Ärzte Zeitung, 19.01.2016

Neu in der Praxis

Stadtmensch, aber Landärztin aus Überzeugung

Dass viele junge Allgemeinärzte zögern, eine Praxis auf dem Land zu übernehmen, wundert Dr. Sonja Kraus nicht. Sie selbst aber fand gute Gründe, es zu tun.

Von Christina Bauer

Stadtmensch, aber Landärztin aus Überzeugung

Landärztin Dr. Sonja Kraus hat die Praxisarbeit einer Tätigkeit in der Klinikvorgezogen.

© Christina Bauer

ALLERSBERG. Landidylle in der fränkischen 8400-Seelen-Gemeinde Allersberg: Acht Hausärzte, verteilt auf sechs Praxen und sieben KV-Sitze, sichern die Versorgung - auch im Umland.

Die Jüngste im Bunde ist Dr. Sonja Kraus, 33, gut gelaunt in Jeans und Pullover, die ihren Kittel gern im Schrank lässt.

Erst im Juli 2015 übernahm die Fachärztin für Innere und Allgemeinmedizin mit Zusatzqualifikation Notfallmedizin die Praxis von Dr. Karl-Heinrich Popp.

Stammtisch ebnet Weg zur Praxis

Vier Jahre lang hatte dieser erfolglos einen Nachfolger gesucht, bevor er in den Ruhestand ging, mit mulmigem Gefühl. Das verging erst, als die Übernahme nach drei Monaten Leerstand geregelt war.

Der Kontakt entstand über den lokalen Unternehmerstammtisch, wo auch regelmäßig Rainer Jonas sitzt, als Praxisplaner zuständig für Kraus.

Die Ärztin war nach ihrem Studium in Erlangen an mehreren Kliniken in Neurologie, Innerer Medizin und Notfallmedizin tätig, dann angestellt in einer Landarztpraxis.

An der Idee der eigenen Hausarztpraxis mit größeren Gestaltungsmöglichkeiten fand sie Gefallen. "Ich habe hier meinen Platz gefunden", konstatiert sie. Gerade die hohe Anfangsinvestition hätte sie aber, wie viele junge Ärzte, zunächst abgeschreckt.

Die Förderung der Niederlassung durch das Bayerische Gesundheitsministerium entlastete sie, hinzu kam das Engagement vor Ort. "Für mich war das Angebot der Gemeinde ausschlaggebend, die Sanierung der Praxisräume zu übernehmen. So musste ich nur in Inneneinrichtung, Geräte und EDV investieren."

Das erste Jahr über arbeitet Kraus noch in der alten Praxis im denkmalgeschützten Gilardi-Anwesen aus dem 18. Jahrhundert. Dessen Paralleltrakt wird derweil saniert.

Dort entstehen bis Sommer 2016, neben anderen Einrichtungen, neue Praxisräume - strahlend weiß, barrierefrei und mit effizienter Wegeplanung, auf 200 Quadratmetern Fläche.

Kraus, selbst mehr Stadtmensch, lebt weiter im 33 Kilometer entfernten Nürnberg. Die Arbeit gefällt ihr. "In der Praxis sind die Bedingungen ganz anders als in einer Klinik. Das Arbeitsleben ist wesentlich geregelter, alles ist besser planbar, und ich habe mehr Zeit für die Patienten."

Diese, derzeit etwa 800 Menschen, mit steigender Tendenz, hat sie schon ins Herz geschlossen. Sie mag den familiären Umgang, erlebt ihn auch als hilfreich für die Behandlung.

"Einem Klinikarzt entzieht sich oft, wie es im Lebensverlauf zu einer Krankheit gekommen sein könnte, oder wie ein Patient persönlich ist. Aber gerade das fand ich schon immer sehr spannend."

Die Ärztin sieht es detektivisch, zur großen Bandbreite der Themen, die ihr täglich vorgestellt werden, immer die individuell beste Lösung zu finden. Sei es eine unmittelbare oder der Beginn einer weiterführenden Diagnostik und Behandlung, in die sie dann entsprechend spezialisierte Fachkollegen einbezieht.

Wermutstropfen Bereitschaftsdienste

Der Hausarztarbeit begegnete sie schon als Studentin in einem einwöchigen Pflichtpraktikum. Die neuere Aufwertung der Allgemeinmedizin durch eigene Institute wie das an der Universität Erlangen-Nürnberg freut sie.

"Die Allgemeinmedizin gilt immer noch oft als Stiefkind der Medizin. Manch einer meint, wer nichts "Besseres" geworden ist, wird Hausarzt. Ich denke, dass wir im Gegenteil sehr viel Verantwortung für die Gesundheit unserer Patienten haben."

Etwas zu Denken gibt Kraus die ungewisse finanzielle Perspektive. Bei der Kassenmedizin ändere sich zu oft etwas - und tendenziell in Richtung einer Abwertung.

Dabei sei bei vielen Leistungen eine Aufwertung wünschenswert, zudem mehr ärztliche Selbstbestimmung, etwa bei der Medikamentenauswahl. Auch das, bekundet sie, würde die Niederlassung attraktiver machen.

Als weiteren Wermutstropfen sieht sie die Bereitschaftsdienste. Das seien bis zu vier Mal mehr als in der Stadt, für sie vier Mal pro Jahr eine komplette Woche, während der auch die Praxis normal weiterlaufen müsse.

Große Stücke hält sie indes auf die regulären Hausbesuche, die sie an drei Tagen die Woche macht, neben zwei monatlichen Besuchen im Seniorenheim. Sie helfen gerade den Patienten, die wegen ihres Alters oder einer chronischen Erkrankung weniger mobil sind.

Kraus geht es dabei auch um Beziehungspflege und Prävention. Gerade für Senioren, die oft wenig Kontakte haben, sei es wichtig, dass jemand nach ihnen sehe und im Akutfall verfügbar wäre.

Das betreffe den vertrauten Hausarzt, ebenso die Pflegenden. Bei ihren Praxisterminen und Hausbesuchen zeigt sich Kraus geduldig und feinfühlig - mit Erfolg, die Patienten fühlen sich offenbar wohl, sie teilen sich mit.

Langfristig will die Ärztin aus den neuen Räumlichkeiten eine Gemeinschaftspraxis machen, einen der KV-Sitze der älteren Kollegen, die in den nächsten Jahren in Ruhestand gehen, bei sich eingliedern.

Das bedeute geteilte Raum- und Personalkosten, zudem eine wertvolle Vertretungsmöglichkeit. So heißt es schon bald wieder: "Landarzt gesucht".

|

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Ein kleiner Schritt für die Menschheit mit großem Risiko?

Astronauten sterben häufig an Herzkreislaufkrankheiten. US-Forscher haben dieses Phänomen untersucht. Und wir erklären, was sie herausgefunden haben. mehr »

Kann eine nicht wirksame Heilmethode so erfolgreich sein?

Kürzlich veröffentlichte die "Ärzte Zeitung" einen kritischen Beitrag zur Homöopathie. Wir geben den von ihr überzeugten Ärzten die Gelegenheit zu antworten. mehr »

Zunehmende Gewaltbereitschaft

Nach den tödlichen Schüssen auf einen Arzt in der Berliner Charité herrscht Unsicherheit: Kann man solche tragischen Vorfälle überhaupt verhindern? mehr »