Ärzte Zeitung, 02.02.2012

IT für Netze: eine Steckdose für viele Stecker?

Die Praxissoftware ent wickelt sich immer mehr zum Schlüssel für eine erfolgreiche Integrierte Versorgung. Dabei kommt es vor allem auf die Schnittstellen an. Die großen Kranken kassen spielen hier ihre Marktmacht aus.

Von Hauke Gerlof

IT für Netze: eine Steckdose für viele Stecker?

Vernetzung ist kein Wert an sich: Vor allem sollen die Behandlungsabläufe rationalisiert werden.

© creations / shutterstock.com

BERLIN. Warum eigentlich sind die Krankenkassen so zögerlich, neue Selektivverträge mit Praxisnetzen abzuschließen? Wegen des Geldes - und wegen fehlender IT-Voraussetzungen bei vielen Ärzten, so die These von Dr. Ulf Maywald, Bereichsleiter Arzneimittel bei der AOK Plus (Sachsen und Thüringen).

Den Prognosen zufolge werden die Kassen in zwei Jahren wieder zu wenig Geld haben, sagte Maywald bei der 18. Netzkonferenz in Berlin.

Wenn man nun davon ausgehe, dass die Gesamtvergütung im Kollektivvertrag in dieser Zeit mindestens stabil bleibe und die Ausgaben für Selektivverträge steigen, dann müssten die Kassen vor dem Abschluss sicher sein, dass sich der Vertrag bezahlt mache.

"Die AOK Plus will eine Gegenfinanzierung innerhalb von drei Jahren, manche Kassen wollen einen Return on Invest sogar schon innerhalb eines Jahres sehen", sagte Maywald.

Einheitliche Standards fehlen in den Praxen

Um die dafür nötigen Änderungen in den Abläufen zu erreichen, seien allerdings einheitliche Kommunikationsstandards in den Praxen nötig - und die existieren noch nicht. "Es gibt immer noch 163 Praxis-EDV-Systeme am Markt, also 163 verschiedene Patientenakten", beschrieb Maywald das immer noch bestehende Dilemma.

Nur in einigen Netzen hätten sich die Ärzte auf eine einheitliche Software verständigt. Die IT werde in den Praxen gebraucht

  • für eine rationelle Steuerung der Verordnungen,
  • für die strukturierte Kommunikation der an der integrierten Versorgung Beteiligten - was auch ein Beitrag zum Bürokratieabbau sei,
  • für die Einrichtung von Versorgungspfaden und einrichtungsübergreifender Versorgungsketten,
  • für eine standardisierte Dokumentation und einen gesetzeskonformen Datentransfer,
  • und nicht zuletzt für ein Controlling der Netzaktivitäten und der Behandlungsprozesse.

Für alle diese Anwendungen, so Maywald, sei ein gemeinsamer Standard nötig gewesen. Diesen habe die AOK zusammen mit der KV Telematik ARGE entwickelt, mittlerweile seien der Initiative weitere gesetzliche Kassen beigetreten, unter anderem die Barmer Ersatzkasse.

Die Konsequenz ist für Maywald klar: "Wer mit uns einen Selektivvertrag haben will, muss in seinem Arztinformationssystem diesen Standard realisiert haben. Sonst gibt es keinen Vertrag." Zum zweiten Quartal werde die KBV bei der Zertifizierung der Praxis-EDV diesen Standard mit abprüfen, sodass eine tiefe Marktdurchdringung gewährleistet sei.

Die Schnittstelle steht allen Marktteilnehmern offen

Mit der neuen Schnittstelle beeinflusse die AOK nicht die Inhalte, die über Leitungen fließen, und letztlich auch nicht, wohin die Daten geschickt werden, betonte Maywald. "Das ist wie eine Steckdose, in die Stecker aller Farben passen."

Die Schnittstelle aber mache intelligente Formulare möglich, die zum Beispiel die Plausibilität von ärztlichen Verordnungen prüfen: Wenn etwa ein Patient Husten aufgrund von ACE-Hemmern entwickelt habe und das auch vom Arzt kodiert sei, dann akzeptiere das System zum Beispiel die Verordnung eines Sartans - die sonst zu einer Meldung der Software führe.

Die Standard-Schnittstelle

Die geplante Standard-Schnittstelle für die Praxis-EDV-Systeme, auch bekannt unter dem Namen gevko-Schnittstelle, stellt keine eigene Software dar.

Sie gibt lediglich einheitliche Datenformate für den Ex- und Import von Daten aus dem und in das Arztinformationssystem vor. So können Praxen trotz unterschiedlicher EDV-Systeme Daten untereinander austauschen - direkt aus ihrer jeweiligen Software heraus. Dazu müssen die EDV-Häuser bestimmte neue Funktionalitäten in ihren Systemen umsetzen.

Welche Daten fließen, bestimmen jedoch die einzelnen Partner von Versorgungsverträgen.

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