Ärzte Zeitung online, 08.08.2016

Uniklinikum Frankfurt

Keine Herztransplantationen mehr

Die Uniklinik Frankfurt konnte die Vorgaben des GBA bei Herztransplantationen nicht mehr erreichen. Konsequenz: Keine Transplantationen mehr in Frankfurt.

Keine Herztransplantationen mehr am Uniklinikum Frankfurt

Professor Jürgen Graf erläutert die Entscheidung des Universitätsklinikums Frankfurt.

© Andreas Arnold / dpa

Von Marco Mrusek

Seinem Team tue es schon etwas weh, vertraute Patienten nicht weiter betreuen zu können, die sie bisher auf eine Herztransplantation vorbereitet haben. So sieht Professor Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt, die Entscheidung seiner Klinik, künftig keine weiteren Spenderherzen mehr zu transplantieren.

Denn der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) sieht für Patienten von Herztransplantationen eine Krankenhaussterblichkeit von nicht mehr als 20 Prozent vor. Andernfalls ist ein "strukturierter Dialog" zwischen Klinik und GBA vorgesehen, um die Versorgungsqualität zu evaluieren. In der Konsequenz bedeutet das: Vier von fünf Transplantationspatienten müssen das Krankenhaus lebend wieder verlassen.

Werden weniger Transplantationen durchgeführt, ist bereits der Tod eines einzigen Patienten Anlass für eine Evaluation. Bei einem komplexen Bereich wie der Transplantation eines Herzens und in Zeiten einer sinkenden Zahl von Spenderorganen sieht sich das Universitätsklinikum Frankfurt deshalb nicht mehr in der Lage, diese Quote zu erfüllen.

Im Zeitraum von 2010 bis 2013 habe das Universitätsklinikum fünf Spenderherzen transplantiert, erklärte Graf am Freitag bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Alle fünf dieser Patienten hätten das Krankenhaus lebend verlassen. In den beiden vergangenen Jahren starben von vier Transplantationspatienten jedoch drei. Um die Quote des GBA einzuhalten, hätte also nicht ein einziger Patient sterben dürfen. Durch die geringen Fallzahlen ist die einzuhaltende Sterblichkeitsquote also sehr eng.

Gute Ergebnisse bei anderen Transplantationen

Graf hält diese Vorgabe zwar für realistisch und die Uniklinik unterstütze das Vorgehen des GBA "im Sinne der Qualitätsverbesserung und Patientensicherheit ausdrücklich". Beispielsweise seien die Überlebensraten der Patienten mit Leber- und Nierentransplantationen am Universitätsklinikum Frankfurt sehr gut und deutlich besser als vom GBA gefordert.

Doch gelte es zu bedenken, dass eine Herztransplantation für den Patienten risikoreicher sei als andere Transplantationen und sehr häufig mit ernsten Komorbiditäten verbunden. Auch danach bestünde noch die Gefahr eines Blutgerinnsels oder allgemeinen Organversagens, so Graf.

"Die Vorgaben wurden jedoch auch zu einem Zeitpunkt entwickelt, als die Zahl der Patienten an den einzelnen Zentren noch höher war", bemühte sich Graf, die Daten in den Kontext zu bringen. "Die Zahl der Herztransplantationen hat in den letzten zehn Jahren um sicherlich 25 bis 30 Prozent abgenommen."

Lediglich 286 Spenderherzen zur Verfügung

Den jetzt noch 21 Zentren in Deutschland, die Herztransplantationen durchführen, standen im letzten Jahr lediglich 286 Spenderherzen zur Verfügung, teilt die Deutsche Stiftung Organtransplantation mit.

So gebe es derzeit in Deutschland durchschnittlich pro eine Million Einwohner gerade einmal etwa zehn Organspender, betonte Graf. Der europäische Durchschnitt liege aber bei 19 Spendern. "Also fast doppelt so hoch. Und das bedingt dann natürlich die Verfügbarkeit der zu transplantierenden Organe."

Dazu komme, dass das Herz eines Organspenders am seltensten transplantiert werden könne, weil nicht wenige Organspender an einer akuten Herzerkrankung stürben. In der Regel würden Herzkranke deshalb ungefähr zehn Monate auf ein Spenderherz warten, so Graf.

Das knappe Gut der Spenderherzen teilen sich in Deutschland wie erwähnt 21 Transplantationszentren, von denen lediglich drei - Bad Oeynhausen, Leipzig und Hannover - im Jahr 2014 überhaupt auf eine Zahl von über 20 Herztransplantationen kamen. Für die restlichen 18 plus bisher Frankfurt verschärften die stark rückläufigen Organspendezahlen und damit Transplantationszahlen also die einzuhaltende Überlebensquote.

Startschuss für ein Herz-Kreislauf-Centrum

Was ist nun die Konsequenz für das Universitätsklinikum Frankfurt aus dem "strukturierten Dialog"? In einem externen Peer Review-Verfahren wird ein Fachexperte aus dem Bereich Herzchirurgie die Prozesse im Klinikum evaluieren und auf etwaige Verbesserungsmöglichkeiten hinweisen.

Alle Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Frankfurt werden künftig im neuen Universitären Centrum für Herz-Kreislauf-Medizin interdisziplinär behandelt. Der Schwerpunkt dort solle auf innovativen und deutlich weniger invasiven Behandlungsmethoden liegen. Mit dem einzigen verbleibenden hessischen Transplantationsstandort für Herzen von Erwachsenen - Bad Nauheim - werde ein kooperatives Behandlungskonzept erarbeitet.

Allen 30 Patienten, die in Frankfurt noch auf ein Spenderherz warten, entstünden keine Nachteile. Die Vergabe der Spenderorgane werde zentral durch Eurotransplant nach definierten Kriterien geregelt, so die Uniklinik.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »