Ärzte Zeitung online, 13.05.2011

Expertin: Viel mehr Gewalt gegenüber Krankenhausärzten

Ärzte sollen heilen, doch sie müssen häufig selbst um ihre Gesundheit bangen. Gewalt gehört offenbar in vielen Krankenhäusern zum Alltag, vor allem in den Notaufnahmen. Über Lösungen wollen an diesem Wochenende Experten bei einem Symposium in Berlin beraten.

Expertin: Viel mehr Gewalt in Krankenhäusern gegenüber Ärzten

Faustschläge, Beschimpfungen und Schubsereien kommen offenbar immer häufiger in Krankenhäusern vor.

© blickwinkel / imago

BERLIN (dpa). Beschimpfungen, Schubsereien, aber auch Angriffe mit Waffen und Möbeln stehen in deutschen Krankenhäusern offenbar auf der Tagesordnung. Betroffen seien vor allem Ärzte und Pfleger in Notaufnahmen, wo häufig alkoholisierte Patienten eintreffen.

"Die Gewaltbereitschaft nimmt zu", sagte Andrea Stewig-Nitschke vom Deutschen Berufsverband für Pflegekräfte in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Etwa drei von vier Pflegenden hätten Erfahrungen mit Gewalt und Aggressionen durch Patienten und Angehörige.

Körperliche und psychische Gewalt

Oftmals seien die Mitarbeiter auch psychischer Gewalt ausgesetzt. "Patienten drohen, ihnen später aufzulauern und gewalttätig zu werden", erklärt die Leiterin einer Arbeitsgruppe für Pflegende in der Ersten Hilfe und Notaufnahme.

In anderen Fällen würden Ärzte und Pfleger verprügelt, wie etwa vor zwei Jahren in Hamburg-Bergedorf. Dort verletzte ein Patient einen Mitarbeiter der Notaufnahme mit Tritten.

Nach den Angriffen litten viele Betroffene unter körperlichen und seelischen Folgen. "Die Mitarbeiter ziehen sich oft zurück, grenzen sich ab und sind stark verunsichert. Manche leiden unter Schlafstörungen, oft sinkt auch die Arbeitsleistung", sagte Stewig-Nitschke.

Den Krankenhäusern entstünden durch Arbeitsausfälle Kosten. Dennoch gebe es in Deutschland - anders als etwa in den USA und Kanada - noch keine aussagekräftigen Untersuchungen des Problems.

Organisation der Notfallaufnahmen auch eine Ursache für die Gewalt

Die Ursachen für die Gewalt liegen laut Stewig-Nitschke nicht nur bei den Patienten, sondern auch in der Organisation der Notfallaufnahmen. Lange Wartezeiten oder mangelnde Informationen über die nächsten Behandlungsschritte steigerten das Konfliktpotenzial.

Bereits mit wenigen Schritten ließen sich einige Probleme beheben, erklärt die auf Organisationsstrukturen spezialisierte Betriebswirtin und Krankenschwester: "Es hilft schon, die Stühle in den Warteräumen festzuschrauben, selbstschließende Türen einzubauen und einen Alarmknopf zu installieren".

Neben Deeskalationsschulungen sei auch eine gute Organisation im Warteraum wichtig. Das sogenannte Manchester-Triage-System, bei dem die Patienten strukturiert nach Dringlichkeit eingestuft und behandelt werden, bewähre sich seit 2004 in deutschen Kliniken.

Klinikübergreifendes Konzept geplant

Bei einem Symposium zum Thema "Gewalt an Personal in Notfallaufnahmen" am Samstag (14. Mai) in Berlin werde ein Vivantes-Vertreter über das Konzept berichten.

Experten aus verschiedenen Krankenhäusern wollen außerdem ein klinikübergreifendes Konzept zur Gewaltreduzierung entwickeln.

Ein weiteres Ziel ist laut Stewig-Nitschke die Entwicklung eines einheitlichen Meldesystems: "Da jeder Mitarbeiter Gewalt unterschiedlich wahrnimmt, werden nicht alle Vorfälle entsprechend erkannt und registriert, dies erschwert ein strukturiertes Vorgehen."

Informationen zum Symposium "Gewalt an Personal in Notfallaufnahmen"

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