Ärzte Zeitung, 09.06.2015

Kliniken

Mehr Betten in der Geriatrie nötig

Deutschlands Kliniken müssen sich auf einen deutlichen Anstieg geriatrischer Patienten einstellen. Die Anforderungen an die Krankenhäuser und alle Beteiligten sind hoch.

Von Dirk Schnack

Mehr Betten in der Geriatrie nötig

Krankenhäuser müssen sich auf immer mehr hochbetagte Patienten einstellen und ihre geriatrischen Abteilungen ausbauen.

© Atkins / fotolia.com

HAMBURG. 106 Jahre alt war eine Patientin, die vor kurzem mit Schlaganfall auf die Stroke Unit der Asklepios Klinik Wandsbek eingeliefert wurde.

Nach der Akutbehandlung kam die betagte Hamburgerin auf die zu Jahresbeginn eingerichtete Neurogeriatrie in Wandsbek, wo sich ein Team aus verschiedenen Professionen um die Patientin kümmerte. Inzwischen lebt die Frau wieder zu Hause, im Kreis ihrer Familie.

Privatdozent Dr. Lars Marquardt, Chefarzt der Wandsbeker Neurologie und Neurogeriatrie, sieht die Patientin als Paradebeispiel für viele alte Menschen, denen auch im hohen Alter noch geholfen werden kann.

"Wir hatten in diesem Jahr in unseren Geriatrien schon mehrere Patienten, die die 100 überschritten haben", berichtet Marquardt.

Immer mehr Hochbetagte kommen in die Kliniken, die sich mit geriatrischen Abteilungen darauf eingestellt haben.

Allein die Asklepios Kliniken in Hamburg halten vier Geriatrien mit zusammen 368 Betten und damit 50 Prozent aller geriatrischen Betten in der Hansestadt vor. Wandsbek hat mit allein 190 Betten die größte Geriatrie Deutschlands.

Der Bestand an geriatrischen Betten wurde bei Asklepios kürzlich um fünf Prozent aufgestockt, doch Marquardt und sein Kollege Dr. Peter Flesch, Chef-Geriater in der Asklepios Klinik Nord, sind überzeugt: "Die Kapazitäten reichen nicht. Wir können den Bedarf nicht decken."

Komplexe Krankheitsbilder

Sie setzen darauf, dass im nächsten Hamburger Bettenplan mehr Kapazitäten für alte Patienten eingestellt werden.

Die Ärzte verweisen auf die Demografie: Die Zahl der Menschen über 80 Jahre wird sich bis 2030 auf zehn Millionen erhöhen. 2009 waren es noch vier Millionen. Wobei die beiden Experten auch sagen: Entscheidend ist nicht das kalendarische, sondern das biologische Alter.

Neben den Kapazitäten sind weitere Vorbereitungen unerlässlich. Die komplexen Krankheitsbilder erfordern neben dem Querschnittsfach Geriatrie die Einbindung anderer Fachgebiete und anderer Professionen.

Bei den Teambesprechungen in Wandsbek und Nord sitzen deshalb neben Ärzten und Pflegern auch Physio-, Ergo- und Logopäden, Masseure, Neuropsychiater, Seelsorger und der Sozialdienst.

Flesch will auf keinen von ihnen verzichten: "Manchmal ist es nur ein Nebensatz, der auf einen wichtigen Aspekt hinweist und auf den man allein nicht gekommen wäre."

Hohe Ansprüche der Angehörigen

Das Entlassmanagement wird in den Geriatrien schon ab dem Aufnahmetag organisiert. So wird etwa das häusliche Umfeld abgefragt, damit die Nachsorge effektiv gestaltet wird. Dazu gehört auch, dass die behandelnden Hausärzte am Tag vor der Entlassung informiert werden und eine Übersicht über die Medikation erhalten.

Bei allein lebenden Menschen wird die Betreuung organisiert. Zur Entlassung taucht dann häufig ein weiteres Problem auf: Die Angehörigen haben sich auf die neue Situation nicht eingestellt und erwarten zu schnelle Fortschritte bei der Genesung.

"Oft haben die Angehörigen völlig unrealistische Erwartungen und zu hohe Ansprüche an das Team in der Klinik", sagt Flesch.

Das interdisziplinäre Arbeiten hat besonders das alterstraumatologische Zentrum in der Asklepios Klinik Nord forciert. Wird dort ein Patient etwa mit Schenkelhalsbruch eingeliefert, wird er außer vom Unfallchirurgen auch sofort vom Geriater behandelt, ohne dass der Patient die Station verlassen muss.

Trotz der hohen Anforderungen, die auf die Krankenhäuser durch hochbetagte Patienten zukommen, sind sich Flesch und Marquardt aber einig, dass die Arbeit mit dieser Altersgruppe eine hohe Befriedigung für das behandelnde Personal bringt.

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