Ärzte Zeitung, 21.09.2016

Medikationssicherheit am Uniklinikum Frankfurt

Von Detektivarbeit und Schweizer Käse

Das Uniklinikum Frankfurt setzt auf E-Health und ausgeklügelte Bestückungsstrategien beim Arzneimitteleinkauf – und leistet manchmal Detektivarbeit, um herauszufinden, was Patienten für Medikamente einnehmen.

Von Anne Zegelman

Von Detektivarbeit und Schweizer Käse

Was nimmt mein Patient an Arzneimitteln? Manchmal wissen das diese nicht – oder können es nicht einmal beantworten.

© macroart / fotolia.com

FRANKFURT. Jeden Tag werden am Universitätsklinikum Frankfurt (UKF) etwa 200 neue Patienten aufgenommen, für die ein neuer Verordnungsplan erstellt werden muss. Doch was passiert, wenn ein Patient selbst keine Auskunft darüber geben kann, welche Medikamente er regelmäßig einnimmt – etwa, weil er nicht ansprechbar ist?

Ein Detektivspiel

"Letztlich ist das dann ein Detektivspiel, ein Mosaik, das wir aus vielen einzelnen Informationen legen müssen", sagt Professor Jürgen Graf, ärztlicher Leiter und Vorstandsvorsitzender des UKF.

Einheiten wie die Notaufnahme oder die Neurologie, die oft in diese Situationen kämen, wüssten sich aber zu behelfen. "Da kann ein Anruf beim Hausarzt Klarheit bringen, oder Angehörige können zur Klärung beitragen", berichtet er. "Viele Tabletten sind sehr charakteristisch." Da könne schon eine Beschreibung auf die richtige Spur führen.

Keine Frage, ein zum Beispiel im Portemonnaie mitgeführter Plan über die eingenommenen Arzneien könnte den Klinikärzten viel Arbeit ersparen. Einen im E-Health-Gesetz verankerten Anspruch auf einen Medikationsplan haben ab dem 1. Oktober 2016 Patienten, die drei oder mehr vom Arzt verordnete Wirkstoffe gleichzeitig einnehmen müssen. Und ab 2018 soll der Plan auch in elektronischer Form über die elektronische Gesundheitskarte (eGK) aktualisiert werden können– ab 2019 ist dies Pflicht.

Datenschutzrechtliche Bedenken

"Wir hoffen, dass wir dadurch dann schlauer werden und unterstützen auf jeden Fall das Prinzip", sagt Klinikchef Graf. Und Professor Sebastian Harder, Vorsitzender der Arzneimittelkommission am UKF, unterstreicht: "Eine elektronische Verknüpfung ist sehr wichtig, auch auf der elektronischen Gesundheitskarte – sofern datenschutzrechtliche Bedenken vorher ausgeräumt werden."

Die Regel ist aber doch eher, dass Patienten bei der Aufnahme Auskunft über ihre Medikation geben können – oder die Tabletten gleich selbst mitbringen. "Bei der Aufnahme fragen wir sehr genau nach und halten schriftlich fest, welche Medikamente ein Patient dabei hat", so Harder.

Medikamente lösen manchmal erst den Krankenhausaufenthalt aus

Denn oft genug stehen die Arzneien in Verbindung mit den Beschwerden: "Fünf Prozent aller Krankenhausaufenthalte hängen damit zusammen, dass die vorhergehende Medikation nicht optimal war."

Graf ist die Schlüsselrolle der Klinik sehr wohl bewusst. Denn Fachärzte wüssten oft gar nicht, wo ihr Patient sonst noch in Behandlung sei – und welche Arzneien ihm dort verschrieben würden. "Oft ist es deshalb beim Eintreffen in der Klinik das erste Mal, dass eine Medikation in Gänze wahrgenommen wird", erläutert er.

Elektronischer Medikationscheck

Im elektronischen Medikationscheck – das Programm haben die Frankfurter aus Heidelberg übernommen; es wird gerade weiterentwickelt – werden alle bekannten Medikamente notiert und auf Interaktion geprüft.

Eine Mammutaufgabe, denn insgesamt werden im UKF 1000 Patienten auf den Stationen und rund 600 Patienten in den Ambulanzen behandelt. Fast alle erhalten Medikamente – stationär jeder Patient im Durchschnitt sechs unterschiedliche. Damit ergibt sich eine Gesamtzahl von rund 22.000 Medikamentengaben täglich.

Auch eine Informationsbroschüre gibt es, die an Patienten und ihre Angehörigen ausgegeben wird. Gefragt wird darin auch explizit nach rezeptfreien Medikamenten wie frei verkäuflichen Schmerztabletten.

Vergessen werden darf auch nicht die Frage nach den sonstigen Einnahmen und Gewohnheiten. Denn auch Johanniskraut und sogar Grapefruitsaft können zu Störfaktoren werden, gerade in Verbindung mit Herzmedikamenten.

Viele Möglichkeiten für Fehler

Eine reibungslose Medikation zu gewährleisten ist eine Aufgabe, die Sicherungsmaßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen erfordert. "Der Medikationsprozess besteht aus sechs Haupt- und über 100 Teilschritten", berichtet Harder. "Und in jedem Schritt können Fehler passieren."

Und die können bekanntermaßen weitreichende Folgen haben. Denn geht vieles auf einmal schief, ist es möglich, dass eine falsche Medikation durch alle Abteilungen hindurch weitergeführt wird, wie anhand des bekannten Fehlermodells des "Swiss Cheese" zu sehen. Deshalb wappnet sich das Krankenhaus, indem es für jede beteiligte Station Handlungsempfehlungen ausgibt.

Außerdem wird jede Medikamentengabe in der elektronischen Patientenakte dokumentiert, auf die jede involvierte Station und jede eingebundene Person zugreifen kann.

Über 600 Fertigspritzen täglich

Die Klinikapotheke bereitet täglich über 600 Fertigspritzen und Infusionen vor, davon viele Chemotherapien. Um Verwechslungen zu vermeiden, setzt die Sicherungsstrategie schon beim Einkauf an. Gleich klingende Namen (sound-alike) und gleich aussehende Verpackungen (look-alike) werden nach Möglichkeit vermieden, es gibt regelmäßig Informationsschreiben und Newsletter an die Mitarbeiter.

Die Arzneimittelherstellung läuft zentralisiert und computerbasiert, auf Re- und Parallelimporte wird komplett verzichtet.

Des Weiteren gehören zum Sicherheitskonzept am UKF die Vermeidung von Mangelernährung durch Tabellen zum Ernährungsmanagement sowie ein perioperatives Patientenblut-Management zur Vermeidung von iatrogener Anämie durch Verkleinerung der Blutentnahmeröhrchen und eine tägliche strenge Indikationsstellung.

Und schließlich gibt es noch das 2016 mit dem ersten Preis des Aktionsbündnisses Patientensicherheit ausgezeichnete Antibiotic Stewardship-Team (ABS), das Klinikkollegen berät, welches, wie viel, wie oft und in welcher Form sie ein Antibiotikum verabreichen sollten. Die Landesärztekammer unterstützt das Team an der Uniklinik, indem sie demnächst eine Fortbildung für Klinikärzte anbietet.

"All diese Dinge können nur Sicherheit schaffen, aber Fehlerfreiheit wird uns nicht gelingen", sagt Klinikchef Graf. Die Uniklinik hat die verschiedenen Aspekte ihres Sicherheitskonzeptes in diesem Jahr beim Tag der Patientensicherheit der Öffentlichkeit vorgestellt. Diesmal lautete das Thema Medikationssicherheit.

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