Ärzte Zeitung, 01.05.2012

Praxis- und Klinikchef in einem

Einen seltenen Weg in der Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung geht man auf Fehmarn: Hier ist Chirurg Dr. Hubert Waldheim mit seiner Praxis in die Klinik eingezogen und arbeitet als Praxis- und Klinikchef.

Von Dirk Schnack

Wenn die Praxis in die Klinik einzieht

Nur 30 Betten, aber enge Kooperation mit Praxisinhabern: das neue Inselkrankenhaus auf Fehmarn.

© Dirk Schnack

FEHMARN. Wer auf Fehmarn in das neue Krankenhaus geht, will vielleicht in die Praxis von Dr. Hubert Waldheim. Genauso gut könnten sie sich aber auch stationär behandeln lassen - Klinikchef der Chirurgie ist ebenfalls Waldheim.

Das frisch eröffnete Inselkrankenhaus macht ernst mit der Verzahnung. Ein Praxisinhaber als Klinikchef, gemeinsame Geräte, gemeinsame Rezeption und Sprechstunden niedergelassener Ärzte im Klinikgebäude.

Forciert wurde die ungewöhnlich starke Vernetzung der Sektoren durch einen Zwischenfall, der die medizinische Versorgung auf Fehmarn von einem auf den anderen Tag veränderte.

Bauarbeiter hatten bei einem Routineauftrag im Jahr 2008 gravierende Mängel an der Bausubstanz festgestellt. Die Patienten wurden sofort aufs Festland verlegt, das Gebäude umgehend geschlossen.

Die Gesundheitsversorgung auf der Insel musste neu organisiert werden, die niedergelassenen Ärzte brachten sich mit hohem Engagement ein.

Praxis und Klinik teilen sich Geräte und Wartezone

Seit kurzem ist die Interimszeit vorbei: Das neue Inselkrankenhaus ist eingeweiht, verfügt über 30 Betten. Das zu den Kliniken Ostholstein zählende Haus des Sana-Verbunds ist nach Ansicht von Klinikgeschäftsführer Dr. Stephan Puke ein gewaltiger Fortschritt, weil es den ambulanten und stationären Sektor eng verknüpft.

Diese auch von der Landesregierung in Zusammenhang mit dem Neubau gestellte Bedingung zeigt sich in keinem anderen Fach so deutlich wie in der Chirurgie.

Dr. Hubert Waldheim, niedergelassener Chirurg mit Praxis in Heiligenhafen, hat den Kassenarztsitz eines Kollegen übernommen, der zuvor in eigener Praxis auf Fehmarn niedergelassen war. Waldheim hat diesen Sitz in die Klinik verlagert und dort Flächen angemietet.

Um den Patientenandrang an beiden Standorten bewältigen zu können, hat Waldheim neue Kollegen angestellt und pendelt zwischen Festland und Insel. Zugleich ist Waldheim als Chef für die Klinikchirurgie verantwortlich - ein Modell, das bundesweit in dieser Form bislang nur ganz selten praktiziert wird.

Die enge Verknüpfung bietet den Vorteil, dass Waldheim jederzeit auf die moderne Technik an der Klinik zurückgreifen kann und keinen eigenen Wartebereich einrichten musste.

Patienten, die in seine Praxis wollen, melden sich an der Klinikrezeption und können die gemeinsame Wartezone nutzen. Für das Krankenhaus hat seine Präsenz den Vorteil, dass sein Team gemeinsam mit den Internisten aus der Klinik die Hintergrundrufbereitschaft leistet.

Waldheim ist überzeugt, von der Niederlassung im Klinikgebäude mehrfach zu profitieren.

Die Präsenz vor Ort: Der Standort im Krankenhaus ermöglicht ihm Patientennähe und bietet damit aus seiner Sicht einen Wettbewerbsvorteil.

Gerätenutzung: Röntgenanlage, Sonografie und Endoskopie sind vorhanden und müssen für die neue Praxis nicht angeschafft werden.

Interdisziplinarität: Der direkte Austausch mit den Ärzten anderer Fachrichtungen ist jederzeit möglich und ermöglicht es, schnell eine zweite Meinung einzuholen.

Ambulante Operationen kann er im gleichen Haus vornehmen und muss Patienten dafür nicht an anderer Standorte schicken.

Das Angebot des Inselkrankenhauses hat direkte Auswirkungen auf das Festland: seine belegärztliche Tätigkeit in Heiligenhafen hat Waldheim inzwischen aufgegeben.

"Hier ist alles neu, ich bekomme den optimalen Standard geboten", begründet der Chirurg den Wechsel. Folge ist eine deutliche Aufstockung seines ärztlichen Teams: von zwei auf vier Mitglieder hat sich die Praxismannschaft vergrößert.

Waldheim selbst ist nun nur noch eineinhalb Tage in Heiligenhafen präsent und den Rest der Woche auf Fehmarn.

Der seit 18 Jahren in Heiligenhafen niedergelassene Chirurg erwartet von seinen zuweisenden Kollegen durch die Verlegung des Praxissitzes an das Krankenhaus keine Nachteile, sondern fühlt sich im Gegenteil mit offenen Armen von den niedergelassenen Ärzten auf Fehmarn empfangen.

Geplant sind verschiedene Facharzt-Sprechstunden

Puke bemüht sich um eine noch engere Verzahnung mit dem ambulanten Sektor, unter anderem über fachärztliche Sprechstunden, die niedergelassene Ärzte am Krankenhaus abhalten. Geplant ist etwa eine orthopädische Sprechstunde.

Aber auch andere Fachrichtungen sind möglich: "Alle sind eingeladen, die Räume im Inselkrankenhaus mit zu nutzen", sagt Puke.

Das neun Millionen Euro teure Krankenhaus in Burg wurde zu zwei Dritteln aus öffentlichen Mitteln gefördert. Dass es seit Sperrung des alten Gebäudes vier Jahre brauchte, um wieder stationäre Versorgung auf der Insel anzubieten, begründete Puke mit den zahlreichen Beteiligten, die für einen solchen Abstimmungsprozess ins Boot geholt werden müssen.

Puke verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Krankenkassen, ohne deren Sicherstellungszuschlag eine stationäre Versorgung auf Fehmarn kaum zu leisten wäre.

Am alten Standort des Inselkrankenhauses wurden einst 3500 Patienten ambulant und 1500 stationär behandelt. Von diesen sind in den Sommerferien bis zu 50 Prozent Urlauber.

"Ohne die Feriengäste wäre der Betrieb des Krankenhauses weniger effizient zu betreiben. Für die Urlauer ist die Neueröffnung wichtig, weil sie jetzt nicht mehr eine halbe Stunde bis zum Krankenhaus in Oldenburg fahren müssen", sagt Puke zu den Zahlen.

Durch die eingeleiteten Umstrukturierungen und die angestrebten weiteren Kooperationen erwartet Puke, dass die Zahl der ambulanten Fälle am neuen Standort ansteigen wird.

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