Ärzte Zeitung online, 23.03.2015

Klinik-Hygiene

Gröhes Plan gegen Killer-Keime

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nutzt die G 7-Präsidentschaft Deutschlands, um den Kampf gegen multiresistente Klinik-Keime auszuweiten. In einem Zehn-Punkte-Programm nennt er jetzt konkrete Schritte.

Von Anno Fricke

Gröhes Plan gegen Killer-Keime

Saubere Hände? Desinfektion gilt als ein Beitrag des Klinikpersonals zur Hygiene auf den Stationen.

© Peter Atkins / Fotolia.com

BERLIN. Krankenhauskeime bringen Leid über Patienten und Angehörige. Rund eine halbe Million Menschen im Jahr infiziert sich in Deutschland mit den gegen die meisten Gegenstrategien immunen Erregern. Laut offiziellen Zahlen sterben bis zu 15.000 Patienten daran, laut inoffiziellen mehr.

Deutschlands Engagement in der internationalen Politik lässt das Thema auch national auf der Agenda nach oben klettern. Im Zuge der deutschen G-7-Präsidentschaft soll der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen ausgeweitet werden.

Darin will Deutschland in den kommenden fünf Jahren seine Partnerländer unterstützen.

Hierzulande will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Aufmerksamkeit für den Kampf gegen die Killer-Keime mit einem Zehn-Punkte-Programm schärfen. Das noch nicht endgültig abgestimmte Papier liegt der "Ärzte Zeitung" vor.

Mehr Hygienebeauftragte

Die Pläne des Gesundheitsministeriums läuten de facto eine weitere Runde der Bund-Länder-Gespräche über eine Krankenhausreform ein.

Noch bis 2016 läuft ein 365 Millionen Euro schweres Förderprogramm des Bundes zum Aufbau einer ausreichenden Zahl von Hygienebeauftragten und in Hygiene geschultem Personal in den Kliniken. Dazu scheint noch Gesprächsbedarf zu bestehen.

"Mit den Ländern muss verabredet werden, durch welche Maßnahmen die Krankenhäuser den Erhalt und den Ausbau des Hygienepersonals sicherstellen", heißt es in dem Papier.

Das Hygieneförderprogramm sollte zudem in der Landeskrankenhausplanung berücksichtigt werden.

Krankenhäuser sollen zudem dazu verpflichtet werden, Risikopatienten vor der Aufnahme konsequenter auf die Erreger zu untersuchen. Dazu sind sie schon heute verpflichtet.

Nun rückt der Schritt für verbindliche Screenings von deutlich mehr Patienten in den Blick der Regierung.

Hier sollen allerdings noch Modellvorhaben abgewartet werden. Den Bundesländern bietet der Gesundheitsminister an, "dass das Robert Koch-Institut die regionalen Netzwerke aus Gesundheitsämtern, Ärzten und Krankenhäusern zur Bekämpfung der Antibiotika-Resistenzen unterstützt.

Die Krankenhäuser sollen in ihren Qualitätsberichten die Patienten in verständlicher Sprache über Hygienestandards informieren müssen.

Die Vertragsärzte werden von der geplanten Initiative nicht ausgespart. Für sie und ihr Personal soll ebenso wie für das Personal in Kliniken eine Fortbildung zum sachgemäßen Einsatz von Antibiotika verpflichtend werden.

Zustimmung von der BÄK

Der Vorstoß aus dem Gesundheitsministerium ist bei der Bundesärztekammer auf Zustimmung gestoßen. Die Regierung müsse allerdings nachlegen.

"Die Strukturen im Bereich der Krankenhaushygiene müsse durch den Ausbau von Lehrstühlen und Instituten so gefördert werden, dass ausreichend in Krankenhaushygiene qualifizierte Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin sowie für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie zur Verfügung stehen", sagte BÄK-Chef Professor Frank Ulrich Montgomery.

Alle Patienten, die nach den Vorgaben des Robert Koch-Instituts bei Aufnahme zu screenen seien, würden auch gescreent, betonte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft Georg Baum am Montag.

Um die Screenings auch auf Patienten mit geplanten Krankenhausaufenthalten auszudehnen, müssten die Screeningmöglichkeiten der niedergelassenen Ärzte deutlich ausgeweitet werden, sagte Baum.

Noch weiter geht die SPD-Fraktion. Sie fordert in einem vor kurzem vorgelegten Positionspapier ein generelles Screening aller Patienten vor einer stationären Aufnahme.

Eine Ursache von Hygieneproblemen seien auch die oft an externe Anbieter ausgelagerten Reinigungsdienste, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Hilde Mattheis der "Ärzte Zeitung".

Außerdem: 83 Prozent der Antibiotika würden von niedergelassenen Ärzten verordnet. Schulungen sollten die Ärzte für die Gabe von Antibiotika sensibilisieren.

Fehlende Investitionsmittel?

Auf fehlende Investitionsmittel der Krankenhäuser hat der hessische Gesundheitsminister Stefan Grüttner verwiesen. Für Hygienemängel werden auch bauliche Mängel verantwortlich gemacht.

Beim Nationalen DRG-Forum am vergangenen Wochenende in Berlin verwies Grüttner laut Medienberichten darauf, dass der Bund sich in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe geweigert habe, sich mit Bundessteuern an der Klinikinvestitionsfinanzierung zu beteiligen.

Die Länder sind für die Investitionen in Bauten und Großgeräte zuständig. Die gesetzlichen Krankenkassen tragen die Betriebskosten der Krankenhäuser. Seit Einführung der DRG im Jahr 2003 sinkt der Anteil der Länder an den Investionskosten kontinuierlich.

Von den auf Seiten der Krankenhäuser veranschlagten sechs Milliarden Euro im Jahr sind 2013 nur 2,7 Milliarden geflossen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Viel zu viele Tote

[23.03.2015, 19:56:36]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Er will wohl von seiner Untätigkeit beim Impfen ablenken.
[23.03.2015, 16:35:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Multiresistent sind nicht nur Krankenhauskeime!
Auch die überwiegend juristisch sozialisierten Politiker sind eher Beratungs- und Medizinbildungs-multiresistent: Denn in Deutschland sterben pro Jahr deutlich zu hoch geschätzt 12.000 bis 15.000 Menschen in den Kliniken nicht nur, "weil sie sich dort mit einem Keim infizieren, gegen den keine Medizin hilft", sondern weil sie bereits s e l b s t Träger multiresistenter Keime sind, b e v o r sie die Klinik erreichen.

Denn die Erde ist keine infektiologische Scheibe: Als Vertreter einer hausärztlich-individualisierten Humanmedizin, wo in K l i n i k und Praxis maximal 700 bis 800 Tonnen Antibiotika pro Jahr indikationsgerecht eingesetzt werden, lasse ich mich mit den in der Veterinärmedizin offiziell eingesetzten 1.700 Tonnen Antibiotika pro Jahr n i c h t vergleichen. Z u s ä t z l i c h werden dort in Massentierhaltungen, Aufzuchtanlagen und Fischfarmen Antibiotika o h n e veterinärmedizinische Verordnung bereits über Futtermittel eingespeist.

Multi-resistente Keime kommen nicht aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Diese Keime kommen selbst auch irgendwo her. Sie werden zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hinein getragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft es: Übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Jeder Landwirt aus einem Tiermastbetrieb, jeder Krankenhausbesucher mit Straßenschmutz an den Schuhen, jeder Tierhalter, egal ob Hund, Katze, Maus, Pferd o. ä., jeder Klempner, Müllwerker und Entsorger, aber auch Lehrer, Erzieher und alle, die mit vielen Menschen beruflich oder privat zu tun haben, könnten Träger von potenziell multiresistenten Keimen sein. Sogar Menschen, die nur kontaminiertes Putenfleisch kaufen, gehören zum Kreis der "Verdächtigen".

Risiko-Beweise lieferten Infektiologen und Mikrobiologen aus Leipzig mit Daten von Fernreisenden: Die Erreger werden oft mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148). Über 12 Monate wurde in einer infektiologischen Studie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das Risiko des Erreger-Imports durch Fernreisen untersucht. "Wir konnten dabei erstmals für Deutschland in einer größeren Kohorte zeigen, dass fast ein Drittel der Reisenden nach der Heimkehr aus Gebieten mit hoher Erregerdichte tatsächlich Träger multiresistenter Erreger ist", so Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am UKL ["Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany"].

Zum Vergleich das Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel: Seit Dezember 2014 war bei 31 Patienten der Klinik das Bakterium Acinetobacter baumannii in multiresistenter Form nachgewiesen worden. Bis dato 14 Todesfälle, in 9 Fällen wurde der Keim als Todesursache ausgeschlossen; mit den Leipziger Erkenntnissen vergleichbar: Der Keim wurde zuerst im Dezember 2014 durch einen Schleswig-holsteinischen Urlauber, der nach einem Unfall in der Türkei nach Kiel verlegt wurde, eingeschleppt. Infektiologische Angaben aus der Türkei fehlten. Bei einer nächtlichen Not-Operation des Patienten war es dann zur Ausbreitung des Acinetobacter baumannii gekommen.

Ist das etwa ein multiresistentes "Verhaltensproblem" in der GROKO, wie mit Ärzten in Klinik und Praxis umgegangen wird? Ich persönlich weise jeden Hinweis auf möglicherweise unberechtigte Antibiotika-Verordnungen zurück: Noch in meinem Ski-Urlaub in diesem Monat habe ich bei einem Skifahrer eine beginnende Orbitaphlegmone links diagnostiziert und eine adäquate bzw. Leitlinien-gerechte Antibiose eingeleitet.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) betreibt mit seinem "Zehn-Punkte-Plan", mit dem er "den Keimen den Kampf ansagt" (?) eher gesundheitspolitisch undifferenziertes Ärzte-"Bashing", ohne die Fakten zu kennen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Vgl. meinen Blog: http://news.doccheck.com/de/blog/post/2264-die-erde-ist-(k)eine-infektiologische-scheibe/
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