Ärzte Zeitung, 29.03.2016

Klinikum Nordfriesland

Kreistag zieht die Reißleine

Hoffnungen auf einen Erhalt sämtlicher Standorte des kommunalen Klinikums Nordfriesland haben sich zerschlagen. Nur drei Häusern will der Kreistag den Fortbestand zunächst noch zugestehen. In Tönning bedeutet das das Aus.

Von Dirk Schnack

Kreistag zieht die Reißleine

Vergebliche Demonstration für den Erhalt des Krankenhauses Tönning: Der Kreistag entschied, dass der stationäre Betrieb einzustellen ist.

© Dirk Schnack

HUSUM. Trotz massiver Bedenken in der Bevölkerung muss das kreiseigene Klinikum Nordfriesland die stationäre Versorgung am Standort Tönning einstellen.

Die Standorte Husum, Niebüll und Wyk auf Föhr bleiben zumindest mittelfristig als Krankenhausstandorte erhalten. In Tönning soll es künftig nur noch ambulante Versorgung in einem Medizinischen Versorgungszentrum geben.

Der Kreistag Nordfriesland traf diesen Beschluss jetzt fraktionsübergreifend mit großer Mehrheit. Der Kreis entschloss sich zu diesem Schritt, weil das Klinikum rote Zahlen schreibt und ihm ohne finanzielle Stützung die Insolvenz droht.

Der Träger wird durch die Schließung Tönnings voraussichtlich rund 800.000 Euro jährlich sparen. Weitere Schritte sollen zu einer Konsolidierung beitragen.

Viele Fragen offen

Wie die stationäre Versorgung in Nordfriesland langfristig aussehen wird, ist ungewiss. Zunächst wird der Betrieb mit drei Standorten geprüft, ebenso die Optionen Kooperation und Fusion.

Außerdem wird weiter geprüft, ob die derzeitigen Festlandstandorte in Husum und Niebüll zugunsten eines zentraler gelegenen Neubaus in Bredstedt aufgegeben werden.

Dieser Neubau würde mindestens 65 Millionen Euro kosten. Eine Privatisierung des Klinikums, die von der Bevölkerung in einem Bürgerentscheid schon einmal abgelehnt wurde, ist für die Kommunalpolitiker auch keine Option. Flankiert wird der Neuanfang mit einem Geschäftsführerwechsel.

Die Klinik Tönning versorgt mit 80 Mitarbeitern Bevölkerung und Urlauber der Halbinsel Eiderstedt und aus dem nördlichen Dithmarschen.

Laut Träger werden dort jährlich 2500 Patienten stationär und 9700 ambulant behandelt. Damit ist es das kleinste der drei Festlandkrankenhäuser des Kreises und eines der kleinsten landesweit.

Schon vor zehn Jahren hatte ein Gutachten die Schließung Tönnings empfohlen. Nun waren wie bereits berichtet zwei weitere Gutachten zu der gleichen Empfehlung gekommen. Geplant ist die Schließung zur Jahresmitte 2017. Ob die Klinik bis dahin den Betrieb aufrechterhalten kann, ist nicht sicher.

Die seit Monaten kursierenden Schließungs-Gerüchte sollen bereits zu einer Personalfluktuation geführt haben. Die in Tönning versorgten Patienten finden die nächsten Kliniken in Heide und Husum, was zum Teil erheblich weitere Wege bedeutet.

Hoffen auf Sicherstellungszuschlag

Deshalb hatten vor der Entscheidung des Kreistags Bürger der Region gegen die Schließung demonstriert. In der Diskussion um die Zukunft des Klinikums wurde mehrfach Unverständnis in der Bevölkerung darüber laut, dass eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung aus finanziellen Gründen aufgegeben wird.

In Einwohnerversammlungen in Niebüll und Tönning sowie auf der Demonstration vor dem Husumer Kreishaus wurde deutlich, dass Ausgaben der öffentlichen Hand für die Gesundheitsversorgung auf Zustimmung stoßen. 

Die Standorte leiden jedoch auch deshalb wirtschaftlich, weil schon in der Vergangenheit viele Menschen aus der Region für bestimmte Eingriffe die größeren Krankenhäuser in den Nachbarkreisen vorgezogen hatten. "Die Bürger haben die Kliniken nicht in dem Maße frequentiert, wie es nötig gewesen wäre", resümierte ein Kreistagsabgeordneter.

Wie offen die Zukunft der Gesundheitsversorgung auch nach der Entscheidung ist, zeigen die vielen Unbekannten in dem Beschluss. So setzt man etwa auf einen noch nicht genehmigten Sicherstellungszuschlag für den ebenfalls defizitären Standort Niebüll.

Außerdem hofft man auf Mittel aus dem Strukturfonds bei der Umwandlung Tönnings in ein MVZ. Dort sollen sich weitere Ärzte niederlassen - derzeit ist die Neigung bei Ärzten, sich in der Region niederzulassen, aber gering.

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