Ärzte Zeitung, 24.05.2016

MFA in der Ausbildung

Papierlose Praxis punktet

In Kriftel werden angehende MFA fit in schnellen papierlosen Versorgungsprozessen gemacht. Das tut durchaus Not: Viele Praxen arbeiten noch komplett analog.

Von Rebekka Höhl

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Multitasking ist bei MFA im Praxisalltag meist gefragt. IT kann viele Prozesse vereinfachen, wird häufig aber noch nicht konsequenzt genutzt.

© contrastwerkstatt / fotolia.com

KRIFTEL. Digitale Agenda, E-Health-Gesetz und Förderung von Telemedizin-Projekten durch den Innovationsfonds: Die Bundesregierung drückt beim Thema Digitalisierung des Gesundheitswesens ordentlich aufs Tempo. Die echten papierlosen Praxen sind hingegen noch eine Seltenheit, berichtet Carmen Rahm.

Die Berufsschullehrerin bildet angehende Medizinische Fachangestellte (MFA) in Verwaltungsarbeiten und EDV aus. "Ein Drittel unserer Ausbildungspraxen arbeitet noch mit konventionellen Karteikarten." Die anderen nahezu zwei Drittel würden auf eine Kombination aus Praxis-EDV und Papierkartei setzen.

EDV beschleunigt Praxisprozesse

Dabei umfasst das Einzugsgebiet der Konrad-Adenauer-Schule im hessischen Kriftel nicht nur Landarzt-, sondern auch viele Stadtpraxen - die oft sogar als größere Gemeinschaftspraxen organisiert sind. Der eher zurückhaltende Einsatz von IT hat also nicht nur etwas mit einer fehlenden Infrastruktur und mangelndem Breitbandanschluss zu tun.

"Es ist der Auftrag der beruflichen Schulen, hier ins digitale Zeitalter zu führen", sagt denn auch Schulleiterin Stefanie Philipp. Bei den künftigen MFA ist daher die Ausbildung mit einem Praxisverwaltungssystem fester Bestandteil auf dem Lehrplan - und die Schülerinnen wissen das zu schätzen.

"Die Arbeit und Abläufe sind übersichtlicher und es geht schneller mit der Praxis-EDV", berichtet Kerstin Gummelt. Die angehende MFA kennt den Unterschied aus eigener Erfahrung: Mittlerweile ist sie im zweiten Ausbildungsjahr und arbeitet in einer Kinderarztpraxis, die auf die reine Papierakte setzt.

Begonnen hat sie ihre Ausbildung aber in einer EDV-mäßig gut vernetzten orthopädischen Praxis. "Allein schon, wenn ein Patient anruft und seinen Termin vergessen hat, geht es mit der EDV viel schneller. Über den Namen findet ihn das System", sagt sie.

Im Papierkalender müsse man mitunter minutenlang suchen - und blockiere damit gleichzeitig die Telefonleitung. Auch lassen sich verschiedene Terminarten ihrer Erfahrung nach besser über die EDV steuern und Korrekturen seien schneller und - im Gegensatz zum Ausradieren oder Streichen im Papierkalender - leserlicher gemacht.

Klare Vorteile bietet die Praxis-EDV laut Lena Baum, die ebenfalls im zweiten Ausbildungsjahr ist - allerdings in einer internistisch-hausärztlichen Praxis -, aber auch bei der Befunddokumentation und der Medikation. "Über die EDV hat man alles auf einen Blick und eine bessere Übersicht über die verordneten Medikamente."

Gerade bei der Rezepterstellung sei ein computergestütztes System praktischer und sicherer als handschriftliche Anweisungen. Denn längst nicht jede Arztschrift sei zu entziffern. Und auch hier gilt: Die Daten sind schneller auffindbar, wenn der Patient Fragen hat oder der Arzt ältere Befunde benötigt.

"Wir haben in der Praxis nur einen begrenzten Platz für Karteikarten", erklärt sie. Alle Unterlagen, die älter sind, würden entweder ausgemistet oder je nach Aufbewahrungsfrist im Keller landen. "Wie oft wird in den Keller gelaufen, um ein Röntgenbild zu holen", weiß auch Gummelt.

E-Mails? In Praxen noch Mangelware!

In der Praxis, in der Lena Baum arbeitet, werden Befunde zwar schon elektronisch erfasst. Alle Faxe und Briefe, die von anderen Ärzten oder Kliniken kommen, werden jedoch in der Papierakte gesammelt und nicht nochmals eingescannt.

Aber: Der Praxischef greift - zur Vorbereitung von Hausbesuchen und für die telefonische Sprechstunde - bereits von zu Hause auf die Befunde und Laborwerte in der Praxis-EDV zu. "Es wäre auch besser, wenn mehr mit E-Mails gemacht würde", meint Baum.

Denn dann sind die Daten direkt digital verfügbar. Hilfreich seien außerdem die Wartezimmer- und Chatfunktion der Software. "Man kann etwa zum Patienten schreiben, dass noch ein Röntgenbild gemacht werden muss. Oder bei einem Behandlungsraum den Hinweis geben, was an Material fehlt", so Gummelt.

In der Berufsschule lernen die künftigen MFA anhand von konkreten Fallbeispielen den Umgang mit der Software - etwa die Aufnahme eines neuen Patienten und das Begleiten eines kompletten Behandlungsprozesses samt Arztbrief schreiben und Rezepterstellung oder das Anlegen von Textbausteinen.

In Kriftel wird hierfür die Hybrid-Software der medatixx eingesetzt, die alle öffentlichen Kataloge und Formularvorlagen wie den EBM oder Gesetzestexte in die Cloud verlagert. Dadurch können die Schüler nun auf die aktuellen Versionen zugreifen. "Mit dem alten System war das nicht so", erklärt Rahm.

Jeder Schüler hat einen Rechner

Die Schule habe früher mit der Praxissoftware M1 gearbeitet, die Rahm auf jedem einzelnen Rechner installieren musste. Mit dem Systemwechsel ist die Software nun auf dem Server, den die Schule vorhält, gelandet. Der einzelne Rechner wird dabei zum Terminal, über den nur noch auf die Software auf dem Server zugegriffen wird.

"Alle Geräte arbeiten webbasiert", erläutert Schulleiterin Philipp. "Und für jeden Schüler steht ein Rechner zur Verfügung, auch fürs Privatstudium und Recherchen." Über sogenannte Smartboards, die die klassische Tafel ersetzen, kann jede Rechneroberfläche an die Wand projiziert werden - dadurch lassen sich Fragestellungen besser gemeinsam besprechen.

Zur medatixx-Software, die durch ihre an Apple-angelehnte Oberfläche größtenteils selbsterklärend ist, ist die Schule durch einen ehemaligen Schüler gekommen, der mittlerweile für den gleichnamigen Software-Anbieter arbeitet. "Er hat mich am Tag der offenen Tür angesprochen", erinnert sich Rahm.

Sie hat sich das Programm einen halben Tag lang angesehen und war nicht nur von dem Cloud-Konzept, sondern auch der Abbildung der Arbeitsprozesse überzeugt. "Als wir 1999/2000 die ersten Multimediaprojekte gemacht haben, war alles noch sehr umständlich, für jeden Arbeitsschritt hat man zehn Handgriffe benötigt."

Mit modernen Systemen wie dem von medatixx gehe das alles mit wenigen Mausklicks. Rahm merkt zudem, dass die Schüler mit jedem Jahrgang auch ein bisschen mehr Technikwissen mitbringen. "Sie sind heute viel schneller im Softwarehandling als früher."

Da wundert es dann nicht, dass Lena Baum und Kerstin Gummelt beide sagen, dass sich die Praxis-EDV-Systeme im Großen und Ganzen doch sehr ähneln. "Vor allem für Auszubildende, die ohne EDV in den Praxen arbeiten, ist daher der Unterricht mit dem System sehr hilfreich", sagt Gummelt.

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