Ärzte Zeitung, 13.05.2013

Kooperation im Norden

Wie die Ärzte zur Apotheke kamen

Apotheker als natürliche Feinde der Ärzte? In Stockelsdorf bei Lübeck hat sich dieses alte Stereotyp überlebt. Hier profitieren beide Berufsgruppen von der Zusammenarbeit.

Von Dirk Schnack

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Gerd Rehme, Apotheker und Chef des MediCo Zentrums in Stockelsdorf.

© Dirk Schnack

STOCKELSDORF. Ärzte halten aus berechtigten Gründen lange an ihrem Praxisstandort fest. In Stockelsdorf bei Lübeck hat jetzt aber eine Apotheke gleich fünf etablierte Praxen aus der Gemeinde zum Umzug in ein neues Zentrum bewegen können. Die Patienten nehmen das MediCo Gesundheitszentrum in der Ortsmitte gut an.

"Wir hatten vom Start weg eine gute Frequenz. Das liegt auch daran, dass kein Arzt Newcomer war", sagt Apotheker Gerd Rehme drei Monate nach Eröffnung des MediCo.

Zusammen mit seiner Frau Astrid betreibt er die Lübbers Apotheke in Stockelsdorf, die im Ärztezentrum einen zweiten Standort eröffnet hat. Rehme ist Mit-initiator und Geschäftsführer des MediCo, das auf 2400 Quadratmetern fünf Arztpraxen, eine Apotheke, Logo-, Ergo- und Physiotherapie, häusliche Krankenpflege, Podologie und einen Zahnarzt vereint.

Eine Fläche von rund 200 Quadratmetern ist noch frei. Hierfür schwebt Rehme eine Time-Share-Praxis vor: Ärzte sollen wechselseitig mieten und Sprechstunden anbieten können. "Das kann eine Zweigpraxis oder eine rein privatärztliche Sprechstunde sein", sagt der Apotheker, der für dieses Angebot derzeit Gespräche mit Interessenten führt.

Vorbild für das MediCo war ein vergleichbares Zentrum in Lübeck, das ebenfalls ein breites medizinisches Spektrum bietet und von den Patienten gut angenommen wird. Der Gründung gingen regelmäßige Treffen der Ärzte und des Apotheker-Ehepaares voraus. In dieser Zeit wuchs der Wunsch der Einzelpraxen nach Zusammenarbeit.

Dass er auch in die Tat umgesetzt wurde, führt Rehme auf die regelmäßigen Treffen zwischen Ärzten und Apothekern und auf das daraus entstandene Vertrauen zurück. "Wichtig war auch, dass die Zeitplanung eingehalten wurde. Jeder hat langfristige Mietverträge", berichtet Rehme.

Orthopäde Dr. Tom Breitwieser ist überzeugt, dass die Zusammenarbeit gelingt: "Die Kooperation wird immer besser." Breitwieser hat seinen Standort in der Nachbarschaft zugunsten des Zentrums verlassen.

Kürzere Wege für die Patienten

Fünf Jahre war Breitwieser am alten Standort, zuvor kannten die Patienten seine Praxis über viele Jahre durch den Vorgänger. Das Risiko, durch den Wechsel Patienten zu verlieren, schätzt er gering ein. Bislang hat Breitwieser nur positive Resonanz erfahren: "Meine Patienten gratulieren mir jeden Tag zum neuen Standort."

Neben neuen Räumen und einer modern eingerichteten Praxis ist für Breitwieser die Nähe zu den Kollegen entscheidend. Neben dem Orthopäden hat ein Gynäkologe seine Praxis eröffnet, auf anderen Stockwerken praktizieren ein HNO-Arzt, ein Pädiater sowie eine hausärztlich-internistische Doppelpraxis.

Breitwieser hofft, dass sich die Kooperation zwischen den Praxen noch intensivieren lässt, etwa durch gemeinsames Qualitätsmanagement. Rehme sieht in der neu zusammenwachsenden Ärztegemeinschaft auch eine Basis für Verhandlungen mit Krankenkassen über Einzelverträge.

Mit fünf Praxen ist das MediCo zwar zu klein, im Verbund mit dem Lübecker Vorbild aber könnte das Kasseninteresse steigen, hofft der Geschäftsführer.

Ein anderes Modul für eine intensivere Zusammenarbeit sind feste Sprechzeiten, in denen die MediCo-Ärzte bei ihren Kollegen Termine für ihre Patienten buchen und damit Wartezeiten verringern können. Gegenseitige Urlaubsvertretungen durch das Personal sind ebenfalls angedacht, ein gemeinsamer Personalpool bislang noch nicht.

Damit die Ärzte sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können, nimmt das zentrale Management ihnen auf Wunsch Aufgaben ab. Begleitet wird das MediCo durch eine Unternehmensberaterin, mit der auch künftig regelmäßige Treffen stattfinden, um weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten.

Für die Patienten in Stockelsdorf haben sich mit Gründung des neuen Zentrums die Wege auf jeden Fall verringert. In direkter Nachbarschaft gibt es ein weiteres, schon länger bestehendes Ärztehaus. Eine räumliche Verbindung war nicht möglich.

Durch die benachbarten Zentren haben die Patienten nun zahlreiche unterschiedliche Fachrichtungen unter zwei Dächern.

[13.05.2013, 23:19:36]
Peter-Hansen Volkmann 
Zusammenarbeit in Lübeck ein alter Hut
Es ist zu begrüßen, dass langsam auch in anderen Stadtteilen Lübecks und Gegenden im Lande die Zusammenarbeit zwischen Apotheken und Ärzten besser wird. Das bisherige "Teile und Herrsche" von Kassen und Politik hat allein der Pharmaindustrie in die Hände gespielt, die mit maximaler Lobbyarbeit maximale, oft völlig unsittliche Preistreiberei betreibt.
Schon vor mehr als 15 Jahren hat sich nicht zuletzt im Rahmen meiner NAV-Virchowbund-Zeit als Landesvorsitzender die gute Seite einer solchen Zusammenarbeit manifestiert. Als ich eine Lübecker Apothekerin aus dem Vorstand der Apothekerkammer S-H als Hauptreferentin zu unserer damaligen JHV eingeladen hatte, gab es zunächst massiven Diskussionsbedarf mit einzelnen Kollegen wegen vermuteter "Feindberührung"!
Als wir am späten Nachmittag unseren Veranstaltungsort - die Fähre nach Roedby in Dänemark mit damals noch ausgezeichnetem Dänischen Buffet auf der Rückfahrt - in Kiel wieder verließen, meinten einige "natürliche Gegner" der Apotheker, dass sie sich Gedanken um gemeinsame Ziele in der Gesundheitspolitik, um Auswirkungen ihres persönlichen Verordnungsverhaltens auf die Zusammenarbeit zwischen betroffenen Gruppen noch nie gemacht hätten.
Für das deutsche Gesundheitswesen wäre ein wenig mehr Intelligenz und Kooperation aller Beteiligten ohne Korruption sicher von Vorteil - nicht nur damals, sondern in zunehmendem Masse für die Zukunft. Geldgeilheit allein kann kein Massstab für die Arbeit mit Kranken sein - wie Geldmangel im Gesundheitswesen eine menschenverachtende Repression ist.
Um es noch einmal ganz klar auf den Punkt zu bringen: Teure, massenhafte überflüssige Operationen sind genauso kontraproduktiv für die Volksgesundheit wie kostspielige Scheininnovationen der Industrie!

Intelligente, zuvelässige und selbsregelnde Mechanismen ohne falsche Anreizsysteme wären zu fordern bzw. sind zu entwickeln. Die werden jedoch offenbar noch immer von allen Beteiligten gescheut wie das Weihwasser vom Teufel!
So haben seinerzeit mehr als 200 Verbände und Parteien das in S-H entwickelte Memorandum zur Arzneimittelversorgung in der GKV bei mir angefordert:
http://www.naturheilkunde-volkmann.de/fileadmin/documents/Praxis/GKVMemorandum.PDF

Dann wurde es zunächst verrissen und mundtot gemacht - und heute sagen viele klüger gewordene Apotheker: Wäre es so gelaufen, dann hätten wir den ganzen überregulativen Kontrollwahn, die pekuniären Auswüchse der Pharmaindustrie und die systemfremden Eingriffe im Arzneimittelmarkt nicht - bei maximaler persönlicher Freiheit des Patienten.

Aber wer will die denn schon - die Freiheit?!

Ihnen eine schöne Zeit!
Mit freundlichen Grüßen!
Peter-Hansen Volkmann
NHV - Allgemein- und Sportmedizin
ehem. NAV-Virchowbund-LV in S-H
Aktuell:
Preisträger des Cam Award, eines Wissenschaftspreises aus der Hand der Gesudheitsministerin B. Steffens in NRW
http://www.naturheilkunde-volkmann.de/aktuelles.html  zum Beitrag »

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