Ärzte Zeitung, 31.01.2012

Hintergrund

Krankenhausgesellschaft ruft Kliniken zum Boykott auf

Mit einer Umfrage unter den Krankenhäusern wollen Forscher herausfinden, warum die Landesbasisfallwerte in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich sind. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ist dem Vorhaben gegenüber skeptisch. Sie rät den Kliniken davon ab - weil sie bezweifelt, dass die Wissenschaftler unparteiisch sind.

Von Ilse Schlingensiepen

Krankenhausgesellschaft ruft Kliniken zu Boykott auf

Es geht um Geld und Budget: Die Studie soll die Landesbasisfallwerte unter die Lupe nehmen.

© Klaro

Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums will das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) herausfinden, warum die Landesbasisfallwerte in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich sind. Ein Teil der Untersuchung ist eine bundesweite Datenerhebung bei den Kliniken. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und mehrere Landeskrankenhausgesellschaften raten den Häusern aber von einer Teilnahme ab.

Der Landesbasisfallwert wird zwischen den Krankenkassen und den Krankenhausgesellschaften auf Landesebene ausgehandelt. Er ist der Grundpreis für die Leistungen im DRG-System und damit die entscheidende Größe für die Krankenhausvergütung. Mit dem Auftrag an das RWI, Professor Stefan Felder von der Universität Basel und die Unternehmensberatung Admed setzt das Ministerium einen Auftrag aus dem Krankenhausfinanzierungsreformgesetz aus dem Jahr 2009 um.

Zeigt die Studie eine Vergleichbarkeit der Kostenstrukturen in den Bundesländern, soll das Ministerium bis Ende 2013 einen Vorschlag vorlegen, wie die Landesbasisfallwerte von 2012 bis 2019 weiter an einen Bundesbasisfallwert angeglichen werden.

Krankenhausgesellschaft bezweifelt Neutralität des Instituts

Projektleiter Dr. Boris Augurzky vom RWI erwartet, dass die Ergebnisse der Studie im Herbst dieses Jahres vorliegen werden. Die Fragebogenerhebung ist nur ein Teil der Untersuchung und für die Krankenhäuser freiwillig. "Wir hoffen aber auf die Mitwirkung der Kliniken, die für das Projekt hilfreich wäre", sagt Augurzky.

Die Wissenschaftler werten auch Daten des Statistischen Bundesamtes aus und befragen Experten. Das RWI hat den Fragebogen an fast alle Kliniken geschickt und ihn zudem ins Internet gestellt. Dort sollen die Häuser Fragen zu ihren Strukturen, zur Erlössituation, zur Versorgungssituation in der Region und zu Fördermitteln beantworten.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht die Umfrage mit Skepsis. "Wir empfehlen den Kliniken, nicht daran teilzunehmen", sagt Sprecher Moritz Quiske. Die Gesellschaft zweifelt an der Neutralität des Instituts.

Zum einen hat das RWI 2011 für den Ersatzkassenverband vdek einen Bericht über die Kosteneffizienz der Krankenhäuser erstellt. Ihn verwendeten die Kassen nun in den Verhandlungen über die Landesbasisfallwerte gegen die Häuser. "Außerdem erlauben wir uns den Hinweis, dass das RWI in einer Schiedsstellenverhandlung auf Seiten der Krankenkassen vertreten war", betont Quiske.

Es gehe nicht darum, dass sich die Kliniken vor möglicherweise kritischen Ergebnissen von Untersuchungen fürchteten, sondern um die Neutralität der Untersuchungen, sagt er. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat dem Bundesgesundheitsministerium mitgeteilt, dass sie den Kliniken von einer Mitwirkung an der Fragebogenaktion des RWI abrät.

Projektleiter: Sind unparteiisch

Augurzky weist den Vorwurf der fehlenden Unabhängigkeit als "vorgeschoben" zurück. "Offenbar haben einige Krankenhausgesellschaften einen Weg gesucht, ihren Unmut über das vdek-Gutachten irgendwie zu kanalisieren", sagt er.

Die Erläuterung der Studie durch das Rheinisch Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung sei völlig normal, das gelte auch für Schiedsstellenverfahren.

Beim Forschungsgegenstand Landesbasisfallwerte gibt es nach Einschätzung von Augurzky zudem keine Frontstellung zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern. Er wisse nicht, was das RWI tun solle, um die Krankenkassen zu begünstigen. "Unsere Unabhängigkeit wäre nur dann zu hinterfragen, wenn wir für einzelne Bundesländer Partei wären", so Augurzky.

Felder von der Universität Basel betont, dass sowohl das RWI als auch seine Einrichtung wissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet seien. "Es erstaunt mich sehr, dass die Deutsche Krankenhausgesellschaft uns Parteilichkeit vorwirft."

Felder verweist darauf, dass er in der Schweiz die Einführung von Diagnosis Related Groups wissenschaftlich begleite. "Bei dieser Untersuchung läuft die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern reibungslos."

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