Ärzte Zeitung, 09.09.2016

Eine Frau für's Herz

Wie eine Chirurgin aus Georgien eine Männerdomäne aufmischt

Dr. Nathalie Kotetishvili ist eine der wenigen Herzchirurginnen Deutschlands. In einem patriarchalisch orientierten Umfeld  klettert die Ärztin die Karriereleiter nach oben.

Von Christine Bauer

Wie eine Chirurgin aus Georgien eine Männerdomäne aufmischt

Nathalie Kotetishvili hatte als Zwölfjährige erstmals die Idee von einer Zukunft als Herzchirurgin.

© Christine Bauer

MÜNCHEN. Etwas mehr als hundert Ärztinnen in Deutschland sind Herzchirurginnen. Mit einer von acht ist der Frauenanteil kleiner als in den meisten anderen Fachbereichen. Eine seltene Gruppe also, zu der Dr. Nathalie Kotetishvili gehört. Es geht noch seltener, denn sie stammt aus Georgien - und sie ist inzwischen leitende Oberärztin.

Ihr Arbeitsumfeld ist die Klinik für Herzchirurgie des städtischen Klinikums Bogenhausen in München. Der Weg war nicht einfach, so die Ärztin. Aber insgesamt kenne sie kaum Schwierigkeiten mit kulturellen Unterschieden, besonders nicht im Beruf. "Von meinen Kollegen wurde ich nie als Ausländerin behandelt."

Während des Gesprächs in ihrem Büro nimmt sie einige, kurze Anrufe entgegen. Bei einem etwas längeren gibt sie ihrem Kollegen Dr. Johannes Rieber, Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin, die angefragte Einschätzung zu einem unvorhergesehenen Gefäßverschluss bei einem Patienten.

Die Kommunikationswege zwischen den benachbarten Disziplinen seien kurz, erklärt sie anschließend. Sie selbst sei fast immer erreichbar. So kommt es schon mal vor, dass ihr noch im OP jemand ihr Handy ans Ohr hält, damit sie eine dringende Frage beantworten kann. Nur in komplizierten Operationsphasen, die ausnahmslos volle Konzentration erfordern, geht sie wirklich nicht ran.

Autodidaktin in der Sprache

Die sportliche Ärztin mit kurzem, blonden Haar spricht fast akzentfrei Deutsch. Sie lernte es nach ihrer Ankunft in Deutschland innerhalb weniger Monate, autodidaktisch, mit Übungsmaterial, Büchern und Filmen. Hatte ihr erster Weg nach dem Medizinstudium an der Universität in Tiflis 1999 nach New York geführt, fand sie sich ein halbes Jahr später auf einmal in Hamburg wieder.

Dorthin war ihr damaliger Freund gezogen. Am Krankenhaus in Hamburg-Harburg und am Krankenhaus St. Georg absolvierte sie ihr praktisches Jahr, wurde dann in der damals noch üblichen Form zunächst als Ärztin im Praktikum (AIP) übernommen. An den Chefarzt, Professor Jörg Ostermeyer, erinnert sie sich als engagierten Mentor.

Einige Jahre später zog es sie nach München, zuerst für einen kurzen Abstecher in die Kinderherzchirurgie. 2007 ging sie als Assistenzärztin ans Deutsche Herzzentrum und kümmert sich seitdem vor allem um erwachsene Herzen. Sie erinnert sich, wie sie während der langen Facharztweiterbildung manchmal die Ungeduld drückte, etwa die, endlich große Operationen machen zu dürfen. Etwas mehr Gelassenheit, so die Ärztin, hätte ihr wohl einiges Kopfzerbrechen erspart.

Am Deutschen Herzzentrum begann ihre bis heute andauernde Zusammenarbeit mit Professor Walter Eichinger. Der heutige Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie erinnert sich an Kotetishvili als begabte Operateurin. "Mir fiel ihre sehr hohe Geschicklichkeit auf." Bei seinem Wechsel ans Klinikum Bogenhausen 2009 holte er sie in sein Ärzteteam.

Zwei Jahre später war nach einem personellen Wechsel eine Oberarztstelle zu besetzen. Kotetishvili war 38, hatte inzwischen ihre Facharztprüfung absolviert und reichlich Operationserfahrung.

Arbeit in multinationalem Team

Eichinger fiel es, wie er selbst feststellt, leicht, sie für die Position auszuwählen. "Das kam für mich überraschend", sagt Kotetishvili dazu. "Ich habe darauf nie gezielt hingearbeitet." Vor einem Jahr wurde sie leitende Oberärztin. Die dafür erforderliche, besondere Führungsfähigkeit traute der Chefarzt ihr ebenfalls zu, zusätzlich bekam sie ein individuelles Führungskräftecoaching.

Nun leitet sie ein multinationales Team mit vier Oberärzten, zwei Funktionsoberärzten und etwa 15 Assistenzärzten.

Ehrgeiz, so erinnert sich die Chirurgin, hatte sie schon immer. Umso mehr, wenn ihr in ihrer patriarchalisch orientierten Umgebung Zweifel begegneten, ob eine Frau Ärztin werden könne, und dann auch noch Herzchirurgin. Ihre Faszination für das Organ wurde früh geweckt. Der Großvater wurde herzkrank, seitdem sah sie Filme über Herzspezialisten mit anderem Blick.

Als Zwölfjährige hatte sie erstmals die Idee einer Zukunft als Herzchirurgin vor Augen.

Heute gehören minimal-invasive Verfahren, vor allem im Bereich der rekonstruktiven Herzklappenchirurgie, zu ihren Spezialgebieten, wie auch der gesamten Klinik. Außerdem führt sie öfter herzchirurgische Eingriffe ohne Herz-Lungen-Maschine durch. Noch immer steht sie jeden Tag für ein bis zwei Operationen im OP. Darauf legt sie Wert, wenn es auch möglichst nicht noch mehr sein sollen.

Eineinhalb Stunden dauert eine Operation mindestens, bei komplizierten Fällen können es aber auch acht Stunden werden. Manchmal die ganze Nacht durch, je nach Dienst und Notfallsituation. "Es ist ein Knochenjob, aber es macht sehr viel Spaß." Umso mehr, wenn sie die Erfolge sehe, Menschen, die weiterleben, wieder gesund werden.

Bei einem Rundgang durch die klinikeigene Intensiv-, Wach- und Normalstation freuen sich mehrere Patienten sichtlich, die Ärztin zu sehen. Wenn heute ein skeptischer Patient fragt, ihre wievielte Herzoperation das sei, nimmt sie es gelassen. Meist, stellt sie fest, sind die Betroffenen dann doch ganz froh, von ihr operiert zu werden.

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