Ärzte Zeitung online, 16.09.2015

Klinik-Patienten

Multiresistente Keime bereiten größte Sorge

Multiresistente Erreger im Krankenhaus machen zwei von drei Deutschen Angst, zeigt eine Umfrage anlässlich des Tags der Patientensicherheit. Der Kampf gegen die Klinik-Keime gestaltet sich weiterhin schwierig. Das Problem: zu wenig Personal.

Multiresistente Keime bereiten größte Sorge

Hände desinfizieren nicht vergessen.

© Volker Witt / fotolia.com

BERLIN/HAMBURG. Personalschlüssel und Infektionen mit multiresistenten Keimen hängen zusammen.

Darauf hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) anlässlich des 1. Internationalen Tags der Patientensicherheit am 17. September verwiesen.

Das Regierungsprogramm zur Einstellung von mehr Hygienefachkräften in den Krankenhäusern reiche nicht aus, sagte APS-Vorsitzende Hedwig Francois-Kettner.

Bislang seien von den Krankenhäusern 65 Millionen Euro aus dem Förderprogramm abgerufen worden, ergänzte Professor Martin Mielke vom Robert Koch-Institut.

Zudem würden häufiger Konsile abgehalten. Die Inanspruchnahme sei in den Ländern unterschiedlich.

In Belegschaften fehlt eine "werteorientierte Haltung"

Die Arbeitsverdichtung auf den Stationen schade dem Infektionsschutz, sagte die Hygienespezialistin Professorin Petra Gastmeier von der Charité.

Die Initiatorin der "Aktion Saubere Hände" zog nach acht Jahren eine leicht positive Bilanz. Der Verbrauch von Handdesinfektionsmitteln habe sich in den rund 1000 teilnehmenden Kliniken insgesamt um 81 Prozent erhöht.

Die Compliance der Belegschaften, sich in jeder Situation, in der Desinfektion angezeigt ist, auch tatsächlich die Hände zu waschen, liege bei 73 Prozent. Nötig seien wenigstens 80 Prozent. Noch nähmen zu wenige Arztpraxen an der Aktion teil, bedauerte Gastmeier.

In den Belegschaften fehle es an einer "werteorientierten Haltung" gegenüber den Risiken, sagte APS-Vize Professor Hartmut Siebert. Die Fallanalysen seien erschreckend schwach. Nur in 70 Prozent der Fälle gebe es Mortalitäts- und Morbiditätskonferenzen. Umfragen zeigten, dass sich vom Berichtssystem für kritische Vorkommnisse in Kliniken (CIRS) nur 40 Prozent der Ärzte einen Nutzen versprächen.

"Menschen behandeln Menschen, also helfen Vorschriften und Regeln nicht, wenn das Personal und die Ressourcen fehlen", teilte die Bundesärztekammer mit.

Mittlerweile werde sogar in infektiologischen Risikobereichen wie Intensivstationen die von den Fachgesellschaften empfohlene Personalbesetzung in der Regel deutlich unterschritten, sagte Dr. Günther Jonitz, Vorsitzender der Qualitätssicherunggremien der BÄK. Dabei zeigte sich, dass eine hohe Arbeitsdichte das größte Risiko für nosokomiale Infektionen darstelle.

Für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kann der Kampf gegen Klinik-Keime nur gewonnen werden, wenn die Bemühungen in Krankenhäusern und Ländern sowie in der Ausbildung des Fachpersonals und in der Forschung neuer Antibiotika verstärkt werden.

"Nur durch eine gemeinsamen Kraftanstrengung in Krankenhäusern, Arztpraxen, in Forschungseinrichtungen, Pharma-Unternehmen und Behörden kann es gelingen, resistente Krankheitserreger erfolgreich zu bekämpfen und die Patientensicherheit nachhaltig zu verbessern" sagte er. In einem Zehn-Punkte-Programm, das Gröhe im März vorgestellt hatte, nennt er konkrete Schritte.

Patienten haben Angst vor multiresistenten Keimen

Multiresistente Keime werden als größte Bedrohung für die Patientensicherheit angesehen: Zwei Drittel (65 Prozent) aller Patienten haben die Sorge, sich zu infizieren. Immerhin 49 Prozent befürchten Behandlungsfehler, 35 Prozent verunreinigtes Operationsbesteck.

Dies ergab eine repräsentative Befragung der Asklepios Kliniken unter 1000 Erwachsenen anlässlich des Aktionstages.

Auch Komplikationen beim Eingriff (33 Prozent) und die Möglichkeit, dass ein Arzt aus Zeitmangel wichtige Informationen übersehen könnte (30 Prozent), sorgen viele Menschen vor einem Krankenhausaufenthalt.

27 Prozent fürchten Fehler aufgrund einer Verwechslung oder falscher Unterlagen und 24 Prozent die Verabreichung falscher Medikamente.

Nur 14 Prozent machen sich darüber Gedanken, ob eine Operation wegen eines unbefriedigenden Ergebnisses wiederholt werden muss und elf Prozent haben Befürchtungen wegen einer möglicherweise fehlerhaften Bedienung der Geräte.

Positives Bild von Kliniken

Insgesamt vermitteln Krankenhäuser laut der Umfrage einen positiven Eindruck, wenn es um die Patientensicherheit geht. Als "sehr vorbildlich" schätzen 22 Prozent der Befragten die Maßnahmen zur Patientensicherheit ein, mit "eher vorbildlich" antworteten 65 Prozent.

Als wichtigsten Vertrauensfaktor nannten die Befragten verständnisvolle Ärzte, die sich Zeit für Patienten nehmen.Umgekehrt halten 75 Prozent der Patienten übermüdete Ärzte für das größte Risiko für Patienten während des Krankenhausaufenthaltes, gefolgt von einem zu kleinen Pflegeteam (64 Prozent).

Die wichtigsten Maßnahmen, die Kliniken aus Sicht der Patienten umsetzen sollten? 60 Prozent der Befragten nennen hier das Ermutigen des Klinikpersonals, Fehler und Probleme zuzugeben und zu melden, damit künftig daraus gelernt werden kann.

Das Aufklärungsgespräch zum Thema Patientensicherheit vor dem Klinikaufenthalt nannten in diesem Zusammenhang 51 Prozent und die Speicherung der Patientendaten auf der elektronischen Gesundheitskarte, um dem Personal schnellen Zugriff zu ermöglichen, 47 Prozent.

Ebenfalls jedem zweiten Patienten ist das erkennbare Bemühen wichtig, dass sich Ärzte und Pflegekräfte um den Patienten kümmern. Um Vertrauen aufbauen zu können, legen 37 Prozent Wert auf einen freundlichen Umgang mit den Patienten.

Bis zu 15.000 Patienten sterben an Folgen einer Klinik-Infektion

Zwischen 400.000 und 600.000 Menschen im Jahr infizieren sich in Krankenhäusern mit Keimen. Für 7500 bis 15.000 Patienten endet dies tödlich. Ein Drittel der Infektionen gilt als vermeidbar.

"In den Krankenhäusern tickt eine Zeitbombe", warnte die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands der Pflegeberufe (DBfK) , Professorin Christel Bienstein.

"Nosokomiale Infektionen breiten sich rasant aus. Eine der Ursachen ist der Personalmangel in der Pflege"."Die Patientensicherheit ist in unseren Krankenhäusern sowie Pflegeeinrichtungen akut gefährdet", mahnte auch Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats, anlässlich des 1. Internationalen Tags der Patientensicherheit.

"Nach dem Abbau von 50.000 Vollzeitstellen im Pflegedienst im Krankenhaus kann die Politik nicht weiter ignorieren, dass dies Konsequenzen für die Qualität der Versorgung hat", machte Westerfellhaus deutlich.  (af/di)

[18.09.2015, 08:54:39]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Das "Problem" und die Angstmacherei beginnt mit falschen Begriffen, wie "Klinikkeime".
Das klingt aber so toll, ähnlich wie die nicht existierende "Klimakatastrophe", so dass man wohl eisern daran festhalten wird.
"Klinikkeime" gibt es selbstverständlich auch im Hühnerstall und im Schweinestall.
Des ungeachtet, ist gerade in Deutschland traditionell der "Pflegebereich" personell unterbesetzt.
Denn jeder dumme Ökonom, der heute ein Krankenhaus leitet, denkt zuerst an Personalkosten. Leider ist aber die "Krankenhausleistung" zu 90% auch Personalleistung. Reduziert man Personal, reduziert man auch Leistung.
Vieles geht allerdings (zunehmend) auch ambulant, wobei das "Krankenhaus" bitte nicht noch unterstützt werden darf. Hier gibt es die besseren niedergelassenen Ärzte. zum Beitrag »
[17.09.2015, 15:18:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ Dr. Rainer Michael Stiebing - bitte keinen Unsinn verbreiten!
Kollege Dr. Rainer Michael Stiebing, Sie haben offensichtlich den WIKIPEDIA-Eintrag gar nicht vollständig gelesen.

"Die Phagentherapie hat Nachteile:
Im Unterschied zu Antibiotika müssen Phagen bis zum Gebrauch gekühlt werden, und ein Arzt benötigt, um sie verschreiben und anwenden zu können, eine besondere Ausbildung. Die Vielfalt der Phagen wird zum Nachteil, wenn die genaue Art eines infizierenden Bakteriums unbekannt ist oder wenn eine Mehrfachinfektion vorliegt. Die Phagen sollten für ein optimales Ergebnis vor der Anwendung im Labor getestet werden, was sie für akute Fälle weniger geeignet macht, in denen dafür keine Zeit ist. Mehrfachinfektionen können mit Mischungen aus mehreren Phagen bekämpft werden. Wie bei Antibiotika können Bakterien gegen die Behandlungen resistent werden. In diesem Fall überleben sie durch Mutationen den Angriff der Phagen. Allerdings bringt die Evolution rasch neue Phagentypen hervor, die die resistent gewordenen Bakterien zerstören können. Das bedeutet, dass der Nachschub „unerschöpflich“ sein müsste. Zudem büßen gegen Phagen resistent gewordene Bakterien oftmals stark ihre Virulenz ein oder verlieren in diesem Prozess anderweitig teilweise oder vollständig ihre Gefährlichkeit für Menschen oder Tiere. Dies begründet sich aus den Umbauprozessen der bakteriellen Hülle als Abwehrmaßnahme bei der Resistenzentwicklung gegen Phagen, die u. a. dazu führen können, dass das menschliche Abwehrsystem die Bakterien besser erkennen und/oder angreifen kann.

Phagen werden, wenn man sie in die Blutbahn injiziert, vom menschlichen Immunsystem erkannt. Einige davon werden rasch ausgeschieden, und nach einer gewissen Zeitspanne werden Antikörper gegen die Phagen produziert. Es scheint, als ob man aus diesem Grund einen bestimmten Phagen nur einmal zur intravenösen Behandlung verwenden kann."

Gerade der letzte WIKIPEDIA-Absatz ist Erklärung genug für den weltweiten V e r z i c h t auf die apostrophierte "Phagentherapie" und die wenig aussichtsreiche Grundlagenforschung.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[17.09.2015, 08:47:26]
Dr. Rainer Michael Stiebing 
multiresistente Keime
Vielleicht sollte man sich bei Auftreten multiresistenter Keime an die Phagentherapie erinnern.
Zur ersten Orientierung siehe Wikipedia. zum Beitrag »

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