Ärzte Zeitung online, 01.11.2013

Einbeck

Eine Klinik von Bürgern für Bürger

Ihr Krankenhaus stand vor der Insolvenz, da entschieden sich die Einbecker kurzerhand, das Haus zu übernehmen - auch wenn es mit seinen weißen Waschbeton-Brüstungen der 70er Jahre etwas für Freunde des Retro-Looks ist. Denn Kliniken sind eben mehr wert als Bilanzen zeigen können.

Von Christian Beneker

Eine Klinik von Bürgern für Bürger

Chirurg Dr. Christian Kley ( l.) und Chefarzt Dr. Olaf Städtler sehen die Zukunft der Klinik optimistisch. In drei Jahren soll sie schwarze Zahlen schreiben, sagt Städtler.

© Beneker

EINBECK. Im Einbecker Bürgerspital gibt es eine Cafeteria, in der man Kartoffelsalat aus dem Eimer und heiße Bockwurst erstehen kann. Nicht delikat, aber es schmeckt.

Das liegt auch an Teresa Raudßus, die hinter dem Tresen steht und die gute Seele des Bürgerspitals ist. "Früher hatte ich ein eigenes Restaurant", sagt sie mit osteuropäischer Melodie in der Stimme, "aber die Kinder wollten es nicht übernehmen. Na!? Jetzt bin ich hier."

Für 8,50 Euro die Stunde schmeißt sie den Laden. Raudßus ist wie dieses Krankenhaus. Es gab bessere Zeiten, aber wenn es eng wird, ist man um Lösungen nicht verlegen.

Seit Kurzem heißt das Haus "Bürgerspital". Der Name trifft es. Denn wohlhabende Bürger haben es übernommen und eine Betreiber-GmbH gegründet.

Sie wollten nicht zulassen, dass das 109-Betten-Haus in Südniedersachsen wegen der Insolvenz 2012 schließen muss. Und jetzt? "Jetzt fahren wir auf Sicht", sagt Chefarzt Dr. Olaf Städtler.

Ob das klappt? Städtler zieht verdutzt die Brauen nach oben und die Mundwinkel nach unten. "Und wie das klappt!"

Der Charme von Waschbeton

Das ehemalige Sertürner Krankenhaus, benannt nach dem Apotheker und Entdecker des Morphiums, Friedrich Wilhelm Sertürner, ist heute etwas für Freunde des Retro-Looks: weiße Waschbeton-Brüstungen der 70er Jahre, Flachdächer und fast quadratische Fenster.

Intuitiv sucht das Auge nach Resopal-Möbeln und gebatikten Vorhängen. Tatsächlich findet es ein Aquarium in der Flurecke und ein bleiches Schwarz-Weiß-Foto, das eine Luftaufnahme der Klinik in ihren besten Zeiten zeigt: helle, schmucke Blöcke im Waldhang gelegen am Rande der Stadt.

Die Sertürner Klinik wurde 1970 gebaut. Heute ist hier einiges zu tun.

"Wie hoch die Investitionssumme ist, wissen wir nicht", sagt Städtler. Klar ist nur so viel: Wir hatten nie Probleme mit den Zuweisern, das Haus ist sehr gut ausgelastet. Die Niedergelassenen stehen zu uns.

Und in Einbeck und Umgebung leben an die 40.000 Menschen. Sie können ein Krankenhaus ernähren." Er sei "sehr optimistisch, in drei Jahren eine schwarze Null zu schreiben."

Als Zeichen der Erneuerung haben die Architekten des GmbH-Modells kürzlich ein neues Logo für das Krankenhaus entworfen. Es sieht aus wie ein fliegender Teppich aus lauter bunten Rechtecken.

Stolz ragt ein Schild mit dem Logo aus einer Rabatte vor dem Haus. Neben der Eingangstür, wo sich die Raucher treffen, über einer Bank hängt das Schild dazu: "Einbecker Bürgerspital GmbH".

Auf der Bank sitzt Simone Schmahl. "Die haben mir die Schulter gemacht", sagt sie. Von ihrem Heimatort sind es 25 Kilometer nach Einbeck. Natürlich ist Northeim in der Nähe mit einem großen Helios-Klinikum. "Aber das ist zu groß. Das ist doch nicht das, was man will", sagt Schmahl.

Ganz unten im Ländervergleich

Eine Klinik von Bürgern für Bürger

Die gute Seele des Bürgerspietals in Einbeck: Teresa Raudßus, Wirtin des Cafés im Krankenhaus.

© Beneker

Erst kürzlich hat eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) den Krankenhäusern in Niedersachsen bei den Überlebenschancen einen Platz ganz unten im Ländervergleich zugewiesen.

In Niedersachsen seien ein Drittel der Krankenhäuser von der Insolvenz bedroht. Eine Analyse, die auch den Chef des vdek Landesverbandes Niedersachsen, Jörg Niemann, bestärkt haben dürfte. Er hatte vor Wochen angemahnt, die kleinen unrentablen Krankenhäuser in Niedersachsen zu schließen.

Einbeck schien das beste Beispiel für die Kassenpläne abzugeben. Vor genau einem Jahr stand das Haus vor der Insolvenz. Jahrelang war die Klinik von Hand zu Hand gegangen und keinem Träger war es gelungen, dauerhaft rentabel zu arbeiten.

Städtler, ein Mann mit dem Händedruck eines Schmieds, wird sich nur für das Foto den weißen Kittel über die aufgekrempelten Hemdsärmel ziehen. Wenn er durch seine Klinik rauscht, dann sieht ein Hausvater nach dem Rechten, Hände schüttelnd, hier ein Schwätzchen, dort ein Schulterklopfen.

Sein Anhaltinischer Zungenschlag lässt vieles freundlicher klingen als es ist.

"Irgendwann handelt man"

Eines Tages im vergangenen Jahr, so erzählt er, habe er in den Bilanzen des Krankenhauses geblättert. "Ich hab ja, ehrlich gesagt, keine Ahnung von Betriebswirtschaft. Aber als ich die Bilanzen las, bin ich von einer Panik in die andere gefallen", sagt er, "trotzdem sahen die Zahlen nicht aussichtslos aus, so viel war mir klar."

Nun hätten er und seine Kollegen im Haus es mit Jörg Niemann halten und den Schlüssel des Sertürner Krankenhauses abgeben können. Aber sie haben es mit Simone Schmahl gehalten: "Das ist doch nicht das, was man will."

Jetzt im Nachhinein, weiß der Chef nicht zu sagen, warum er die Sache durchgezogen hat. "Es ist doch so: Irgendwann handelt man, und hinterher werden Begründungen nachgeschoben, die einem plausibel erscheinen", sagt Städtler. "Sagen wir es mal so: Wir haben uns aus Mangel an Alternativen des Krankenhauses angenommen."

Das allerdings ist vielleicht nur die Hälfte der Wahrheit. Denn das Haus war offenbar schon vorher sehr mit Stadt und Land verbunden und auch den Menschen hier. Es war schon ihres, sonst hätten Städtler und die Bürger es sich nicht nehmen können.

Vielleicht zeigt die Anhänglichkeit an kleinen Krankenhäusern so etwas wie ein kommunales Wir-Gefühl: Hier sind unsere Kinder zur Welt gekommen, unsere bösen Krankheiten ebenso behandelt worden wie die kleinen Malheurs. So etwas schafft Bindungen, die nicht einfach mit schlechten Bilanzen gelöst werden können.

"Als es für die Angestellten im Krankenhaus ein viertel Jahr kein Geld gab, da hat niemand gekündigt", sagt Städtler. Er schaut verdutzt und zieht die Mundwinkel nach unten. "Das ist doch spektakulär!"

Unverblümter Blick auf die Zahlen

Auch den neuen Chefarzt der Allgemeinchirurgie, Dr. Christian Kley, hat es nach Einbeck gezogen. Er kam von der Göttinger Uniklinik in die Provinz.

"Auch ein kleines Haus hat einen Versorgungsauftrag", betont er. "Und hier müssen unsere Patienten nicht fünf Stunden auf die Behandlung warten."

In dem Kley spricht, schwingt die Erleichterung mit, als Arzt hier "besser, ruhiger und strukturierter arbeiten zu können."

Irgendwann 2012 haben die Einbecker Bürger, unter ihnen Städtler, gesagt: "Wie wäre es, wenn wir das Haus übernehmen?" Sie sind nicht arm und haben 500.000 Euro Risikokapital für ihre Klinik eingelegt.

Dazu kommen 2,5 Millionen Euro an stillem Kapital von der Stadt Einbeck. Auf den zwei Spendenkonten liegen zudem fünfstellige Spendenbeträge. Gemeinsam gründete man die Betreibergesellschaft Einbecker Bürgerspital GmbH.

Die Gesellschaft hat einen Beirat und das Geld wird vom Treuhänder Jochen Beyes verwaltet. Ein Glücksfall für das Haus. Beyes war Finanzvorstand beim Einbecker Saatgut-Riesen KWS. "Der Mann weiß, wo oben und unten ist", erklärt Kley, "er hat einen unverblümten Blick auf die Zahlen." Das hat dem Haus gut getan.

40 Vollzeitkräfte mussten allerdings im Zuge der Insolvenz entlassen werden. Die spezielle Schmerztherapie ist aus dem pleite gegangenen Krankenhaus im nahe gelegenen Stadtoldendorf herüber nach Einbeck gewechselt - und funktioniert auch finanziell.

Ob das Haus es dauerhaft schaffen wird, ist offen. Die Voraussetzungen scheinen aber gut.

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