Ärzte Zeitung online, 30.11.2011

Frühchen-Skandal: Verdacht auf mehr Todesfälle

Noch mehr tote Frühchen? Es gibt Hinweise, dass im Bremer Klinikum Mitte möglicherweise doppelt so viele Frühchen an resistenten Keimen gestorben sind als angenommen. Deutschlands Intensivmediziner fordern generelle Konsequenzen - und weniger Konkurrenzkampf um Patienten.

Neonatologe: Wettkampf um Frühchen muss aufhören!

Die winzige Hand eines Frühchens an dem Finger eines Erwachsenen: Einige Früchen sterben - je nach Bundesland variiert die Zahl.

© Fredrik von Erichsen / dpa

LEIPZIG (dpa). Im Bremer Klinikum Mitte sind möglicherweise sechs Frühchen am multiresistenten Keim Klebsiella pneumoniae gestorben. Bislang war von drei Todesfällen die Rede.

"Es gibt Hinweise auf weitere an dem Keim verstorbene Kinder", sagte Staatsanwaltschaftssprecher Frank Passade am Mittwoch. Ein Fall stamme aus dem vergangenen Jahr.

Staatsanwalt ermittelt gegen ehemaligen Chefarzt der Kinderklinik

Radio Bremen hatte berichtet, dass sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft jetzt gegen den ehemaligen Chefarzt der betroffenen Kinderklinik richten. Er war für die gesamte Hygiene in der Klinik verantwortlich und hat nach Meinung des Klinikverbundes Nord das Problem nicht rechtzeitig erkannt. Nach seinem Rücktritt war er im November entlassen worden.

Hygiene-Experten aus Freiburg haben damit begonnen, die Klinik unter die Lupe zu nehmen. Ein Untersuchungsausschuss des Bremer Landtags soll die Ursache der schweren Infektionen aufklären.

Bislang hatte die Justiz nur wegen drei toter Frühchen gegen Unbekannt ermittelt. Passade schloss nicht aus, dass noch andere Verantwortliche in den Fokus der Anklagebehörde rücken.

Neonatologe: Wettkampf um Frühchen muss aufhören!

Unterdessen haben Ärzte nach der tödlichen Infektionswelle auf der Bremer Frühchenstation die Branche zum Umdenken aufgefordert.

"Die Kliniken müssen endlich aufhören, um Hochrisiko-Patienten zu konkurrieren. Wir brauchen im Umkreis von 100 Kilometern keine vier Frühchen-Intensivstationen. Wir brauchen eine einzige, die dafür aber medizinisch wie personell auf dem allerhöchsten Niveau arbeitet", sagte der Neonatologe Professor Gerhard Jorch am Mittwoch zu Beginn eines Kongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin und Notfallmedizin (DIVI) in Leipzig.

Unter dem Motto "Fortschritt und Verantwortung" geht es hier bis Samstag (3. Dezember) vor allem um Kinder- und Jugendmedizin.

Versorgung von Frühgeborenen müsse verbessert werden

"Ob mangelnde Hygiene, zu wenig Personal oder gleich mehrere Faktoren die Ursache für die tragischen Todesfälle in Bremen waren: Aus Sicht der DIVI zeigt das Beispiel Bremen in jedem Fall, dass die Versorgung von Frühgeborenen verbessert werden muss", hieß es. Potenzial dafür gebe es aber nicht nur in Bremen.

Jorch zufolge ist die Neugeborenen-Sterblichkeit insgesamt in Deutschland zwar sehr gering, in den einzelnen Bundesländern jedoch sehr unterschiedlich.

Deutliche regionale Unterschiede

Im vorigen Jahr starben den Angaben zufolge in Deutschland von 670.000 lebend geborenen Kindern mehr als 1500 in den ersten vier Wochen und weitere 470 im ersten Lebensjahr.

Vor allem müsse untersucht werden, warum es so deutliche regionale Unterschiede mit sehr niedriger Sterblichkeit in Mitteldeutschland und hoher Sterblichkeit in Nordwestdeutschland gebe, sagte Jorch, der in Magdeburg die Universitätskinderklinik leitet.

Höhere Sterberate in NRW als in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt starben 2010 von 17.300 Neugeborenen 25 Babys in den ersten 28 Tagen. In Thüringen waren es von 17.527 Kindern 23, und in Sachsen starben von 35.091 Neugeborenen 40.

In Rheinland Pfalz gab es 31.574 Geburten, 58 Babys starben innerhalb der ersten 28 Tage. In Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Jahr 147.333 Kinder geboren, von denen 412 die ersten 28 Tage nicht überlebten. Damit liegt die Sterberate pro 100.000 Neugeborenen in Nordhein-Westfalen wesentlich höher als in Sachsen-Anhalt.

Manche Bundesländer haben mehr spezialisierte Standorte als andere

Eine mögliche Ursache für regionale Unterschiede sieht Jorch in der hohen Zentralisation in der Krankenhauslandschaft. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gebe es beispielsweise nur sieben hoch spezialisierte Standorte zur Frühchenbehandlung.

Andernorts seien es deutlich mehr. "Wir haben weniger Perinatalzentren, aber bessere Ergebnisse", sagte Jorch.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »