Ärzte Zeitung, 27.04.2010

Leiharzt auf Abruf - lohnende Flexibilität?

Verschiedene Agenturen haben sich auf die Vermittlung von Allgemein- und Fachärzten für einen temporären Einsatz spezialisiert. Das Angebot kommt bei Ärzten, Kliniken und Kammern unterschiedlich gut an. Es gilt, Vor- und Nachteile einander abzuwägen.

Von Marion Lisson

HEIDELBERG. Die Nachfrage nach Honorarärzten - im Fachjargon auch "Leihärzte" genannt - steigt stetig. "Praxisinhaber sowie Klinikchefs engagieren zunehmend nur für einzelne Tage oder Wochen einen Arzt, um personelle Engpässe zu überbrücken", informiert Steffen Schüler, Geschäftsführer der nordbadischen Agentur "Doc-to-Rent" in Hockenheim. Das Angebot an bereitwilligen Ärzte-Springern ist groß: "Viele Ärzte sehen die zeitlich begrenzten Einsätze als Chance auf einen guten (Zusatz-)Verdienst", erläutert Schüler.

Seit 2007 existiert Doc-to-Rent, das nach eigenen Angaben zu den drei größten Ärztevermittlungen bundesweit zählt. Vermittelt werden Fachärzte und fortgeschrittene Weiterbildungsassistenten, die selbst meist eine halbe Stelle haben.

"Sehr gefragt sind Internisten, Allgemeinmediziner, Anästhesisten, Chirurgen, aber auch Orthopäden und Gynäkologen", berichtet Schüler, der gemeinsam mit Anästhesist und Diplom-Gesundheitsökonom Thomas Braun die Agentur leitet. Mehr als 5000 Mediziner haben sich allein bei Doc-to-Rent für eine Vermittlung gemeldet und sind hier registriert.

Welches Honorar den Honorarärzten von den Kliniken gezahlt wird, muss der Betreffende mit der jeweiligen Klinik aushandeln. "Unsere Empfehlung dazu lautet: Ein Assistenzarzt erhält zwischen 50 und 60 Euro die Stunde, ein Facharzt zwischen 70 und 80 Euro", fasst Schüler zusammen.

Die Einsatzmöglichkeiten sind breit gestreut

Einsatzgebiete für Honorarärzte gebe es jede Menge. Über 65 Prozent aller Krankenhäuser in Deutschland können offene Stellen im ärztlichen Bereich nicht mit qualifizierten Fachkräften besetzen, hatte vor einigen Wochen die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern gemeldet. Mögliche Tätigkeitsfelder für Honorarärzte bieten sich nach Aussage von Schüler noch bei Krankheitsvertretungen, in der Besetzung von Notarztdiensten, Ärztlichen Reisebegleitung, der Betreuung von (Groß-)Veranstaltungen sowie bei medizinischen Rücktransporten (national / international).

Aktuell konnten gerade zwei Anästhesisten an das Heidelberger Sankt- Josefs-Krankenhaus in der Weststadt vermittelt werden. "Wenn hier Op-Säle nicht laufen können, weil es an Anästhesisten fehlt, kostet dies eine Klinik am Tag sehr schnell Verluste im fünfstelligen Bereich", weiß Schüler. Ärztemangel existiere mittlerweile auch in attraktiven Universitätsstädten wie Heidelberg oder München.

Honorarärzte sichern die Notfallversorgung

Und noch ein Beispiel nennt er: "Es gibt zudem kleine Häuser, die den Notarztwagen abmelden, da fachliches Personal fehlt." Solche Einschnitte könnten mit Honorarärzten umgangen werden. Helfen konnten die Vermittler auch einer Praxis in der Region. Hier starb der Praxischef plötzlich. "Doc-to-Rent konnte zwei Mediziner vermitteln, die bis zum Verkauf der Praxis die Versorgung der Patienten übernahmen", berichtet der Geschäftsführer.

Grundsätzlich kostet die Vermittlung eines Jobs die betroffenen Ärzte, die ihre Zeit zur Verfügung stellen, nichts. Die Kliniken oder Praxischefs müssen die Vermittlungsgebühren, über die Schüler jedoch nicht öffentlich sprechen möchte, allein tragen.

Nicht alle Ärztekammern begrüßen diese derzeitige Entwicklung. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst warnte erst vor Kurzem davor, dem Ärztemangel zunehmend mit Leihärzten zu begegnen. Mit Stundenlöhnen bis zu 100 Euro liege die Vergütung für diese Honorarärzte deutlich über dem Einkommen der angestellten Ärzte. "Manche Fachärzte in Festanstellung kommen in Kontakt mit den Leihärzten erst auf den Geschmack und kündigten, um statt in Festanstellung lieber besser bezahlt als Freelancer tätig zu werden", so Windhorst.

Beständigkeit ist keine gute Basis für die Leih-Tätigkeit

Befürworter des Systems der Honorarärzte argumentieren dagegen. Die Alternative heiße nicht "Leiharzt oder angestellter Arzt", sondern "Leiharzt oder überhaupt kein Arzt", lautet ihre Auffassung.

Nach Auffassung von Schüler sollten Honorarärzte grundsätzlich die Bereitschaft zur Flexibilität mitbringen. "Der Honorararzt kann wählen, in welchen Häusern und Regionen er arbeiten will. Manche arbeiten zeitweise im Allgäu oder auf Usedom und machen am Wochenende dort Urlaub mit ihrer Familie", so Schüler. Nicht geeignet als Honorararzt seien im übrigen diejenigen, die es stetig liebten. "Wer gerne mit den gleichen Kollegen, immer im selben Haus die gleichen Aufgaben erledigen will und neue Herausforderungen scheut, der wird als Honorararzt nicht glücklich."

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