist anderer Meinung. Nur in wenigen Fällen wird vom Medizinischen Dienst die Kodierung beanstandet. In 70 Prozent aller Prüfungen werde vielmehr bemängelt, dass Patienten überhaupt aufgenommen wurden oder dass sie zu lange in der Klinik behalten wurden. Hier gehe es nicht um Abrechnung, sondern hier werde die von den Krankenhäusern geleistete umfassende medizinische Versorgung in Frage gestellt, so DKG-Chef Baum.

Um das Fingerhakeln mit dem MDK erfolgreich zu bestehen, haben die Klinikchefs ihre Abrechnungsabteilungen in den vergangenen Jahren auf Vordermann gebracht und personell verstärkt. Eine Stichprobe des Deutschen Krankenhaus Instituts in 840 Kliniken, dem Krankenhausbarometer 2009, ergab, dass 90 Prozent der befragten Kliniken in den vergangenen vier Jahren an der Kodier- und Dokumentationsqualität ihres Hauses gearbeitet haben. Dazu gehört die schnellere Fallfreigabe durch die Ärzte und die mehrmalige Rechnungslegung pro Woche.

Damit sich die MDK-Prüfungen nicht zu lange hinziehen und Kliniken ihr Geld schneller bekommen, haben 70 Prozent der Häuser der Umfrage zufolge eigenes Personal für die MDK-Prüfungen abgestellt. Aber auch das Mahnwesen wurde überarbeitet. In 70 Prozent der Kliniken wurde ein standardisiertes Vorgehen bei der Überschreitung der Zahlungsfristen eingerichtet.

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