Ärzte Zeitung online, 24.03.2014

Gewaltambulanz

Berlin baut Hilfe für Gewaltopfer aus

Für Betroffene von häuslicher Gewalt oder Übergriffen in der Öffentlichkeit gibt es in Berlin nun eine Anlaufstelle: die Gewaltschutzambulanz der Charité. Der Berliner Justizsenator will damit häusliche Gewalt aus dem Dunkeln zu holen.

Von Angela Misslbeck

Berlin baut Hilfe für Gewaltopfer aus

Teil der neuen Gewaltambulanz an der Charité: die Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos und Dr. Saskia Etzold.

© Jörg Carstensen / dpa

BERLIN. Niedergelassene Ärzte in Berlin haben bei der Versorgung von Gewaltopfern nun Hilfestellung. Eine Gewaltschutzambulanz soll vor allem die niedrigschwellige, gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen aufgrund von Gewalttaten gewährleisten, ohne dass zwangsläufig die Polizei eingeschaltet wird. Langfristig ist ein Family Justice Centre nach US-amerikanischem Vorbild angestrebt.

Akutversorgung, Nothilfe, gerichtsfeste Dokumentation, aber auch Nachsorge wie Traumatherapie und weiterführende Hilfen etwa durch Familienrechtsberatung sollen unter einem Dach am Campus Virchow Klinikum der Charité im Berliner Bezirk Wedding entstehen.

Die dortige Rettungsstelle ist schon jetzt ein Brennpunkt für die Themen häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung. Doch diese Vision muss noch warten. Vorerst werden in Berlin deutlich kleinere Brötchen gebacken. Das seit Mitte Februar bestehende Angebot haben die Uniklinik Charité und Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) am Montag vorgestellt.

Die Gewaltschutzambulanz startet als Ein-Frau-Betrieb in drei Räumen der Rechtsmedizin in Berlin-Moabit. Die Rechtsmedizinerin Dr. Saskia Etzold steht dort als Ansprechpartnerin und untersuchende Ärztin zu Terminsprechstunden an drei Vormittagen und zwei Nachmittagen montags bis freitags zur Verfügung.

Das Angebot nutzen bislang vor allem Frauen nach häuslicher Gewalt. Aber auch Männer lassen Verletzungen zum Beispiel nach Überfällen dokumentieren, und Jugendämter stellen immer wieder Kinder mit Hämatomen zur Abklärung vor.

Keine Akutversorgung

"Wir können keine akuten Wunden versorgen", stellt Etzold klar. Es geht in erster Linie um die gerichtsfeste Dokumentation von Gewaltspuren und darum, weitere Hilfsangebote zu vermitteln.

Dazu kooperiert die Ambulanz unter anderem mit der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (B.I.G.). Kooperationspartner ist auch das Signal-Projekt, in dessen Rahmen viele niedergelassene Ärzte in der Dokumentation von Gewaltspuren geschult werden.

Sieben Jahre hat es gedauert, bis die Charité vom Senat eine Finanzierung von 150.000 Euro pro Jahr für diese Einrichtung erhalten hat. Das feiern die Initiatoren nun als Erfolg. Für die große Lösung veranschlagt Charité-Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos 800.000 Euro pro Jahr und Baukosten von 1,5 bis 2 Millionen Euro.

Tsokos sieht bei der Finanzierung der laufenden Kosten auch die Krankenkassen am Zug. Gewalt sei so etwas wie eine chronische Krankheit. "Da sind meiner Meinung nach tatsächlich die Krankenkassen in der Pflicht", sagte Tsokos.

Gesundheitspolitik sei gefordert Möglichkeiten zu klären, inwieweit Krankenkassen solche Gewaltschutzambulanzen finanzieren könnten.

Einrichtungen wie die Berliner Gewaltschutzambulanz gibt es in vielen anderen großen Städten, die größten in Hamburg, Hannover, München und Düsseldorf.

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