Ärzte Zeitung, 12.03.2015

Versorgungsstärkungsgesetz

Chancen für die Netzbewegung

Die Diskussion um den Aufkauf von Praxissitzen und Termin-Servicestellen hat die Netzförderung als Teil des Versorgungsstärkungsgesetzes etwas in den Hintergrund treten lassen. Doch bietet das Gesetz Netzärzten durchaus Chancen.

Von Hauke Gerlof

Chancen für die Netzbewegung

Die Arbeit in diesen Verbünden erweist sich als ein effektiver Weg für Ärzte.

© Photographer/Graphic Designer

NEU-ISENBUG. Die Geschichte der Ärztenetze ist auch und immer wieder eine Geschichte knapper Kassen.

Ärzte, die sich im Verbund zusammenschließen und in ihrer Zusammenarbeit einen gewissen Grad der Verbindlichkeit erreichen wollen, brauchen ein professionelles Netzmanagement als Anlaufstelle.

Diese Geschäftsstelle muss nicht mit einer Vollzeitkraft besetzt sein, aber sie muss aus Netzmitteln bezahlt werden.

Nur - woher nehmen, wenn nicht stehlen, wenn die Krankenkassen nur widerwillig Selektivverträge schließen oder wenn die Arbeit mit Eigenbetrieben in der Frage der Zuweisung gegen Entgelt immer wieder zu Verrenkungen führt?

Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz vor drei Jahren hat den Netzen nur wenig geholfen, auch wenn der Gesetzgeber die Förderung von Praxisnetzen beschlossen hat (Paragraf 87 b im SGB V). Doch die Umsetzung der Regeln in den KVen ist nur schwerfällig oder gar nicht erfolgt.

Mehr als 40.000 Ärzte in Netzen organisiert

Dennoch zeigt die Netzbewegung immer wieder, wie lebendig die Szene nach wie vor ist. Mehr als 40.000 niedergelassene Ärzte sind inzwischen in Netzen organisiert, hat im vergangenen Jahr der Ärztemonitor von NAV Virchowbund und KBV ergeben.

Die Arbeit in diesen Verbünden erweist sich als ein effektiver Weg für Ärzte, wirtschaftlich als Freiberufler überleben zu können, aber sich eben nicht als Einzelkämpfer aufzureiben - die Netze selbst haben aber immer wieder große Probleme, professionelle Strukturen durch eigene Einnahmen gegenzufinanzieren.

Bringt jetzt also das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz die Lösung für die Finanzprobleme? Auf den ersten Blick jedenfalls nicht. Zwar will die Koalition in Paragraf 87 b die Verbindlichkeit einer Netzförderung erhöhen.

"Der Verteilungsmaßstab hat der kooperativen Behandlung von Patienten in dafür gebildeten Versorgungsformen angemessen Rechnung zu tragen", heißt es in einer Ergänzung des Paragrafen.

Doch was ist "angemessen"? Auch hier eröffnen sich für KVen, die sich sträuben, Netze in ihren Regionen zu fördern, viele Interpretations- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Und dass für anerkannte Netze "eigene Honorarvolumen als Teil der morbiditätsbedingten Gesamtvergütungen" gebildet werden "können", hilft auch nicht wirklich weiter - Umverteilung ist gefragt, zusätzliche Mittel gibt es nicht.

Auch wenn der gute Wille des Gesetzgebers erkennbar ist: Kaufen können sich die Ärztenetze dafür nichts - so lange die Unterstützung in der eigenen Selbstverwaltung fehlt.

Außerdem haben die Netzärzte selbst immer wieder betont, dass ihnen an eigenen Budgets auf Kosten der Kollegen außerhalb der Netze nicht gelegen ist - Spalttendenzen gibt es schließlich innerhalb der Ärzteschaft genug.

Über eine direkte Förderung ihre Arbeit haben Netzärzte also nur wenig zu erwarten durch das neue Gesetz. Der Entwurf birgt jedoch einige Fundstellen, deren Inhalt auf indirekte Weise hilfreich sein könnte: So werden zwei Hürden für den Abschluss von Selektivverträgen - die Budgetbereinigung für Patienten in den Verträgen und der Erfolgsnachweis binnen eines Jahres - beiseite geräumt.

Geld für Netze aus dem Innovationsfonds

Die Kassen können jetzt ohne Blockade der Aufsicht auf regionale Versorgungsangebote von Netzen reagieren - und der Erfolgsnachweis ist erst nach vier Jahren vorzulegen, was eher machbar erscheint. Eine Wiederbelebung der IV-Verträge nach Paragraf 140 a - auch Verträge nach Paragraf 73 c sind hier nun inkludiert - ist damit möglich.

Geld in Richtung Netze könnte auch über den Innovationsfonds fließen, über den insgesamt 300 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung gestellt werden sollen.

Um in den Genuss der Förderung zu kommen, sollten sich die Akteure der einzelnen Sektoren und der Kassen in den Regionen schon jetzt zusammensetzen und überlegen, welche Versorgungsprobleme vor Ort durch innovative Ansätze zu lösen sind.

Auch die Evaluation der Ergebnisse könnte dabei für Netze eine interessante Aufgabe sein. Auf diese Weise könnte der Innovationsfonds zu einem Katalysator für verbesserte Versorgungsstrukturen werden.

Ärztenetze könnten auf den zweiten Blick auch Profiteure weiterer Vorhaben der Regierung werden. Dort, wo Ärzte eng zusammenarbeiten, gibt es in der Regel keine Terminprobleme für Patienten - Termin-Servicestellen könnten in dem Fall überflüssig bleiben.

Oder: In Regionen mit funktionierenden Netzstrukturen ist der Austausch mit den Krankenhäusern oft besser geregelt als anderswo, besonders wenn die Kliniken selbst Mitglieder sind.

Von der im E-Health-Gesetz geplanten Förderung elektronischer Entlassbriefe - ebenso wie von E-Arztbriefen generell übrigens - werden Netzärzte eher profitieren als andere Ärzte, weil organisatorisch das Fundament für die IT-Vernetzung bereits gelegt ist.

Nicht zuletzt: Wer, wenn nicht Ärzte in Netzen, ist dazu prädestiniert, die Teams in der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) zu bilden - und damit Zugriff auf unbudgetierte Mittel für die Behandlung schwerstkranker Patienten zu bekommen?

Insofern wird die Arbeit in Arztnetzen in den kommenden Jahren viele Chancen bieten. Ein professionelles Netzmanagement, das diese Aktivitäten motiviert und kanalisiert, dürfte damit in Zukunft leichter als bisher zu refinanzieren sein.

[12.03.2015, 13:00:34]
Dr. Wolfgang Bensch 
NAV-Virchowbund als SUPER-Netz?
Netze waren eine euphorische Neugründung vor fast 2 Jahrzehnten, wo man nach Alternativen ausserhalb von KV-Regularien suchte. Inzwischen übernehmen "altgediente" Verbände wie NAV-Virchowbund das Zepter, weil man ja in der Vergangenheit schon so erfolgreich war ...
"Idealerweise generieren Praxisnetze über die Kooperation mit Krankenkassen und weiteren Partnern monetären Zusatznutzen für die einzelnen Mitgliedspraxen und die Netzorganisation. Nur so wird es dem Netz gelingen, zukunftsorientiert in die Strukturen zu investieren – letztendlich die Voraussetzung zur Erreichung nachhaltiger Prozess- und Ergebnisverbesserungen. Einige Praxisnetze übernehmen zudem die Rolle als Innovationstreiber und fungieren als „Spielwiese“ für die Entwicklung bzw. die prototypische Umsetzung neuer Versorgungsformen. Dies geschieht in der Regel in Modellen der Integrierten Versorgung."
Dann spielt mal schön ...
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