Ärzte Zeitung, 09.08.2016

Chronische Wunden heilen

Wundspezialist setzt auf Handwerk statt auf High-Tech

Handwerk statt High-Tech: Ullrich Katz hat das Wickeln zu einer neuen Kunst gemacht. Bei der Versorgung chronischer Beinwunden setzt der Phlebologe auf professionelle Kompression – und heilt damit Wunden, bei denen andere schon aufgegeben haben.

Von Angela Mißlbeck

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Wundheilung: Eine Kunst für sich, die wenige beherrschen.

© damato/Fotolia

BERLIN. Patienten mit chronischen Wunden können bei Ullrich Katz noch auf kleine "Wunder" hoffen. Der Phlebologe und Allgemeinmediziner hat es nach eigenen Angaben schon geschafft, Wunden zum Abheilen zu bewegen, die fünf Jahre oder länger offen waren und Schmerzen verursacht haben.

Sein Rezept ist ganz einfach: Er setzt auf professionelle Kompressionsverbände. "Gefäße brauchen Druck." Von dieser wissenschaftlichen Erkenntnis des Max-Delbrück-Centrums ist Katz fest überzeugt.

Druck ist eine Kunst, die man lang erlernen muss

Doch Wunden brauchen nicht irgendeinen Druck, sondern den richtigen. Und einen Verband so anzulegen, dass er heilsamen Druck auf eine offene Beinwunde ausübt, will gelernt sein. "Das lernt man nicht in ein, zwei Tagen", sagt Katz.

Am Wundzentrum der AOK Nordost im kasseneigenen Centrum für Gesundheit (CfG) in Berlin-Wedding bildet Katz deshalb auch Ärzte, Schwestern und Medizinische Fachangestellte so aus, dass sie Kompressionsverbände richtig anlegen können.

Ein ärztliches Curriculum gibt es dafür nicht. In der Weiterbildungsordnung ist diese Kompetenz Katz zufolge auch nicht explizit vorgesehen.

Dreilagiger Verbandmix

Er selbst hat das Wickeln als Assistenzarzt in der Venenklinik des Wiesbadener Physiologen Otto Lauff gelernt und die Technik beständig fortentwickelt. Jetzt setzt er auf phlebolymphatische Verbände. Dafür verwendet er einen dreilagigen Verbandmix aus Mullbinden zum Hautschutz, einer Schaumstoffbinde und darüber textilelastischen Kurzzugbinden. Jedes Teil muss richtig dosiert sein.

Katz ist immer wieder erfreut, wenn mit dieser Technik selbst chronische Wunden, die schon 57 Jahre bestanden, abheilen. "Ich staune wirklich, was ambulant alles machbar ist", sagt der engagierte Wundarzt im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Auch die Begeisterung der Patienten sei unbeschreiblich, wenn sie nach zum Teil jahrzehntelangem Leiden plötzlich schmerzfrei werden. Unter anderem hat Katz mit seiner hoch spezialisierten Kompressionsverbandtechnik schon Wunden von dialysepflichtigen Patienten mit Calziphylaxie oder Patienten mit dem gefürchteten Pyoderma gangraenosum behandelt, wo Cortison und Cyclosporin allein nicht zum Erfolg führten.

Das Problem mit der Vergütung

Bevor der 63-Jährige vor gut einem Jahr das kasseneigene Wundzentrum der AOK Nordost in Berlin eröffnete, hat er überwiegend stationär gearbeitet.

Nach drei Jahren in einer phlebologischen Praxis im Ruhrgebiet, gab er 1988 seine Kassenzulassung zurück. Die Durchschnittsprüfungen waren neben den damaligen Vergütungen für die Wundversorgung für den Arzt mit dem sehr speziellen Behandlungsspektrum ein Riesenproblem.

1992 hat der Phlebologe seine eigene Fachklinik in Bochum aufgebaut. Die Klinik am Ruhrpark Bochum hat er bis vor anderthalb Jahren selbst betrieben und geleitet.

Chronische Beinwunden im Fokus

Am Wundzentrum der AOK Nordost konzentriert sich Katz komplett auf chronische Beinwunden. Dabei verbindet er die Versorgung mit Forschung und Lehre. Alle Behandlungen dokumentiert er mit Fotos. Dazu werden die Wunden vor Behandlungsbeginn und während der Behandlung immer wieder vermessen.

"Kleine Ulcera heilen keineswegs schneller als große", so eine von Katz´s Erkenntnissen aus 20 Jahren Wundtherapie. Eine weitere: "Chronische Wunden entstehen meist durch Lymphstauungen. Also muss man entstauen, dann erfolgt eine Besserung."

Die mehrschichtigen Schaumstoff-Kurzzug-Kompressionen, die Katz anwendet, tragen dazu bei. Weil sie leichte Vibrationen auslösen, verglichen Katzs Fachkollegen sie auch schon mit einer "chronischen Lymphdrainage".

Bei aller Freude am Beruf vermisst Katz eine systematische Aus- und Weiterbildung für Ärzte in der Kompressionstherapie. Dazu müssten aus seiner Sicht sektorübergreifende Wundzentren geschaffen werden. Denn nur dann sei gewährleistet, dass die Ärzte genug Gelegenheit zum Üben haben.

Eine normale Hausarztpraxis behandelt in der Regel viel zu wenig Wundpatienten, als dass sie auf diesem Gebiet große Expertise schaffen könnte, meint Katz. Er berichtet: "Bei der Fortbildung kann man die wachsende Begeisterung der Ärzte sehen, wenn sie über ihre eigenen Fälle staunen."

Pilotprojekt verlängert

Die AOK Nordost hat das Pilotprojekt mit dem Wundzentrum im Centrum für Gesundheit nun vorläufig bis zum Jahresende verlängert. Zwei Ärzte des Centrums werden bis dahin in Diagnostik und Therapie sowie in den Kompressionstechniken qualifiziert. Sie staunen jetzt schon, wenn sie ihre eigenen Fälle sehen.

Geplant ist zudem, dass das Wundzentrum sich mit ambulanten Pflegediensten vernetzt. Von der fachübergreifenden Vernetzung innerhalb des Centrums für Gesundheit profitieren vor allem Wundpatienten mit einer chronischen Grunderkrankung schon jetzt.

[22.08.2016, 11:10:44]
Thomas Georg Schätzler 
Jetzt, mit der neuen Abbildung,
wird dieser Artikel perfekt illustriert. Die Zusammenarbeit mit dem Kollegen Ullrich Katz in der Nachbarstadt Bochum war bei hoher Patienten-Zufriedenheit immer sehr gut.

Die Kompressionstherapie o h n e spezielle Wundauflagen und durch alleinige Desinfektion mit Octenisept statt H2O2, Mercurochrom, Alkohol-haltige Desinfizientien, Gentianaviolett o.ä., eher die Wundheilung-hemmende Substanzen, war bei gelegentlich Keim-spezifischem Einsatz von Fusidinsäure immer erfolgreich.

Vergebliche externe Wundversorgungen von 6 und mehr Monaten Dauerbehandlung konnten endlich erfolgreich abgeschlossen werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt Bergen aan Zee/NL)  zum Beitrag »
[10.08.2016, 14:18:57]
Maximilian Weidauer 
@ Wolfgang P. Bayerl, ebenso Zustimmung
Dass die Wundversorgung und das Wundmanagement weit mehr als KPE ist möchte ich gar nicht bestreiten, auch wenn man nach dem Lesen dieses Artikels genau zu diesem Schluss kommen kann.

Ich denke, wie Sie bereits geschrieben haben, sollten die ärztlichen Kompetenzen in dem von Ihnen genannten Spektrum (wieder) ausgebaut werden, auch um solche Wunden zu vermeiden.

Für die im Artikel genannten Techniken (Kompression, Lymphdrainage) gibt es zur genüge ausgebildetes Fachpersonal. In meinen Augen würde es reichen, wenn hier bereits im Studium besser über die Versorgungsmöglichkeiten unterrichtet werden würde, dann bliebe auch mehr Zeit für die wesentliche Wundversorgung und kein Hausarzt oder Phlebologe muss entstauen und wickeln. zum Beitrag »
[10.08.2016, 13:29:01]
Wolfgang P. Bayerl 
hallo Herr @Maximilian Weidauer, Zustimmung, ein weites Feld,
... ich habe Lyphdrainage selbst verordnet (mit Zusatzqualifikation "physikalische Therapie") das ist aber nur ein Punkt, nicht unbedingt der wichtigste bei "Wunden" um die es hier geht.
Das geht schon mit der aseptischen Op-Wunde los und dem richtigen Zeitpunkt zum Fäden entfernen.
Wunden gehören traditionell in den Fachbereich Chirurgie, das kann nicht jeder Arzt lernen, so viel Wunden gibt es nun mal nicht.
Die "Wundheilung" ist ein Grundpfeiler der "allgemeinen" Chirurgie, zu der auch die verschiedenen Formen der Wundinfektion gehören. Dazu reicht auch kein Bildchen oder das Internet, das muss man in der Ausbildung in Natura gesehen haben. Abszess, Furunkel, Karbunkel und Phlegmone müssen klar auseinander gehalten und UNTERSCHIEDLICH therapiert werden. Manchmal gehört sogar Cortison dazu.
Hier ist wirklich einiges den Bach runter gegangen bei geradezu explosionsartiger Zunahme der "Lokaltherapeutika". Viel bewehrtes ist offensichtlich zu billig geworden, wie 3% H2O2. Wer macht heute noch eine "Sekundärnaht", das geht auch ambulant? Lieber wird Monate-lang eine offene Wunde "gepflegt".
 zum Beitrag »
[10.08.2016, 10:11:29]
Maximilian Weidauer 
Komplexe Physikalische Entstauungstherapie
Die KPE mit MLD und Kompression ist seit Jahrzehnten das Tätigkeitsfeld der Physiotherapeuten, welche in Schwerpunktpraxen überwiegend "Lymphpatienten" haben und die sich mit Phlebologen und Hausärzten in Lymphnetzwerken zur Qualitätssicherung organisieren. Die Vergütung für die MLD und KPE, sowie die Verordnung der Heilmittel ist ausführlich im Heilmittelkatalog geregelt.

Wieso sollte man diese Tätigkeit also in das ärztliche Curriculum aufnehmen? Wäre es da nicht einfacher die Ärzte zu schulen, welche Möglichkeiten ihnen der Heilmittelkatalog bietet und wie korrekt verordnet wird? zum Beitrag »
[10.08.2016, 09:49:36]
Wolfgang P. Bayerl 
man sieht hier überhaupt keine "Wunde"
und gleichzeitig den Kardinalfehler, weil "Kompression" imm am Fuße beginnt.
Der falsche Trend der Vergangenheit, war schlicht die Unterschätzung der Bedeutung der Wundversorgung mit der Verweisung dieser Tätigkeit vom Arzt zum Laien (Pfleger), der dann von der "Industrie" ausgebildet wird.
Das muss nun mühsam wieder rückgängig gemacht werden. Das fängt im Krankenhaus an.
Dabei geht es keineswegs nur um Kompression. zum Beitrag »

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