Ärzte Zeitung, 10.12.2014

Lob für Initiative

Hausarztzentren auf dem Land als neues Geschäftsmodell

Wird die hausärztliche Versorgung in ländlichen Regionen künftig von zentralen Großpraxen sichergestellt? Sie sind zumindest eine Option, zeigt ein Beispiel aus Bayern.

Von Jürgen Stoschek

MÜNCHEN. Dr. Andreas Ullmann, Facharzt für Allgemeinmedizin, ist ein Pionier. In der 20.000 Einwohner zählenden schwäbischen Gemeinde Aichach hat Ullmann zusammen mit zehn Hausärzten in den vergangenen Jahren ein Zentrum für Allgemeinmedizin aufgebaut, das seinesgleichen sucht.

Es handelt sich um eine der größten hausärztlichen Gemeinschaftspraxen in Deutschland. Ullmann hat die Praxis konzipiert, umgesetzt und weiterentwickelt.

Mit seinem Projekt ist er im vergangenen Jahr einer der Top-Bewerber für den Wettbewerb "Die innovative Arztpraxis" gewesen, der von Springer Medizin Ärzte Zeitung und dem Biopharmaunternehmen UCB jährlich ausgerichtet wird.

Die Gemeinschaftspraxis mit sieben freiberuflichen und drei angestellten Hausärzten zeichnet sich durch mehrere Eigenschaften aus, die sie von Einzelpraxen absetzt: Die Öffnungszeiten sind von 7.30 bis 20 Uhr, jeden Samstag ist Sprechstunde Urlaubsschließungen gibt es nicht, die Wartezeiten sind nach Angaben der Praxis kurz.

Dennoch können Ärzte ihre Arbeitszeiten flexibel einteilen: "Wenn jemand kommt, der nur nachmittags oder nur an zwei Tagen arbeiten will, ist auch das möglich", sagt Geschäftsführer Ullmann im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Lob für Innovationskraft

Das Angebot in den Praxisräumen wird dadurch noch erweitert, dass Fachärzte mehrerer Fachrichtungen Zweigpraxen führen, unter anderem Internisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) und der Bayerische Hausärzteverband (BHÄV) loben die Innovationskraft der Aichacher Kollegen.

Ullmann sei ein überzeugter Landarzt mit fundiertem betriebswirtschaftlichen Know-how und hoher kommunikativer Kompetenz, so KVB-Vorsitzender Dr. Wolfgang Krombholz im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Dies seien ideale Voraussetzungen dafür, um ein anspruchsvolles Versorgungsprojekt wie das Zentrum für Allgemeinmedizin in Aichach erfolgreich zu führen.

Der Aufbau und die Entwicklung des Zentrums seien ohne Verdrängungswettbewerb mit den Einzelpraxen erfolgt, "die wir nach wie vor für die flächendeckende Versorgung in Bayern ebenfalls dringend benötigen", betont Krombholz.

Für den Vorsitzenden des Bayerischen Hausärzteverbandes Dr. Dieter Geis ist die Freiberuflichkeit, ob in einer Einzel- oder in einer Gemeinschaftspraxis, nach wie vor "unser Goldstandard".

Gleichzeitig sei es notwendig, sinnvolle Alternativen zu entwickeln, um den Nachwuchs für die Allgemeinmedizin zu begeistern, zum Beispiel in Zentren wie in Aichach.

Gerade junge Ärztinnen, aber zunehmend auch junge Ärzte, stehen nach seiner Beobachtung vor der besonderen Herausforderung, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. "Manch einem ist deshalb der direkte Sprung von der Universität in die Freiberuflichkeit zu riskant", meinte Geis.

Eine vorübergehende Festanstellung, aber auch die Möglichkeit, vielleicht nur für eine gewisse Zeit nicht Vollzeit zu arbeiten, könne hier eine gute Brücke sein. "Auf solche Lebenspläne müssen wir adäquate Antworten geben können", sagte Geis.

Der Hausärzteverband habe deshalb die Politik aufgefordert, den Weg frei zu machen für rein hausärztliche MVZ, in denen Allgemeinärzte freiberuflich, fest angestellt oder in Teilzeit tätig sein können, sagte Geis.

Entscheidend sei dabei: "Auch diese MVZ müssen in ärztlicher Hand bleiben. Kapitalgesellschaften, die ein MVZ rein Rendite getrieben steuern, würden jede humanitäre Versorgung ad absurdum führen", erklärte Geis.

Lesen Sie dazu auch:
Großpraxis mit zehn Ärzten: Ist das die Zukunft der hausärztlichen Versorgung?

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