Ärzte Zeitung, 17.12.2012

Krankenkassen

Lieber Innovationstreiber als Sparfuchs

Nicht nur Unternehmen, auch Mediziner fordern von den Kassen, Innovationen aktiver zu begleiten. Auch um "Unsinniges" von Patienten fernzuhalten.

Von Ilse Schlingensiepen

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Kassen sollen am Innovationsrad mitdrehen - etwa indem sie neue Produkte in IV-Verträge aufnehmen.

© S. Nivens / shutterstock

DÜSSELDORF. Krankenkassen sollten nach Einschätzung von Professor Dietrich Grönemeyer von der Universität Witten/Herdecke eine aktivere Rolle einnehmen, wenn es um die Einführung von Innovationen im Gesundheitswesen geht.

Die Kassen müssten sich gemeinsam mit den Entwicklern in den Unternehmen und den Ärzten an Innovationsprozessen beteiligten, sagte Grönemeyer beim Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse (TK).

"Dann könnte man Innovationen schneller in den Markt bringen und mit dem kritischen Blick viel Unsinniges verhindern."

Der Mediziner, der das Grönemeyer Institut für Mikrotherapie der Universität Witten/Herdecke leitet, hat wenig Verständnis dafür, dass es heute Jahrzehnte dauern kann, bis neuartige Verfahren von den Kassen erstattet werden.

Um die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung meistern zu können, würden viele Innovationen gebraucht, nicht nur medizinische, sondern auch psycho-somatische und pharmazeutische.

Beim notwendigen Prozess der Einführung und Überprüfung von Innovationen könne ein Gremium wie der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) weiter eine Rolle spielen, sagte er. "Voraussetzung ist, dass er sich frühzeitig mit den Protagonisten an einen Tisch setzt."

Der stellvertretende TK-Vorstandsvorsitzende Thomas Ballast sieht es als Fortschritt, dass die medizintechnische Industrie einen verbesserten Zugang zum GBA erhalten hat. "Ich würde mir noch viel mehr an Dialogformen wünschen", sagte er.

Es dürfe nicht der falsche Eindruck entstehen, dass das deutsche Gesundheitssystem innovationsfeindlich sei. "Wir sind sehr gut darin, neue Dinge aufzunehmen, aber sehr schlecht darin, alte Zöpfe abzuschneiden."

Vom Beispiel Protonentherapie lernen

Die Nutzenbewertung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist aus Ballasts Sicht eine tragfähige Lösung. "So ein System brauchen wir auch für die Medizintechnik", forderte er.

Michael Scherf, stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Medizintechnik im Industrieverband Spectaris, warnte vor einer Gleichstellung von Arzneimitteln und Medizintechnik.

"Das sind zwei unterschiedliche Dinge, auch in der Einführung." Scherf verwies auf den Patentschutz in der Pharmaindustrie, den es bei medizintechnischen Innovationen nicht gebe.

Der Vorstandsvorsitzende der Getemed AG hält den Weg der Prüfung und Zertifizierung von Medizintechnik-Produkten durch staatlich benannte Stellen nicht für optimal.

"Besser wäre es, die Produkte über die Integrierte Versorgung oder Modellversuche temporär in die Versorgung zu bringen und dann anhand der Daten zu entscheiden, ob sie in die Regelversorgung kommen."

Es sei eine große Herausforderung, die Lücke zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der Umsetzung in der Praxis zu schließen, sagte Professor Eckhard Nagel, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen.

"Wir müssen dabei auch noch differenzieren, ob es sich tatsächlich um einen Fortschritt handelt." An Bewertungsprozessen durch Institute wie dem IQWiG oder das britische NICE führe kein Weg vorbei.

"Wir müssen uns auf diesem strukturierten Prozess fortbewegen", sagte Nagel.Neue Verfahren dürften nicht in die Versorgung eingeführt werden, ohne dass sie ausreichend evaluiert sind. Ein aktuelles Beispiel sei die Protonentherapie.

"In den letzten Monaten hat man erkannt, dass man in etwas investiert hat, von dem man nicht wusste, ob es technisch funktioniert und ob es bei allen Patienten wirkt."

Es gehe nicht darum, technische Neuerungen generell als unwichtig abzutun, betonte der Mediziner. "Sie müssen aber in einem strukturierten Verfahren eingeführt werden."

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