Ärzte Zeitung online, 18.11.2011

Der Doktor und das iPad: Neurologen online

Mit dem iPad zur Visite? Dieser Traum junger Ärzte wird an der Berliner Uniklinik Charité jetzt Wirklichkeit. In der neurologischen Klinik am Campus Berlin-Mitte sind seit Mitte Oktober zehn Ärzte mit iPads unterwegs.

Von Angela Mißlbeck

Der Doktor und das iPad: Neurologen online

Mit dem iPad in der Neurologie.

© Wiebke Peitz / Charité

BERLIN. Professor Stephan Brandt will sein iPad nicht wieder hergeben. Der stellvertretende Klinikdirektor für Neurologie der Charité hat das iPad erst vor knapp sechs Wochen erhalten. Doch es gehört bereits zum Klinikalltag.

"Die meisten haben das Ding bei der Frühbesprechung auf dem Schoß", sagt er. Es sei inzwischen schon ein regelmäßiger Begleiter.

Noch ersetzt es zwar nicht den Rechner im Arztzimmer, wo sämtliche Daten in die diversen Klinik-Software-Systeme eingepflegt werden. Aber es hält alle Daten parat, die irgendwo in der Klinik zu einem Patienten elektronisch vorliegen.

Möglich macht das eine Anwendung des Systementwicklers SAP. Gemeinsam mit der Charité hat SAP die App Electronic Medical Record (EMR) entwickelt, genau wie die stabile Plattform, aus der sie sich bedient.

In die Plattform fließen Daten aus den Kliniksystemen, zum Beispiel ish-med, PACS und LIS. Die Plattform bedient vielfältige Endgeräte, egal ob iPads, Desktop-PCs oder iPhones - so wird die Patientenakte mobil.

Auf dem Display finden sich alle relevanten Daten

Ob Patientendaten, Laborbefunde, Diagnosen, Prozeduren oder Bilder - alles was irgendwo elektronisch erfasst wurde, findet sich in der mobilen Akte wieder.

Ein DRG-Alarm warnt bei Über- oder Unterschreitung der Grenzliegedauern. Zusätzlich bietet die App Zugriff auf externe Infoquellen, wie etwa die Rote Liste oder Guidelines der Fachgesellschaften.

Und wenn ein Arzt die Telefonnummer seines Kollegen sucht, findet er auch die auf seinem iPad.

Für den Neurologen Brandt ist das iPad eine große Erleichterung. Er ist froh, dass er nicht mehr ständig hin und her rennen muss, um Infos zusammenzutragen.

Als "riesige Zettelwirtschaft" bezeichnet er die herkömmliche Patientenakte. "Wir besprechen das noch mal", war einer der häufigsten Sätze bei Visiten, weil Informationen nicht vor Ort waren.

"Das hat unseren Alltag geprägt", sagt Brandt. Mit EMR und iPad gehört das der Vergangenheit an. Ein weiterer Vorteil aus Sicht des Oberarztes: Die Daten auf dem iPad sind immer aktuell. Bei der Übergabe an die nächste Schicht fällt nichts unter den Tisch.

Patienten schätzen die Bebilderung der Diagnosen

"Die Bilder kommen am besten an", sagt Brandt - sowohl bei Kollegen als auch bei Patienten. Alle finden es gut, dass Diagnosen nun mit Bildern erläutert werden können.

"Das ist eine Art des Arzt-Patienten-Kontakts, wie wir uns das wünschen", sagt der Neurologe. Sein Fazit zu der technischen Innovation: "Das ist nicht nur ein schönes Spielzeug, sondern auch ein Instrument um Arbeitsabläufe zu optimieren - sowohl qualitativ als auch zeitlich".

Denn auch das haben die Neurologen der Charité festgestellt: Wenn einer mit iPad und der andere mit dem Visitenwagen zur Visite losging, war der mit dem iPad immer schneller.

Damit die Neuentwicklung denen nutzt, die sie nutzen sollen, hat SAP eng mit der Charité kooperiert. IT-Experten waren mit den Ärzten auf der Station unterwegs.

Von einer "Ko-Innovation" spricht Dr. Peter Langkafel, der bei SAP die Health Care Abteilung leitet. Es sei weltweit das erste Mal gewesen, dass der IT-Konzern eine neue Anwendung praktisch "life" entwickelt hat.

Er geht davon aus, dass sich für die Plattform bald viele weitere Apps finden. "Das letztendliche kommerzielle Modell ist noch nicht ausdiskutiert", sagte er.

iPad könnte medizinische Versorgung optimieren

Für die Charité steht fest, dass sie weiter damit arbeiten will. "Wir sehen eine gute Chance für die Verbesserung der Versorgung", sagt Hagen Hupperts vom IT-Bereich der größten Uniklinik Europas.

Er rechnet zudem damit, dass das Projekt Effizienzpotenziale hebt. Perspektivische Chancen sieht er auch in neuen Geschäftsfeldern. Als Beispiel nennt er die Betreuung peripherer Kliniken.

Nun sollen zunächst die neurologischen Kliniken an den anderen Standorten mit der Technik ausgestattet werden, dann die Neurochirurgie und die Pulmologie.

 Laut Hupperts unterstützt nun auch die Telekom das Projekt, indem sie 34 iPads für die gesamte Neurologie der Charité zur Verfügung stellt.

Auch die EMR muss nicht auf dem jetzigen Entwicklungsstand bleiben. Der Neurologe Stephan Brandt wünscht sich zum Beispiel eine Funktion für Notizen. Außerdem ist die App bisher nicht für die Dateneingaben vorgesehen. Das kann sich ebenfalls perspektivisch noch ändern.

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