Ärzte Zeitung, 12.02.2016

Umfrage

Kasack statt Kittel? Für die meisten Ärzte kein Problem

Die von einem privaten Klinikbetreiber geplante Ausmusterung des Weißkittels in seinen Häusern stößt in einer Umfrage der "Ärzte Zeitung" auf breite Zustimmung. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hält ein generelles Kittelverbot hingegen für überflüssig

Von Stefan Säemann

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NEU-ISENBURG. Viele Ärzte können sich den Verzicht auf den Arztkittel vorstellen. Das ergab eine nicht repräsentative Online-Umfrage der "Ärzte Zeitung", an der sich 751 Leser beteiligt hatten. Anlass für die Umfrage war die Ankündigung des privaten Klinikbetreibers Asklepios, den klassischen Weißkittel in seinen Häusern auszumustern (wir berichteten) - für Ärzte die Aufgabe eines wichtigen Erkennungszeichens und Statussymbols? Keineswegs.

Nur jeder Vierte hält am Kittel fest

Denn drei von vier Befragten (75 Prozent) halten den Arztkittel demnach für verzichtbar. 49 Prozent meinen, man solle auf den Kittel verzichten, wenn er tatsächlich so unhygienisch ist, wie Studien es nahelegen. Und weitere 25 Prozent sind sogar der Auffassung, dass die althergebrachte Berufskleidung ausgedient hat.

Und nur 25 Prozent - also einer von vier Befragten - halten am Arztkittel als unverzichtbar fest. Sie wählten die Antwortoption, dieser gehöre zum Mediziner wie das Stethoskop.

"Ein überraschendes Ergebnis", kommentiert auf Nachfrage der medizinische Sprecher des Asklepios-Konzerns, Dr. Franz Jürgen Schell. Erst kürzlich entschied die Klinik-Kette, den Ärzten und Pflegern in ihren bundesweit rund 100 Krankenhäusern an die Wäsche zu gehen.

Wie im OP und auf Intensivstationen längst Standard, müssen diese ab April auch auf Station statt des langärmeligen Kittels ein kurzärmeliges Hemd mit Knopfleiste tragen, einen sogenannten Kasack. Zur Begründung heißt es, man wolle Patienten besser vor einer Ansteckung mit multiresistenten Keimen schützen. Studien zeigten, dass die langen Kittelärmel mit Krankheitserregen belastet seien.

Wie Schell mit Blick auf die Umfrageergebnisse verdeutlichte, habe die Unternehmensleitung zur Abschaffung der Langarm-Kleidung einigen Überzeugungsaufwand gehabt - weniger gegenüber den jüngeren, als vielmehr den älteren Ärzten.

Kritik von Klinikhygienikern

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hält das Kittelverbot hingegen für "fachlich nicht zielführend", wie deren Vorstandssprecher Dr. Peter Walger gegenüber der "Ärzte Zeitung" betonte. In sensiblen Bereichen mit Patientenkontakt sei es ohnehin üblich, sich kurzärmlig zu kleiden oder eine sterile Einmal-Schutzkleidung überzuziehen.

"Viel wichtiger ist es, Armbanduhren, Ringe und künstliche Fingernägel abzuziehen, um die Hände vernünftig zu desinfizieren", merkte der Intensivmediziner und Infektiologe an.

Kritische Leserkommentare

Auch Leserzuschriften haben uns erreicht. Dr. Thomas Schätzler weist zum Beispiel darauf hin, dass nicht die langen Ärmel das Problem seien, sondern dass Ärzte und Pfleger zu selten die Wäsche wechselten und die persönliche Hygiene vernachlässigten.

Und Dr. Rainer Michael Stiebing merkt an: "Na denn, hoffentlich desinfizieren sich die Kollegen dann auch regelmäßig die Unterame mit, besonders wenn diese behaart sind." Denn Haarfilz sei ein "ideales Zuhause für Keime". Dies zeigten Untersuchungen von Abstrichen aus Bärten. Ansonsten biete ein Kasak wegen seiner Glätte eine "idealere Rutsche für Bakterien" als ein Arzkittel", so Stiebing.

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[12.02.2016, 14:00:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Lange Ärmel oder "Alte Zöpfe"?
Die zu Grunde liegende Studie im Am J Infect Control. 2011 Sep;39(7):555-9.
doi: 10.1016/j.ajic.2010.12.016.
mit dem Titel:
"Nursing and physician attire as possible source of nosocomial infections" von Y. Wiener-Well et al. bezieht sich in der Tat auf a l l e Klinikmitarbeiter in medizinischer Pflege u n d ärztlichem Dienst. Nicht nur die Taschen der Pflege-Berufskleidungen und der Bauchbereich waren am stärksten mit resistenten Keimen kontaminiert: "The rate of contamination with resistant pathogens was higher (...) in cultures from nurses’ uniforms compared with physicians’ uniforms (14% vs 6%) (....) and on pockets compared with abdominal zones and sleeve ends (17% vs 8% and 10%, respectively)". Danach kamen erst die Ärmel-Enden!

Die Schlussfolgerungen sind relativ klar und einprägsam: Bis zu 60 Prozent der Dienstkleidung von Klinik-Mitarbeitern ist mit potentiell pathogenen Bakterien, einschl. Antibiotika-resistenten Keimen besiedelt... ["CONCLUSION: Up to 60% of hospital staff's uniforms are colonized with potentially pathogenic bacteria, including drug-resistant organisms. It remains to be determined whether these bacteria can be transferred to patients and cause clinically relevant infection"].

Dazu schrieb Liz Garman bei ELSEVIER mit dem Titel: "Doctors' and Nurses' Hospital Uniforms Contain Dangerous Bacteria a Majority of the Time" - "Washington, DC, August 31, 2011 – More than 60 percent of hospital nurses’ and doctors’ uniforms tested positive for potentially dangerous bacteria, according to a study published in the September issue of the American Journal of Infection Control, the official publication of APIC - the Association for Professionals in Infection Control and Epidemiology."
https://www.elsevier.com/about/press-releases/research-and-journals/doctors-and-nurses-hospital-uniforms-contain-dangerous-bacteria-a-majority-of-the-time

Daraus geht unzweideutig hervor, dass nicht ausschließlich die Ärmel der Kittel das Problem sind, sondern der zu seltene Wäschewechsel, die persönliche Wäsche-Hygiene und das primäre Kontaminationsrisiko seitens der Patienten, da die keimfrei gewaschenen Kittel erst sekundär kontaminiert werden.

Wenn man die langen Ärmel abschneidet, reduziert man, vergleichbar mit der "Neuner-Regel" zur Oberflächenabschätzung des Verbrennungsausmaßes, die kontaminierte Wäscheoberfläche gerade mal um 9% - 91% bleiben weiterhin kontaminationsgefährdet - genauso wie die dann unbedeckte Haut.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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