Ärzte Zeitung online, 15.07.2011

Software-Branche kritisiert KBV-Pläne

Die KBV will eine eigene Praxis-Software entwickeln. Vom Gesetzgeber hat sie jedenfalls die Erlaubnis dafür gefordert. Die Software-Branche hält dieses Projekt für juristisch zweifelhaft. Und wehrt sich gegen die Vorwürfe, zum Teil versagt zu haben.

Software-Branche läuft Sturm gegen KBV-Pläne

Ein Stecker für die KBV: Sie will Arztsoftware entwickeln, doch die Branche hält wenig von der Idee.

© Val Thoermer / fotolia.com

NEU-ISENBURG (reh). Zu der Kampfansage der KBV an die Software-Hersteller, eine eigene und kostenfreie Arztsoftware bereitstellen zu wollen, bezieht nun ein EDV-Hersteller Stellung. Seine Einschätzung: Juristisch ist das nicht umsetzbar, und die KBV dürfte ihre Probleme mit dem späteren Support der Ärzte haben.

Dass eine Körperschaft öffentlichen Rechts sich nun in einen existierenden Markt einbringen möchte, hält Dr. Erich Gehlen vom genossenschaftlich organisierten Softwarehaus Duria für ein rechtlich schwieriges Unterfangen.

Und in der Tat könnte es da Probleme geben, da die KBV juristisch als Person des öffentlichen Rechts gilt, hier aber in einen privatrechtlichen Markt eindringen will.

"Wenn der Vorschlag der KBV aber Eingang findet in das neue Versorgungsstrukturgesetz, dann wird der Wettbewerb möglicherweise ausgehebelt", sagt Gehlen der "Ärzte Zeitung".

KBV will mit der Software ins Gesetz

Denn auch das fordert die KBV: Der Gesetzgeber soll im geplanten Versorgungsstrukturgesetz festschreiben, dass die KBV eine eigene Arztsoftware für den vertragsärztlichen und -psychotherapeutischen Bereich bereitstellen darf.

Ob die KBV dafür wirklich gerüstet ist? Gehlen hat da seine Zweifel. Vor alle was den bundesweiten Support angeht. Bei den Software-Häusern habe sich über Jahre ein Prozess etabliert, wie man mit sehr kurzfristigen Änderungsvorgaben und nachträglichen Lieferungen - zum Beispiel von der KBV - umzugehen habe, so Gehlen.

"Hier verfügen wir über umfangreiche Erfahrungen. Ich habe so meine Zweifel, ob dies zeitnah von der KBV umsetzbar ist."

Außerdem habe seine Erfahrung aus den Software-Zertifizierungsverfahren der KBV gezeigt, dass es bei der Körperschaft ein gewisses Unverständnis für die Abläufe in den Praxen aber auch für die Belange der Praxisteams gebe.

Wollen die Ärzte auf Wettbewerb verzichten?

Eine ganz andere Frage ist: Wollen die Ärzte überhaupt das KBV-System und einen fehlenden Wettbewerb? Erste Stimmen auf www.aerztezeitung.de zeigen: Es gibt durchaus Ärzte, die den Vorstoß der KBV begrüßen.

Aber es gibt auch die Kollegen, die befürchten, es werde dann alles komplizierter und sogar teurer. Gehlen sieht noch einen möglichen Punkt: Hier könnten zusätzliche Ängste in der Ärzteschaft geschürt werden - nach dem Motto "Big brother is watching you".

Wo soll das Geld herkommen?

Die fehlende Offenheit mancher Systeme für eine reibungslose Kommunikation der Ärzte untereinander, die die KBV ebenfalls kritisiert, ist laut Gehlen nicht unbedingt ein technisches Problem.

Lösungsansätze gebe es. Sie würden aber vielerorts nicht gelebt. Und die Frage sei hier eher: Ist der Arzt bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um sich auf eine Online-Kommunikation mit allen Konsequenzen entsprechend vorzubereiten?

Aber es gibt noch eine entscheidende Frage, die die Leser auf www.aerztezeitung.de beschäftigt: Wie will die KBV die kostenfreie Arztsoftware mit zugehörigem Support finanzieren?

Auch der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) e.V. hat sich nun in einer schriftlichen Stellungnahme zu Wort gemeldet. Er wehrt sich im Namen seiner Mitglieder zum einen vehement gegen den Vorwurf, die Hersteller hätten in bestimmten Bereichen versagt und die Anforderungen der KVen nicht umgesetzt.

Sowie gegen den Vorwurf, sie verhinderten aktiv einen Datenaustausch und manipulierten gar das ärztliche Verhalten ihrer Nutzer vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Interessen Dritter. Zum anderen fordert er die KBV aber auch auf, wieder zu einem konstruktiven Dialog im Interesse der niedergelassenen Ärzte und ihres Fachpersonals zurückzukehren.

Denn, so der Verband, seit vielen Jahren würden die Software-Hersteller mit hohem Engagement und großer Flexibilität alle von der KBV und den KVen vorgegebenen Standards und Vorgaben - "auch, wenn diese Vorgaben häufig widersprüchlich, kurzfristig und unvollständig bereitgestellt" würden - umsetzen.

Und dazu noch die Kritik und Beschwerden der Ärzte abfangen und den Praxisteams neue KV-Regelungen erläutern. Was doch eigentlich Aufgabe der KVen sei.

[15.07.2011, 22:50:39]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Poker um einheitliche Schnittstellen
Dass die KBV sich mit einer eigenen Software durchsetzen könnte, kann man getrost vergessen - zu gross ist der Umstellungs-Aufwand für eine Praxis.
Bisherige technische Hilfen der KBV sind auch nicht gerade von Praxisnähe und Eleganz beseelt, so dass ein konkurrenzfähiges Modell der KBV kaum vorstellbar ist.
Also wahrscheinlich nur eine Drohkulisse, mit der man etwas anderes erzwingen will: einheitliche EDV-Schnittstellen für die Abrechnung von Selektivverträgen.
Noch dringender wäre allerdings eine einheitliche Schnittstelle für systemübergreifende Fallakten. Hier hat die EDV-Industrie viele Jahre so erfolgreich blockiert, dass die Anwender sich über jede Institution freuen werden, die hier den gordischen Knoten durchschlägt. zum Beitrag »

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