Ärzte Zeitung, 21.06.2013

Für Hausärzte in Baden-Württemberg

Hilfe bei Verdacht auf sexuellem Missbrauch

Rechtsmediziner der Heidelberger Gewaltambulanz bieten Hausärzten Hilfe an, wenn diese den Verdacht hegen, dass ein Kind sexuell missbraucht worden ist.

Von Marion Lisson

Gewaltambulanz unterstützt Hausärzte

Hat ein Hausarzt in Baden-Württemberg bei einem Kind den Verdacht, dass es sexuell missbraucht worden ist, kann er sich an die Gewaltambulanz wenden.

© Oleg Kozlov / fotolia.com

HEIDELBERG. Hausärzte können in Heidelberg jederzeit Rechtsmediziner der "Gewaltambulanz" um Unterstützung bitten, wenn sie einen Verdacht haben, dass ein Kind sexuell missbraucht worden ist.

"Sie können uns immer anrufen - auch wenn noch keine Anzeige vorliegt", informierte Professor Kathrin Yen, Ärztliche Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Heidelberg, beim Heidelberger Tag der Allgemeinmedizin.

Durch weitere Untersuchungen sowie DNA- oder Blutanalysen versuchen die Mitarbeiter der Klinisch-Forensischen Ambulanz dann zunächst, vage Vermutungen für einen sexuellen Übergriff zu erhärten oder zu entkräften.

Untersuchungen möglichst in den ersten 72 Stunden

"Die Bedeutung der Hausärzte beim Aufdecken von Misshandlungen ist enorm. Sie sind ganz nah am Patienten dran!", macht Yen im Gespräch deutlich. Oberstes Ziel sei es, die Kinder vor weiteren Angriffen zu schützen.

"Wichtig ist, dass Sie alle ihre Befunde dokumentieren", rät die Pathologin den Hausärzten bei einem Verdachtsfall. Aussagen des Kindes und der Angehörigen sollten möglichst wörtlich zitiert werden. Wichtig seien Fotos. Sie könnten auch mit dem Handy gemacht werden.

Die Gewaltambulanz ist die landesweit erste Einrichtung dieser Art. Ärzte sollten Untersuchungen möglichst innerhalb der ersten 72 Stunden nach der Misshandlung vornehmen, raten die Rechtsmediziner der Ambulanz, die eng mit der Universitäts-Kinderklinik zusammenarbeiten. Doch auch später können die Unimitarbeiter hinzugezogen werden.

"Hausärzte scheuen sich verständlicherweise manchmal bei vagen Verdachtsmomenten, Anzeige zu erstatten. Sie kennen nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern seit Jahren", weiß die Ärztliche Direktorin.

Zudem sei die Herkunft kleiner Wunden und blauer Flecken oft nur schwer zu beurteilen. "Eltern von misshandelten Kindern schildern dazu häufig einen Unfallhergang", so Yen. Nicht immer gebe es eindeutige Genitalbefunde für eine sexuelle Misshandlung.

Weitere Untersuchungen den Eltern "empfehlen"

Schaltet der Hausarzt die Ambulanz-Kollegen ein, so ist für weitere Untersuchungen die Einwilligung der Eltern erforderlich.

"Ich erkläre den Eltern dabei, dass es jetzt aufgrund der vielen Hämatome am Körper des Kindes ratsam sei, eine Gerinnungsstörung oder eine Knochenstoffwechselstörung auszuschließen", so Yen.

Diese "Empfehlung" könnten die wenigsten Eltern ablehnen. "Menschen, die in ihrer Kindheit misshandelt werden, empfinden ihr Leben lang Scham, Misstrauen und leiden unter Depressionen", spricht auch Dr. Eginhard Koch von der Heidelberger Kinder - und Jugendpsychiatrie über langfristige psychische Folgen.

Koch rät im Verdachtsfall zur Ruhe: "Seien Sie sich bewusst, es handelt sich zunächst um einen Verdacht." Yen bestätigt: "Wir hatten schon dramatische Befunde, die sich als harmlose Spieleverletzungen herausstellten."

Unmissverständlich macht sie aber auch deutlich: "Wir scheuen jedoch nicht die Konfrontation, sollte sich der Anfangsverdacht erhärten."

Gewaltambulanz der Uni Heidelberg, Tel.: 0152/546 483 93

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