Ärzte Zeitung online, 27.07.2011

Gesunde Alte im Betrieb - ohne sie geht es demnächst nicht mehr

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) wird mit Blick auf den demografischen Wandel eine zentrale Rolle spielen bei der Arbeitskrafterhaltung älterer Mitarbeiter, sind sich Wissenschaftler einig. Und gerade die Älteren werden länger arbeiten müssen, um Personalengpässen in den Unternehmen vorzubeugen.

STUTTGART (maw). Bereits in den nächsten fünf Jahren wird Expertenschätzungen zufolge jeder vierte der gut eine Million Beschäftigten in Baden-Württemberg über 50 Jahre wegen gesundheitlicher Probleme vorzeitig in den Ruhestand gehen.

Das kann auch Praxen und Krankenhäuser treffen. Dann würden mehr als 250.000 Fachkräfte fehlen, wobei gleichzeitig auf Grund des demografischen Wandels qualifizierter Nachwuchs nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen wird.

Wollen die Unternehmen in Baden-Württemberg konkurrenzfähig bleiben, müssen sie das Potenzial ihrer älteren Mitarbeiter stärker nutzen.

Nur eine strukturierte Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz könne diesem Trend entgegenwirken, prophezeite Professor Wolfgang Schlicht, Direktor der Master:Online Weiterbildungsakademie und Studiendekan des Weiterbildungsstudiengangs Gerontologie an der Universität Stuttgart, unsiono mit der AOK Baden-Württemberg, der Deutschen Rentenversicherung und der Agentur für Arbeit anlässlich der Veranstaltung "Das Potential der Älteren nutzen" in Stuttgart.

"Wissenschaftliche Studien ermitteln, dass unzufriedene und gesundheitlich beeinträchtigte Arbeitnehmer früher in den Ruhestand gehen als zufriedene und gesunde", erläuterte Schlicht.

"In unserer heutigen Gesellschaft wird Altern gleichgesetzt mit Krankheit, geringer Leistungsfähigkeit und Innovationsfeindlichkeit. Diese führt zu einer frühzeitigen Verrentung von älteren Arbeitnehmern und vergrößert damit das Reservoir eines ungenutzten Potenzials an leistungsfähigen Arbeitskräften", fuhr Schlicht fort.

Dabei übersehe eine solche Sichtweise das Potenzial des Alters wie Erfahrung, Weisheit und Weitsicht. "Eine wesentliche Aufgabe, die sich den Betrieben stellt, ist deshalb eine am Alter der Belegschaft ausgerichtete Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention", forderte Schlicht.

Dass das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) zu einem noch wichtigeren Erfolgsfaktor für die Betriebe werden wird, steht auch für Dr. Christopher Hermann, stellvertretender Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, nicht außer Frage. Die Kehrseite, so Hermann: Viele Unternehmen scheuten sich noch, BGM aktiv im eigenen Betrieb einzusetzen.

Eine Investition in BGM könne jedoch hohe Folgekosten vermeiden: "Laut einer Studie der Felix Burda Stiftung entstehen den Unternehmen durch Krankheitsausfälle pro Jahr Kosten in Höhe von rund 129 Milliarden Euro - das sind rund 50 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben bundesweit. Dabei sind laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 30 bis 40 Prozent der Arbeitsunfähigkeitszeiten durch eigene Maßnahmen der Unternehmen vermeidbar", appellierte Hermann an die Unternehmen im Ländle.

Besonders in Zeiten, in den die Ausfallzeiten wegen Depressionen und psychischen Erkrankungen immer weiter stiegen - rund zehn Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage in Baden-Württemberg im Jahr 2010 seien auf psychische Erkrankungen zurückzuführen gewesen - sei eine strukturierte Gesundheitsprävention im Betrieb unerlässlich.

Deshalb biete die AOK selbst seit 1997 das Betriebliche Gesundheitsmanagement an. Allein im vergangenen Jahr hätten etwa 1000 Unternehmen dieses Angebot genutzt, bilanzierte Hermann.

Besonders erfreulich sei, dass auch vermehrt gesundheitsorientierte Veranstaltungen für Führungskräfte nachgefragt würden, wie zum Beispiel Kommunikation und Führung oder fürsorgliche Krankenrückkehrgespräche.

Außer der Prävention ist für Hubert Seiter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, wie er in Stuttgart erwähnte, auch die Rehabilitation der Schlüssel, um dieses Ziel zu erreichen.

"Aufgrund der demografischen Entwicklung brauchen wir in Zukunft jede Arbeitskraft. Der Grundsatz Prävention vor Rehabilitation vor Rente muss deshalb in unserer Gesellschaft fest verankert werden. Denn Prävention und Rehabilitation helfen, die Erwerbsfähigkeit zu erhalten und rechnen sich laut wissenschaftlichen Untersuchungen mit 2,50 Euro bis 5 Euro je eingesetztem Euro", rührte Seiter die Werbetrommel für BGM.

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