Ärzte Zeitung online, 15.08.2011

Portal für Zweitgutachten: Kassen bald mit im Boot?

Wenn Chirurgen ein Internet-Portal "Vorsicht! Operation" nennen, muss etwas dahinter stecken. Seit Montag können sich Patienten dort Zweitmeinungen einholen. Der Berufsverband lobt den Vorstoß, die Kassen prüfen, ob sie die Kosten tragen wollen.

Online-Portal für Zweitgutachten: Kassen prüfen Kostenübernahme

Hüftgelenk-Op: Patienten können ab sofort Zweitmeinungen online einholen.

© Mathias Ernert / Klinikum Mannheim

HEIDELBERG (ava). Vor chirurgischen Eingriffen können Patienten seit Montag im Internet den Rat von Fachärzten einholen. Über die Internetseite www.vorsicht-operation.de können sie Röntgen- und MRT-Dateien an Spezialisten schicken.

Die erstellen innerhalb von zwei Wochen ein Zweitgutachten mit Diagnose und Therapieempfehlungen sowie alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Die Kosten betragen je nach Umfang 200 bis 600 Euro.

Initiator des Projekts ist der Kniespezialist Professor Hans Pässler aus Heidelberg. "Ich beobachte, dass viele Patienten mit falschen Indikationen zu mir kommen. Das hat sich in den letzten Jahren gehäuft," berichtet der 75 Jahre alte Chirurg der "Ärzte Zeitung".

Daher entschloss er sich, Kollegen für ein Internetportal zu gewinnen. Pässler: "Ich habe offene Türen eingerannt". 16 führende deutsche und Schweizer Chirurgen hat er angesprochen.

15 von ihnen waren spontan bereit, als Fachärzte für Zweitgutachten zur Verfügung zu stehen. "Nur ein Schulterspezialist hat abgesagt, weil er keine Zeit hat", so Pässler.

Krankenkassen vermuten zu häufige Operationen

Pässler zufolge sehen auch die Krankenkassen das Problem, dass zuviel operiert wird. Er verweist auf Studien, nach denen in Schweden und Frankreich nur halb so viele Operationen am Bewegungsapparat ausgeführt werden wie in Deutschland.

Die größte private Krankenversicherung in Deutschland, die Debeka mit mehr als zwei Millionen Vollversicherten, prüft derzeit, ob im Rahmen eines Pilotprojekts die Kosten für ein Zweitgutachten der Ärzte von "Vorsicht! Operation" bei Knie- und Hüftoperationen übernommen werden können.

"Wir wollen Erfahrungen sammeln", begründete der stellvertretende Pressesprecher der Debeka Christian Arns die Überlegung. Auch gesetzliche Kassen prüfen laut Pässler die Übernahme der Kosten.

Berufsverband: Ops sind nicht überflüssig

Befürwortet wird das neue Portal vom Berufsverband der deutschen Chirurgen. Jörg-Andreas Rüggeberg, Vizepräsident des Berufsverbandes hofft, dass damit der Vorwurf entkräftet werde, viele der Operationen seien überflüssig und würden nur aus Profitsucht angeordnet.

"Wir haben keine Angst, dass die Zweitgutachter zu einem anderen Ergebniss kommen," so Rüggeberg. Gelenkersatzoperationen würden nicht "einfach so" angesetzt. Ohne massive Beschwerden würden sich Patienten nicht auf diese schweren Eingriffe einlassen.

Sie hätten jedoch den Anspruch, beschwerdefrei zu leben. Diese Haltung der Patienten - und nicht profitsüchtige Chirurgen - seien der Grund für die hohen Op-Zahlen.

Grundsätzlich, so eine Sprecherin des Berufsverbandes weiter, habe jedoch auch jetzt schon jeder Patient das Recht, auf Kosten seiner Krankenkasse einen weiteren Arzt zu konsultieren und bei ihm eine Zweitmeinung einzuholen.

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[16.08.2011, 10:04:58]
Dr. Alfred Cassebaum 
Falsche Anzeizsysteme
Die Kassen sollen sich an die eigene Nase fassen: wer Mindestmengen einführt, treibt damit Op.-Zahlen in die Höhe. Wen kann es wundern, wenn Indikationsstellungen durch materielle Anreizsysteme beeinflusst werden? Auch "variable Gehaltsbestandteile" honorieren in der Regel ausschließlich die Menge der erbrachten Leistungen: viel ist gut. Es ist ein naiver Fehlschluss der Gesundheitsökonomie, dass es eine feststehende Menge an medizinischen Leistungen gibt, die unter den Leistungserbringern im Wettbewerb aufgeteilt wird. Wir Ärzte sagen, was medizinisch notwendig ist - und werden dabei natürlich beeinflusst durch die zunehmende "Incentivierung"; wer kann behaupten, wirklich noch frei zu entscheiden und zu beraten, wenn zuvor der Geschäfstführer des Krankenhauses mit sorgengefurchter Stirn auf die stagnierenden Casemix-Punkte hingewiesen hat?
Momentan erfordert gute Medizin - und das heißt oft genug eben weniger Medizin - ein ärztliches Verhalten, das unbeirrbar an Qualitätsstandards festhält und sich damit der ökonomischen Wachstums-Logik, welche im Gesundheitswesen um sich greift, widersetzt. Solange wir Ärzte allerdings den Betriebswirten die Definition der Betriebsziele überlassen, haben wir verloren. zum Beitrag »
[16.08.2011, 06:45:21]
R. Mortag 
Hallo Spezialisten
Man möge sich doch einmal die selbst erklärten Spezialisten genauer ansehen.

Ich kenne einen der Knie und Hüft "Spezialisten" persönlich, der in Deutschland leider nicht mehr operieren durfte. DAS sagt wohl alles über "Spezialisten" zum Beitrag »

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