Ärzte Zeitung online, 17.02.2015

DKG-Gutachten

"Notaufnahmen werden zum Lückenbüßer"

Überlastet und unterfinanziert - das sind nach Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) die Notaufnahmen vieler Krankenhäuser. Sie sieht die Bereitschaftsdienste der KVen in der Pflicht. Die KBV weist alle Vorwürfe von sich.

Von Martina Merten

"Notaufnahmen werden zum Lückenbüßer"

BERLIN. Nach Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) sind die Notaufnahmen vieler Krankenhäuser überlastet und unterfinanziert.

"Sie werden immer stärker zum Lückenbüßer für die eigentlich zuständigen Bereitschaftsdienste der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen)", beklagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum in Berlin.

Bislang sei es bloße Fiktion, dass niedergelassene Ärzte alles regeln. Von den jährlich in Notaufnahmen der Kliniken versorgten 20 Millionen Patienten werden der DKG zufolge mehr als zehn Millionen ambulant versorgt.

Ein Drittel der allgemeinen Notfallbehandlungen sei problemlos in ambulanten Praxen lösbar, so Baum. Allerdings gebe es offensichtlich Terminschwierigkeiten im KV-Bereich oder geeignete Anlaufstellen fehlten.

KBV: Bundesweiter Bereitschaftsdienst erreichbar

Notfälle in Kliniken

Über 10 Millionen Patienten werden jährlich ambulant an Kliniken notfallversorgt.

Rund 120 Euro betragen die durchschnittlichen Kosten eines ambulanten Notfalls.

80 Prozent der Kosten entstehen in den Notaufnahmen selbst. 13 Prozent fallen für radiologische Untersuchungen und 5 Prozent für Labordiagnostik an.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wies jegliche Vorwürfe zurück. Außerhalb der Sprechstundenzeiten sei ein bundesweiter Bereitschaftsdienst über die Nummer 116 117 erreichbar, so Sprecher Dr. Roland Stahl.

Zudem habe es bei den Kliniken bereits Verbesserungen der Honorierung, etwa bei der Notfallbehandlung nachts und am Wochenende, gegeben.

Stahl: "Die Klagen zeigen, dass die Kliniken schon jetzt überfordert sind und eine weitere Öffnung für ambulante Leistungen erst recht nicht verkraften können."

Die Belastung der Kliniken durch ambulante Notfälle wirkt sich nach Ansicht der DKG insbesondere auf die finanzielle Situation der Krankenhäuser aus, ergab ein von der DKG und der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) in Auftrag gegebenes Gutachten.

Für das Gutachten, das die Management Consult Kestermann GmbH erstellt hat, stellten 55 Krankenhäuser Kosten- und Leistungsdaten von 612.070 ambulanten Notfällen zur Auswertung bereit.

"Teurer als der Betrieb einer Arztpraxis"

37 Krankenhäusern machten fallbezogene Angaben zu den Erlösen. Hiernach betrugen die Fallkosten für einen ambulanten Notfall im Schnitt 120 Euro. Dem stand ein durchschnittlicher Erlös von 32 Euro gegenüber.

Bei mehr als zehn Millionen ambulanten Notfällen summierten sich diese Fehlbeträge pro Fall auf eine Milliarde Euro nicht gedeckter Kosten, sagte Baum.

"Der Betrieb einer Notaufnahme mit der ständigen Vorhaltung umfangreicher Diagnostik ist deutlich teurer als der Betrieb einer Arztpraxis zu normalen Sprechstundenzeiten", ergänzte Dr. Timo Schöpke, Generalsekretär der DGINA.

Erschwert werde die Refinanzierung der Behandlungskosten der Kliniken durch die gesetzliche Vorgabe eines zehnprozentigen Investitionsabschlags.

Nach Ansicht von Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, müssen die teuren Überkapazitäten der Kliniken dringend abgebaut werden - dann sei die stationäre Versorgung auch finanzierbar.

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[19.02.2015, 14:29:59]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Mathias Bieberbach
Die Notaufnahmen der Kliniken hier in Hannover sind auch wie der ärztliche Notfalldienst(fahrend)und die Ärztlichen Notfallsprechstunden in Hannover Stadt nicht unterfinanziert,sondern stark überfrequentiert.

Genau gesagt wird das gutgemeinte System verstopft durch Personen, die aus rein egoistischen Gründen es vorziehen, nachts oder am Wochenende die Noteinrichtungen aufzusuchen statt zu den üblichen Zeiten die Praxen. Abhilfe kann in unserem System nur durch finanzielle Steuerung geschaffen werden: Wir brauchen eine Praxisgebühr für Notfallinanspruchnahme. Und zwar nicht pro Quartal, sondern pro Inanspruchnahme. Am Besten 20 Euro. Wer wirklich in Not ist, wird diesen Beitrag gerne zahlen, um sofort und optimale Hilfe zu erhalten. Für Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate wird jeden Tag viel mehr ausgegeben. Ich garantiere sofortige und unfassbar gute Wirkung auf die unerhörten Wartezeiten und die Vergeudung hochspezialisierter ärztlicher Arbeitszeit, die jetzt beobachtet werden können.

Dr. Mathias Bieberbach,
Hannover zum Beitrag »
[19.02.2015, 11:40:19]
Dr. Wolfgang Bensch 
Wer in Rheinland-Pfalz dienstverpflichtet ist, "sponsort" auch!
KV-Vorsitzende Rheinland-Pfalz S. Ultes-Kaiser:
„Jeder niedergelassene Arzt in Rheinland-Pfalz zahlt 3.240 Euro jährlich zur Unterhaltung der Bereitschaftsdienstzentralen. Im Gegensatz zu den Krankenhäusern fließen hier keinerlei Steuermittel“! zum Beitrag »
[18.02.2015, 16:52:34]
Dr. Wolfgang Bensch 
Vielschichtiges Problem oder nur Geld für jede Schicht?
Das Gutachten für die DKG handelt nicht von "Fehlinanspruchnahme", es beschäftigt sich in erster Linie mit den Kosten!
"Die Analysen der Kosten haben gezeigt, dass die Höhe der durchschnittlichen Kosten durch das Leistungsspektrum der ambulanten Notfallbehandlungen und die spezifischen Strukturen des Krankenhauses begründet ist. Es ist nachvollziehbar, dass mit der Vergütung nach dem EBM, die für den kassenärztlichen Bereich bemessen ist, keine sachgerechte Vergütung von Krankenhausleistungen möglich ist. Auch die aktuelle Anpassung der EBM-Notfallpauschalen bringt für die Krankenhäuser keine Verbesserung der Erlössituation."
So liest es sich in der Expertise - heisst also, dass die KV-en nicht in der Lage sind, angemessene Preise für die Leistungen zu bezahlen, deren Löwenanteil sowieso Personalkosten sind.
Oder anders ausgedrückt: dienstverpflichtete Kassenärzte werden von der KV "über den Löffel balbiert".
 zum Beitrag »
[18.02.2015, 11:09:11]
Dr. Brigitte Reuther 
Vielschichtiges Problem
Diese Fehlinanspruchnahme von Notfallambulanzen hat vielschichtige Gründe:
1) zunehmende, durchaus auch politisch geförderte Selbstbedienungsmentalität bzgl. medizinischer Leistungen der Bevölkerung
2) Un- / bzw. Fehlinformationen zur gedachten Funktionsweise unseres Gesundheitssystems
3) Fehlannahme der Patienten im Krankenhaus schneller und besser/umfassender versorgt zu sein (Facharztniveau mit langer med. Erfahrung in der Praxis versus meist jüngster Assistenzarzt in der Klinik) dazuhin vorgetäuschte Qualität/Sicherheit durch Labor- und technische Leistungen, die bei banalen Erkrankungen in der Praxis zu Recht nicht angewandt werden.
4) Hochstilisierung von normalen Erkrankungen zu "Notfällen" aus Ungeduld (Hauptgrund für lange Wartezeiten auf Facharzttermine - echte Notfälle, vom Hausarzt erkannt und auf innerkollegialer Ebene zuverlässig zeitnah und zufriedenstellend der ambulanten oder stationären Weiterbehandlung zugeführt, werden seitens der Politik nicht öffentlichkeitswirksam honoriert - man verschlimmbessert zum wiederholten Male die Situation durch populistischen Aktionismus (Terminservicestellen)- schlimmer Nebeneffekt: Vertrauensbasis zwischen Ärzten und Patienten wird dadurch ein weiteres Stück untergraben.
5) Viele haben / wollen keinen Hausarzt (unterschiedlichste Gründe) - "haben ja alles allein viel besser im Griff" / zu unbequem die lästige Zwischenstation vorgeschaltet zur "echten" Apparatemedizin, die man ja allzugern in Anspruch nimmt - Lifestyle-Beratung mit unbequemen Konsequenzen ist zunehmend unerwünscht.
6) Fehlende Kostentransparenz bzw. Eigenbeteiligung an verursachten Kosten
7) kein Verständnis des Solidaritätsprinzips in der Krankenversicherung - häufig das subjektive Gefühl des "zu kurz Kommens" bzw. "das steht mir zu" - hier wäre intensive Patientenaufklärung von politischer Seite erforderlich
8) Leider aber auch die zunehmende "Rosinenpickerei" im System unter Kollegen, die sich nicht mehr einem ambulanten Bereitschaftsdienst für Notfälle verpflichtet sehen, was eigentlich unabdingbar zum Berufsbild des Arztes dazugehört. (Auch hier fördern finanzielle Fehlanreize bzw. die Unterfinanzierung der Basisversorgung "rund-um-die-Uhr" ambulant wie stationär (!) das Fluchtverhalten der Kollegen aus dem ungeliebten, aber notwendigen Bereitschaftsdienstsystem. zum Beitrag »
[18.02.2015, 01:35:33]
Dr. Wolfgang Bensch 
KBV unerwartet forsch beim Notfalldienst ...
In allen regionalen KV-en gab es in den letzten Jahren Änderungen der Notfalldienstordnung, wo eine Kostenbeteiligung (es lebe der unkomplizierte Vorwegabzug!) der dienstverpflichteten Kassenärzte in den Satzungen verankert wurde. Die KBV hielt sich mit einer "generellen Stellungnahme" dazu mehr als bedeckt und nun kommt kein Wort von ihr zur realen Kostenbeteiligung der Vertragsärzte!
Berufliche Interessensvertretung? - eindeutig Fehlanzeige! zum Beitrag »

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