Ärzte Zeitung online, 16.06.2017

Diagnostik

Triebfeder für die medizinische Versorgung

Der deutsche Labormarkt steht unter Druck – nicht nur auf der Kostenseite.Demografiewandel oder Fachkräftemangel führen zur weiteren Konsolidierung. Die Diagnostikaanbieter feilen derweil weiter an innovativen und effizienten Lösungen für die Branche.

Von Matthias Wallenfels

Diagnostik: Triebfeder für die medizinische Versorgung

Labordiagnostik ist die überwiegende Basis für ärztliche Therapieentscheidungen.

© Mathias Ernert

FRANKFURT/MAIN. Der Labormarkt in Deutschland war in den vergangenen Jahren von Konzentrationsprozessen bei anhaltendem Marktwachstum geprägt. Mehrere große Konzerne und Anbietergruppen haben sich herausgebildet. Global wird erwartet, dass sich das Wachstum im Labormarkt fortsetzt – kühne Schätzungen gehen davon aus, dass er bis 2020 noch einmal um 50 Prozent wachsen wird. Das geht aus der "Branchenanalyse Laboranalytik" der Hans Böckler Stiftung (HBS) hervor.

Größere Einheiten bieten bei großen Probenzahlen Kostenvorteile – ein wesentlicher Grund für die vielen Übernahmen kleinerer Labore und damit den Konzentrationsprozess. "Es entsteht eine neue Marktstruktur mit wenigen Großunternehmen und einer großen Zahl kleinerer Regionallabore", prognostizieren die Studienautoren.

Treiber für die international feststellbaren Veränderungsprozesse seien der technischer Fortschritt, die zunehmende Industrialisierung von Prozessen, die steigende Nachfrage und in Märkten wie Deutschland auch nach wie vor die Privatisierungen im Gesundheitsbereich.

Private Equity treibt Fusionen voran

"Marktwachstum, Privatisierung, Generationenwechsel bei den Eigentümern und Konzentrationstendenzen bei hohen möglichen Renditen von bis zu 20 Prozent machen die Branche für Private-Equity-Investoren interessant", so die HBS-Studie.

Private Equity – und damit außerbörsliches Beteiligungskapital – habe in den vergangenen Jahren gerade in Deutschland die schnellen Aufkäufe und Zusammenschlüsse wie bei Synlab und amedes überhaupt erst möglich gemacht.

Auch Branchenvertreter selbst konstatieren, dass globale Trends wie der Demografiewandel, der Fachkräftemangel, limitierte Laborflächen, aber auch die Ausbreitung chronischer Erkrankungen erheblichen Druck auf Labore und die Gesundheitssysteme weltweit generieren.

Wie Dr. Carsten Bünning, bei dem Diagnostika-Giganten Abbott in Wiesbaden Director of Research and Development for Diagnostics, vor Kurzem auf einer Veranstaltung des Unternehmens in Frankfurt anlässlich des Welttages des Labors attestierte, führten all diese Faktoren zu steigenden Kosten und einem höheren Investitionsniveau für Labor-Infrastrukturen und -Technologien.

Die vier Trends

Bünning sprach von einer gewaltigen Marktdynamik, die geprägt sei von den vier Haupttrends:

» Konsolidierung im Kernlabor: Bei den größeren Laboranbietern führen stark industrialisierte Analyseprozesse und zentralisierte Verwaltungseinheiten zu sinkenden Kosten – und einer erhöhten Schlagkraft auf dem Labormarkt. Von Letzterem profitieren auch niedergelassene Ärzte, die immer mehr Laborparamter immer schneller zur Verfügung gestellt bekommen könnten. Das Manko kleinerer medizinischer Dienstleister sei zum Beispiel, dass es mitunter sehr schwer sei, einen kompetenten Laborleiter zu finden.

» Globalisierung mit Referenzlaboren: Die Marktkonzentration führt zu größeren Anbietern, die bestimmte Proben zur Auswertung auch nach Übersee in ein hochgerüstetes Referenzlabor schicken – wenn die Rahmenbedingungen es zulassen, zum Beispiel keine Kühlkette erforderlich ist.

» Near-Patient Testing: Die innovativen Lösungen der Branche erlauben die Diagnostik vermehrt am Point of Care (PoC) zu erbringen und das Labor zu ersetzen. Somit verkürze das Near-Patient Testing mit mobilen Tools die Zeit für die Diagnostik und die Therapieentscheidung – bei geringen Kosten im Vergleich zur Einbindung eines Labors.

» Direkt zum Verbraucher: Teile des diagnostischen Geschehens finden zunehmend ohne ärztliche Konsultation statt – der Markt mit dem "Direct-to-Consumer"-Geschäft wächst ständig. Bei den DTC-Optionen handelt es sich um frei verkäufliche Tests, die Kunden direkt an ein Labor schicken, das ihnen wiederum einen Befund zukommen lässt. Knackpunkt der DTC-Tests sei, dass die Anwender die Ergebnisse in der Regel nicht richtig, geschweige denn fundiert beurteilen könnten – weswegen Labormediziner hohen Regulierungsbedarf sehen (wir berichteten).

Wie Bünning weiter ausführte, arbeite die Diagnostikaindustrie fieberhaft an großen und vernetzten Laborplattformen für kleinere, schnellere, genauere und einheitliche diagnostische Lösungen – und damit noch effizienteren Tests. Diese führten zum einen zur schnelleren Diagnose und damit zu besseren Behandlungsergebnissen.

Für Ärzte ließen sich so wertvolle Informationen generieren, mit denen sie optimale Behandlungspläne erstellen könnten. Zum anderen führten effizientere Tests zu höherer Produktivität in den Laboren – und verringerten so den Systemdruck.

Ärzte hadern teils mit Laborwerten

Wird die medizinische Labordiagnostik auf der einen Seite immer leistungsfähiger, so überfordert das auf der anderen Seite vermehrt die Ärzteschaft. Wie Stefan Boll, bei Abbott für Managing Director Diagnostics Marketing for Germany, Austria and Switzerland, in Frankfurt mit Blick auf eine nicht-repräsentative Umfrage seines Unternehmens unter niedergelassenen und Klinikärzten in Deutschland herausfand, ordnen 61 Prozent Labortests für mehr als die Hälfte ihrer Patienten an.

Wermutstropfen: 32 Prozent – und damit knapp ein Drittel der Befragten – gaben zu, in mehr als zehn Prozent der Fälle unsicher bei der richtigen Interpretation der Laborresultate gewesen zu sein. Zugleich gaben 21 Prozent an, trotz Unsicherheiten nie das Labor für Rückfragen zu konsultieren. Kontaktieren Ärzte ihr Labor, empfinden sie die Unterstützung zu 75 Prozent als sehr hilfreich.

Weiteres Ergebnis: 18 Prozent der befragten Ärzte verweisen nach eigener Aussage mindestens einmal wöchentlich aufgrund einer Unsicherheit bezüglich der Auswahl adäquater Diagnostiktests auf fachärztliche Spezialisten.

In puncto Fortbildung steht die Labormedizin anscheinend auch nicht auf den vordersten Plätzen. Laut Erhebung investierten 61 Prozent der befragten Mediziner im vergangenen Jahr weniger als eineinhalb Tage in die laboratoriumsmedizinische Fortbildung.

Klinische Studien sorgen für Nachfrage

Als Nachfragetreiber für medizinische Laborleistungen fungieren nicht nur Ärzte und Patienten. Die Hans Böckler Stiftung weist in ihrer Branchenstudie auch auf die Rolle der pharmazeutischen Industrie hin. "Die Globalisierung klinischer Zentrallabore wird zum Beispiel durch die weltweite Ausweitung klinischer Tests und Studien vorangetrieben", heißt es.

Habe der Schwerpunkt der Durchführung internationaler Studien zunächst in Nordamerika und Westeuropa gelegen, so seien diese seit Beginn des gegenwärtigen Millenniums zunehmend auch in Asien und insbesondere in China und Indien durchgeführt worden. "Damit wuchs die Nachfrage der Pharmaunternehmen nach Laborleistungen in diesen Regionen", resümieren die Studienautoren.

EBM: Bewertung Laborinnovationen

» Der Bewertungsausschuss hat bis zum 31. August 2017 Regelungen zu vereinbaren, in welcher Zeitspanne er die Bewertung von Laborinnovationen zur Aufnahme in den EBM durchführt und abschließt. Diese Frist ist ihm mit dem im Mai in Kraft getretenen GKV-Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) gesetzt worden. Es geht dabei nach Angaben des Verbandes der Diagnostika-Hersteller (VDGH) um neue Leistungen, für deren Bewertung nicht der Gemeinsame Bundesausschuss zuständig ist.

» Ein "verkürztes HTA-Verfahren" soll laut VDGH eine angemessene Berwertung neuer Labortests für die vertragsärztliche Versorgung ermöglichen.

» Die Verfahrensordnung wurde, so der VDGH, 2009 zwischen KBV und GKV-Spitzenverband vereinbart. Bis dato fehlt sie aber noch.

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