Medica Aktuell, 19.11.2010

Schockraum: Jede Minute zählt

Schockraum: Jede Minute zählt

Die Loveparade in Duisburg endete in einem Desaster: Im Tunnelsystem, das die Raver zur Veranstaltung führte, brach eine Massenpanik aus. 500 Menschen wurden verletzt, 21 davon tödlich. Die Unfallklinik Duisburg zeigt, welche Rolle der Schockraum bei der Versorgung der Verletzten hat.

Von Karoline Laarmann

Schockraum: Jede Minute zählt

Das Schockraum-Team kämpft um das Leben eines Loveparade-Opfers in Duisburg.

© BGU

Wo die Sicherheitskräfte auf der Loveparade in Duisburg versagten, griff zumindest das von der städtischen Feuerwehr koordinierte medizinische Rettungsnetzwerk perfekt ineinander. Eine der Kliniken in der näheren Umgebung, die maßgeblich an der Versorgung der Schwerverletzten beteiligt war, ist die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Duisburg (BGU).

Einer der Dienst habenden Ärzte am 24. Juli war Dr. Christian Illian, Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie. "Bei der Loveparade gab es nur zwei Arten von Patienten: Schwerstverletzte oder Leichtverletzte. Dazwischen war nichts." Auch wenn niemand mit einer Großkatastrophe dieses Ausmaßes gerechnet hatte, war man an diesem Tag in der BGU gut vorbereitet.

Alle Abteilungen waren doppelt besetzt. Insgesamt 40 Patienten wurden in der BGU behandelt. Davon konnten bis zu sieben Schwerverletzte gleichzeitig versorgt werden: zwei Patienten mit Polytrauma in den zwei Schock-Räumen und fünf nicht lebensbedrohlich Verletzte, meist mit stumpfen Verletzungen wie Quetschungen des Brustkorbs.

"Notfallszenarien wie diese funktionieren wie ein gut durchchoreografierter Boxenstopp bei der Formel 1: Jeder Handgriff muss sitzen. Reanimation, Stabilisierung und Diagnose - das alles in maximal 20 Minuten", erklärt Illian. "Denn nach 60 Minuten sinkt die Überlebenschance beim Polytrauma deutlich.

Wer also kein gut organisiertes Schockraummanagement hat, der bekommt bei der Versorgung schwerstverletzter Patienten Probleme." Das belegen auch die Zahlen des Traumaregisters San Diego aus dem Jahr 1992, die immer noch Gültigkeit haben.

Die Zahlen zeigen, dass 53 Prozent der Fehler, die über das Outcome des Patienten entscheiden, im Schockraum auftreten. Zu den häufigsten Fehlern zählen übersehene abdominelle Verletzungen, übersehene relevante Diagnosen und Verzögerungen der Notfalloperation.

Jeder muss seine Aufgaben im Schockraum kennen

Das Schockraum-Konzept der Duisburger Unfallklinik ist nach den internationalen ATLS® Ausbildungs-Prinzipien (Advanced Trauma Life Support) konzipiert. Jeder Mitarbeiter hat dieses Training durchlaufen. Darüber hinaus gibt es ein intern verfasstes Informationsheft über das gemeinsam erarbeitete Teamkonzept.

"Die Abläufe müssen immer dieselben sein," erklärt Illian. "Unser Personal arbeitet in ständig wechselnden Team-Konstellationen zusammen, da darf nichts dem Zufall überlassen werden. Jeder muss seine Aufgaben kennen und diese auf Abruf selbstständig umsetzen."

Zu diesem Konzept gehört auch, dass die Mitarbeiter über den Schockraumfunk der Leitstelle mit einem einfachen Ampelsystem alarmiert werden, um die personellen Ressourcen optimal zu koordinieren und zu nutzen: Rot bedeutet die Einlieferung eines schwerverletzten, beatmeten Patienten, Gelb bedeutet Einlieferung in Notarztbegleitung, Grün die Einlieferung eines Patienten mit einer Einfachverletzung.

Nur bei Alarmstufe Rot wird das gesamte Team in den Schockraum beordert. Bei Grün sind es nur ein Unfallchirurg, zwei Pflegekräfte und eine Medizinisch-Technischen Radiologieassistentin (MTRA).

Auch der Schockraum selbst ist an strategisch günstiger Stelle platziert: Er befindet sich im Erdgeschoss direkt an der Notfallanfahrt. Der Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach ist über Aufzüge mit dem Schockraum verbunden. Auf kurzen Wegen sind OP-Säle, Intensivstation und CT zu erreichen.

"Wir arbeiten mit einem 128 Zeilen CT, das in 90 Sekunden den kompletten Körper scannt. Somit ist eine optimale und schnellstmögliche Diagnostik möglich. Das CT wird für unsere Arbeit aber nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus rechtlicher Hinsicht immer wichtiger," erklärt Illian. "Denn sollten wir bei der Diagnose etwas übersehen haben, dann kann das juristische Konsequenzen haben. Auch deshalb arbeiten wir mit einem Hochleistungsgerät, da es die beste bildliche Auflösung bietet."

Damit auch im Schockraum nicht zum Chaos kommt, hat jeder der bis zu zwölf Personen seinen fest zugewiesenen Platz. Am BGU ist man in der glücklichen Situation, dass der Schockraum 30 Quadratmeter groß ist - andere Kliniken verfügen gerade einmal über die Hälfte an Platz. Positionierungspunkte sorgen dafür, dass auch die Krankentrage stets so gelagert wird, dass während der Untersuchung niemand behindert wird.

Eine Stoppuhr wacht über das Geschehen und mahnt daran, dass die Zeit nicht aus den Augen verloren wird.

Nur aus konstruktiver Kritik kann man lernen

Sämtliche Maßnahmen und erhobenen Befunde werden durch die Unfallchirurgie auf dem Schockraumbogen der BGU dokumentiert, der entsprechende Parameter enthält, um wissenschaftlich ausgewertet werden zu können. Zusätzlich führt die Anästhesie bei jeder Narkose ein obligates Narkoseprotokoll.

Dreh- und Angelpunkt eines optimierten Schockraum-Managements ist darüber hinaus die Nachbesprechung, betont Illian: "Zeitnah werden alle Schockraumfälle mit den Beteiligten besprochen. Als zertifiziertes Traumazentrum treffen wir uns zusätzlich alle zwei Monate in einer Arbeitsgruppe. Hier darf sich jeder frei und gleichberechtigt über gemachte Fehler äußern - von der Pflegekraft bis zum Chefarzt.

Denn nur aus konstruktiver Kritik kann man lernen. Dabei kommt es schon mal zu heißen Wortgefechten, die keiner persönlich nimmt, da es schließlich nur um eine optimale Patientenversorgung geht."

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