Ärzte Zeitung, 05.06.2015

Fakultätentag

Unikliniken sehen Licht am Ende des Tunnels

Auf dem Medizinischem Fakultätentag in Kiel hat Bundesgesundheitsminister Gröhe der Hochschulmedizin Finanzhilfen in Aussicht gestellt. Sorgen macht sich der Wissenschaftsrat: Er befürchtet, dass beim Medizinstudium die Forschung ins Hintertreffen gerät.

Von Dirk Schnack

Unikliniken sehen Licht am Ende des Tunnels

Gesundheitsminister Gröhe will für die Unikliniken die Finanzspritze zücken.

© ViennaFrame / fotolia.com

KIEL. Die Bedeutung der Hochschulmedizin ist bei der Politik angekommen. Dies zeigt die hohe politische Aufmerksamkeit, die der 76. Medizinische Fakultätentag (MFT) in Kiel erhalten hat.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) etwa stellte eine bessere Vergütung in Aussicht. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) stärkte den über 250 Teilnehmern den Rücken, als er die Qualität der an den Unikliniken geleisteten Arbeit würdigte.

Als "Motor für den medizinischen Fortschritt" und "ganz wichtigen Partner im Gesundheitswesen" bezeichnete Gröhe die Universitätsmedizin und hob zugleich deren Bedeutung für den Arbeitsmarkt und die Gesundheitsversorgung hervor.

Nach seinen Angaben behandeln die Unikliniken rund zehn Prozent aller stationären Patienten in Deutschland - darunter zahlreiche schwer erkrankte Menschen.

In diesem Zusammenhang brach Gröhe eine Lanze für die "Apparatemedizin", die er häufig zu Unrecht in der Kritik sieht. Zugleich begrüßte er aber auch die zunehmende Bedeutung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen.

"Ein brennendes Thema"

Nach dem umfassenden Lob von politischer Seite erwarten die Fakultätsvertreter nun auch konkrete und zügige Hilfe.

"Wir fühlen uns ernst genommen. Aber das muss nun auch in schnelle Lösungen münden und nicht erst in fünf Jahren", sagte Gastgeber Professor Ulrich Stephani, Dekan der Medizinischen Fakultät in Kiel, der "Ärzte Zeitung".

Nach Beobachtung des Neuropädiaters benötigt die Universitätsmedizin in Deutschland dringend mehr Geld, um die von der Gesellschaft erwartete Qualität auch erfüllen zu können.

Er berichtete von einer Verschärfung der Personalsituation in den vergangenen Jahren. "Ein brennendes Thema", wie Stephani sagte.

Der öffentliche Fokus auf Versorgungsfragen hat aber auch eine Kehrseite, die der MFT ebenfalls thematisierte: Probleme in Wissenschaft und Forschung werden damit zunehmend in den Hintergrund gedrängt.

Professor Hans-Jochen Heinze, Vorsitzender des Medizinausschusses im Wissenschaftsrat, verwies auf politische Überlegungen, schon im Studium die Weichen etwa für eine Tätigkeit in der Versorgung zu stellen.

Er mahnte: "Das Medizinstudium ist kein Instrument der Bedarfssteuerung und muss alle Optionen offen halten." Bedarf an Ärzten bestehe schließlich nicht nur in der Versorgung, sondern auch in Wissenschaft und Forschung - doch da lauere ein Problem.

Medizinstudium: Forschung gerät ins Hintertreffen

Ein immer verschulteres Studium führt dazu, dass den Studenten immer weniger Zeit für wissenschaftliche Arbeit bleibt, beklagt der Wissenschaftsrat. Heinze sieht in einer verpflichtenden Forschungsarbeit ein Instrument, mit dem das wissenschaftliche Arbeiten wieder gestärkt werden könnte.

Tatsächlich zeigen die Medizinstudenten unter dem Lerndruck der vergangenen Jahrzehnte weniger Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten.

Die Promotionsintensität von Absolventen des Medizinstudiums hat innerhalb von 15 Jahren von 80 auf 60 Prozent abgenommen - 40 Prozent verlassen also heute die Hochschule, ohne wissenschaftlich gearbeitet zu haben. "Wissenschaftliches Denken ist aber Grundlage für Diagnose und Therapie", sagt Heinze.

Auch MFT-Präsidiumsmitglied Professor Josef Pfeilschifter (Frankfurt/Main) hat beobachtet, dass immer mehr Medizinstudierende nur danach fragen, wie sie ihren Pflichtkatalog abarbeiten müssen.

Was sie jenseits davon in ihrem Studium noch lernen können und dürfen, gerät zunehmend aus dem Blickfeld - obwohl der Arzt für Pfeilschifter ein "Botschafter der Wissenschaft" sein sollte.

Bei den Studierenden stoßen die Wissenschaftler mit ihrem Ansinnen aber trotz der Entwicklung keineswegs auf Ablehnung.

Mehr Unterstützung im Zeitmanagement erwünscht

Eine in Kiel präsentierte Umfrage zeigt, dass Medizinstudierende das konkrete Auseinandersetzen mit wissenschaftlichen Publikationen als wichtige Kernkompetenz eines Arztes ansehen.

"Um unseren künftigen Patienten eine Therapie auf dem neuesten Stand anbieten und sie adäquat darüber informieren zu können, brauchen wir das Rüstzeug, um medizinische Fachliteratur und neues Forschungsergebnisse lesen und interpretieren zu können", sagt auch Jan Werner aus der Fachschaft Medizin in Köln.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass sich viele Kommilitonen nicht ausreichend vorbereitet fühlen auf wissenschaftliches Arbeiten.

Sie wünschen sich mehr Unterstützung im Zeitmanagement, um ihre Fähigkeiten in der Statistik zu verbessern, um Publikationen schreiben zu können und in der Kommunikation.

Werner hält es für unerlässlich, dass alle Medizinstudierenden ein "Kerncurriculum Forschung" durchlaufen: "Wissenschaftlich interessierte Studierende brauchen Möglichkeiten, nötige "Research-Skills" für ihre Promotion und weitere wissenschaftliche Tätigkeiten in ihrem Studium zu erlernen."

[18.06.2015, 14:32:24]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Jürgen Hoffart
Wenn man Ihren Artikel richtig interpretiert, sieht auch der MFT mittlerweile, dass das Studium einer zunehmenden Verschulung ausgesetzt wird. Allerdings ist nicht erkennbar, wie er dieser Verschulung Einhalt gebieten will. Stattdessen wird empfohlen, dass die Medizinstudenten zukünftig auch noch zusätzlich eine verpflichtende Forschungsarbeit
anfertigen sollen.

Ich frage mich zwischenzeitlich immer mehr, in welchem "Elfenbeinturm" die maßgebenden Köpfe sowohl des MFT als auch an den Universitäten leben. Erkennen bzw. wollen sie nicht erkennen, dass das Medizinstudium in den letzten 20 Jahren, gerade durch die doch so angeblich wissenschaftsorientierten Universitäten, immer mehr verschult wurde?
Folgende Fakten sind doch wohl unbestreitbar:
Der Leistungsdruck, dem die Studenten ausgesetzt sind, wird zunehmend größer. Immer mehr Pflichtvorlesungen, Eingangsklausuren und permanente Zwischenprüfungen sind hierfür ein deutlicher Beleg.

Das Vorklinische Studium zeichnet sich dann noch weiter dadurch aus, dass immer weniger Mediziner in diesem Bereich tätig sind; in Mainz sind z. B. nur die beiden Leiter der Anatomie noch Mediziner. Alle anderen Verantwortlichen für die Vorklinischen Fächer sind Naturwissenschaftler, bei denen man immer mehr den Eindruck gewinnt, dass sie den Medizinern glauben beweisen zu müssen, dass sie keine richtigen Naturwissenschaftler sind.

Hinzukommt, dass Fächer, wie Physik, Chemie und Biologie - auch diese wieder vermittelt durch Naturwissenschaftler - ihre Bedeutung für den späteren Medizinberuf völlig falsch einschätzen, sprich überschätzen.

Man fragt sich auch, ob es wirklich sinnvoll ist, Studienordnungen zu erlassen, die vorschreiben, dass Studenten, die zwei Mal eine Abschlussklausur in einem Fach nicht bestanden haben, zwangsexmatrikuliert werden. Auch dies ein Faktor, der sicher den Lerndruck auf die Studenten erhöht und der Verschulung des Studiums Vorschub leistet.

Früher haben sich, gerade die Mediziner sehr zu Gute gehalten, dass neben dem Medizinstudium auch noch ein Studium generale während des Studiums möglich war. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein, weil einfach keine Zeit mehr hierfür zur Verfügung steht.

Dazu kommt, das unglückselige ständige Schauen auf die Ergebnisse der schriftlichen Examina und der dort im Bundesvergleich erreichten Plätze. Findet sich dann eine Universität auf den hinteren Plätzen wieder, wird in der Regel nicht über eine verbesserte und
engagiertere Lehre nachgedacht, sondern die Prüfungsanforderungen werden nochmals verschärft oder man bietet dann den Studenten, analog zu den Jurastudenten, eine Art Repetitorium zur Vorbereitung auf die Prüfungen an.

Auch dies in meinen Augen eine Bankrotterklärung des Systems. Die Entwicklung kann einem eigentlich nur Angst machen und mit Sorge erfüllen, welche Medizinergenerationen mit dem derzeitigen Ablauf des Studiums "herangezogen" werden. Aber diese Ansichten
sind wahrscheinlich für die Herren und Damen in den "Elfenbeintürmen" viel zu trivial, um sich ernsthaft einmal damit zu befassen.

Dafür stimmen immer mehr Medizinabsolventen mit den Füßen ab und gehen zumindest in Deutschland nicht mehr in den ärztlichen Beruf. Hieran wird auch eine verpflichtende Forschungsarbeit sicher nichts ändern.

Dr. Jürgen Hoffart
Hauptgeschäftsführer der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz zum Beitrag »

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