Ärzte Zeitung, 21.09.2016

Fehlerberichtssysteme

Potenzial nicht ausgeschöpft

Fehlerberichtssysteme werden in der Praxis noch zu wenig eingesetzt, und das hat Folgen. Kritik übte Hardy Müller vom TK-Effizienzinstitut WINEG beim dritten Hamburger Symposium Patientensicherheit.

Von Dirk Schnack

Potenzial nicht ausgeschöpft

Alles richtig gemacht? Fehlermeldesysteme sind noch nicht überall etabliert.

© denisismagilov / fotolia.com

HAMBURG. In der ambulanten Medizin setzen sich Fehlerberichtssysteme nur zögerlich durch. Auf die daraus resultierenden Folgen wurde auf dem dritten Hamburger Symposium Patientensicherheit hingewiesen.

19 Millionen Fälle jährlich in der stationären Medizin, 680 Millionen Fälle in der ambulanten Medizin – "Ist es nicht sinnvoll, in dem Bereich mit dem Gros der Behandlungsfälle mehr in Sachen Patientensicherheit zu unternehmen?", fragte Hardy Müller vom Wissenschaftlichen Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) auf dem Symposium.

Niedergelassene Ärzte verständigen sich zu wenig

Fest steht für ihn, dass die Einführung von Berichts- und Lernsystemen in der ambulanten Medizin noch hinterher hinkt. Müller sieht CIRS (Critical Incident Reporting Systems) bislang zu wenig etabliert und verweist in diesem Zusammenhang auf eine geringe Berichtsfrequenz, einen erschwerten Zugang des Praxispersonals zu diesen Systemen und auf die fehlende einheitliche Einbettung in das praxisinterne Qualitätsmanagement.

Hinzu kommt, dass sich niedergelassene Ärzte zu wenig über das Thema verständigen. "Ein praxisübergreifender Austausch findet kaum statt", sagte Müller auf dem Kongress.

Innovationsfonds: Antrag eingereicht

Ob CIRS auch in den Praxen Fahrt aufnehmen wird, hängt unter anderem von den Ergebnissen des derzeit laufenden Modells TK-CIRS und vom Innovationsfonds ab.

Müller berichtete, dass ein Antrag auf Förderung durch den Innovationsfonds eingereicht ist.

Das Projekt zur Fortentwicklung von Fehlerberichts- und Lernsystemen für die ambulante Versorgung zu einem implementierungsreifen System wird von einer breiten Gruppe getragen – neben dem WINEG und der TK sind auch das Frankfurter Institut für Allgemeinmedizin, das Aktionsbündnis Patientensicherheit, Asklepios, die KV und die Apothekerkammer Westfalen-Lippe und das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) Projektpartner.

Pilottest vorgenommen

Seit April 2015 läuft das TK-CIRS schon im Nürnberger Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz mit rund 70 Praxen, und im Gesundheitsnetzwerk Köln-Süd wurde ein Pilottest vorgenommen. Mit weiteren interessierten Netzen werden derzeit Gespräche geführt.

Die Evaluationsphase für TK-CIRS hat zwar noch nicht begonnen – das Projekt endet erst im kommenden Jahr. Fest steht aber, dass die Beteiligten von einem hohen Potenzial zur Versorgungsverbesserung ausgehen. Müller verwies in diesem Zusammenhang auf die gemeinsame Verpflichtung von Krankenkassen und Leistungserbringern bei der Patientensicherheit.

Er geht auch davon aus, dass –wie es sich im stationären Bereich schon andeutet – die Investition in solche Systeme nicht nur für die Patienten von Vorteil ist, sondern Praxen bei standardisierten Abläufen unter dem Strich durch vermiedene Fehler auch geringeren Aufwand haben.

CIRS soll Schwachstellen früh erkennen

CIRS ist ein freiwilliges Berichtssystem mit dem Ziel, Schwachstellen im System früh zu erkennen. Im Mittelpunkt steht dabei das gemeinsame voneinander lernen.

Berichte über ungewöhnliche Ereignisse werden bei CIRS standardisiert gesammelt und das System ist für alle Mitarbeiter zu jeder Zeit verfügbar. Die Berichte sind anonym und vertraulich, werden systematisch ausgewertet und alle Beteiligten erhalten ein Feedback.

Auf diese Weise sollen Probleme und Verbesserungspotenziale erkannt und präventives Wissen bereitgestellt werden. Zugleich sensibilisiert das System für Risiken, trägt zur Weiterentwicklung einer Sicherheitskultur und zu einem einrichtungsübergreifenden Lernen bei.

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