Ärzte Zeitung online, 30.01.2015

Keime an Kieler Uniklinik

Verunsicherung - aber wenig Interesse

Informationen über die "Keim-Krise" für die Bevölkerung aus erster Hand: Das Uniklinikum Schleswig-Holstein stieß mit diesem Ziel nur auf wenig Resonanz. Nur 25 Menschen kamen zum Informationsabend.

Von Dirk Schnack

Verunsicherung - aber wenig Interesse

Geballte Medienpräsenz, großer Hörsaal, wenig Resonanz: Sehr viele der 330 Plätze blieben in Kiel leer.

© Schnack

KIEL. Eigentlich sollte an diesem Abend das Thema Brustkrebs im Gesundheitsforum, einem regelmäßigen Informationsabend des Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) für die Bevölkerung, behandelt werden.

 Eigentlich finden die Veranstaltungen in einem Einkaufszentrum statt und eigentlich sind sie auch gut besucht. Doch in Zeiten der Keim-Krise ist in Kiel vieles anders.

Der aktuelle Anlass: Eine Woche zuvor war bekannt geworden, dass bei mehr als 30 Patienten der Erreger Acinetobacter baumannii festgestellt wurde.

Seitdem haben die Verantwortlichen um UKSH-Chef Professor Jens Scholz kaum noch eine ruhige Minute und täglich geben Medien neue Wasserstände aus Kiel durch.

Auch der Informationsabend wird von ihnen besetzt. Wegen des möglichen Andrangs haben die Organisatoren den 120 Menschen fassenden Raum im Einkaufszentrum gegen den großen, 330 Zuhörer fassenden Hörsaal der Chirurgie auf dem Campus Kiel getauscht.

25 Bürger trauen sich in den Saal

Zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung: Die lange Treppe an den Zuschauerreihen ist komplett mit Kameras belegt. Reporter streifen durch die Sitzreihen auf der Suche nach Fotomotiven und Originaltönen. 25 interessierte Bürger haben sich in den Saal getraut.

Ist es die geballte Medienpräsenz, die abschreckt? Scholz wendet es ins Positive, sagt zur Begrüßung: "Das kann man so werten, dass die Medien schon breit aufklärt haben."

Er berichtet zur Einleitung von der Behandlung von 70 Patienten, die vor einigen Jahren aus dem Bürgerkrieg in Libyen nach Kiel ausgeflogen und dort erfolgreich behandelt wurden - bei allen wurde damals Acinetobacter baumannii nachgewiesen, ohne dass es weitere Übertragungen gegeben hätte. Er weiß aber auch: "Es herrscht Verunsicherung."

Sieben Chefärzte geben Antworten

Auch deshalb hat er neben dem Pult einen langen Tisch für seine Professoren aufbauen lassen.

Vom Anästhesisten bis zum Kardiologen müssen sieben gestandene Chefärzte antreten - im seriösen dunklen Anzug statt im Kittel. Hygiene-Chefin Dr. Bärbel Christiansen führt ins Thema ein, erläutert die wichtigsten Fakten über Keime und Basishygiene.

Sie erklärt auch, was es bedeutet, wenn sich Patienten tatsächlich mit einem MRGN-Keim infizieren sollten: eine schlechtere Prognose, eine eingeschränkte Therapie.

Aber "Kolonisiert heißt nicht infiziert." Und sie stellt klar: "Sie können sich bei einem Besuch auf unserem Gelände nicht anstecken."

Auch der Direktor der Klinik für Innere Medizin I, Prof. Stephan Schreiber, macht es noch einmal deutlich: "Draußen im Bus begegnen Sie täglich multiresistenten Keimen und werden nicht krank."

Für das UKSH sei es Alltag, dass Keime erkannt und entsprechend gehandelt werden. Gleichzeitig finde aber normale Krankenbehandlung statt. Und isoliert werde überall in der Republik.

Sorgen müsse man sich machen, so Schreiber, wenn Krankenhäuser auf Isolationen verzichteten.

Das alles soll beruhigen - aus gutem Grund: Die Menschen haben das UKSH in den vergangenen Tagen gemieden. Professor Norbert Frey aus der Kardiologe berichtet, dass es in mehreren Disziplinen Absagen von Patienten für planbare Operationen gegeben hat.

"Ich kann Ihre Ängste verstehen, aber sie sind fachlich nicht begründet", sagt Frey.

Fast ausnahmslos Angehörige

Die wenigen Zuhörer trauen sich langsam aus der Deckung, stellen ihre Fragen. Es sind fast ausnahmslos Angehörige. "Was passiert mit Patienten, die positiv getestet wurden - kriegt man den Keim wieder weg", will ein Mann wissen.

Ein anderer macht sich Gedanken um körperliche Nähe: "Kann mein Vater seine Enkelkinder noch umarmen?" Eine Patientin fragt sich, ob sie ihre bevorstehende Behandlung am UKSH beginnen sollte.

Außerdem wurde beobachtet, dass nicht jeder Arzt die an jedem Klinikeingang aufgestellten Desinfektionsmittel benutzt.

Die Ärzte stellen zwar klar, dass dies schon mit großer Gründlichkeit auf den Zimmern geschieht, doch der Besucher sieht darin eine schlechte Vorbildfunktion.

Und schließlich das Reha-Thema: Es sind Patienten aus dem UKSH von Reha-Kliniken abgewiesen worden, die nun von ambulanten Pflegediensten häuslich versorgt werden.

Scholz hofft, dass dies nur noch Einzelfälle sind, die meisten Kliniken würden sich solidarisch zeigen.

Das waren schon alle Fragen, UKSH-Kommunikationschef Oliver Grieve kann die Veranstaltung eine Stunde früher als geplant schließen.

 Für die Verantwortlichen ist trotzdem noch kein Feierabend - sie müssen noch Rede und Antwort vor den Kameras stehen.

[01.02.2015, 22:39:08]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Wie das Bild sehr schön zeigt, muss man das also eher Publikationskrise nennen!
Die Selbstkritik der Medien ist etwas unterentwickelt. zum Beitrag »
[31.01.2015, 20:02:44]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Vielleicht sollte man die Dinger am Klinikeingang lieber abbauen!
Ich hab eine Uniklinik betreten, bei der am Eingang ein dicker roter Pfeil für Menschen mit Fieber zu sehen war, die nicht eintreten sollten.
Gemeint war tatsächlich Ebola, weil ich nachgefragt habe.
Panik! zum Beitrag »

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