Ärzte Zeitung, 28.08.2008

79-jähriger Hausarzt springt in die Bresche

Mit 79 Jahren ist Professor Gerhard Garweg noch einmal voll durchgestartet. Der in Hamburg lebende Anatomie-Professor hat jetzt für einige Zeit eine Hausarztpraxis in Sachsen-Anhalt übernommen.

Von Petra Zieler

Zwischen 900 und 1000 Patienten behandelt Professor Gerhard Garweg, hier mit Arzthelferin Elke Lauer, pro Quartal in seiner Hausarztpraxis.

Foto: zie

Im Alter von 79 Jahren in eine Praxis einzusteigen - das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Doch Professor Gerhard Garweg hat mit seinem Mut nicht nur der Gemeinde in Gerwisch, sondern auch der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) einen großen Dienst erwiesen. Die hausärztliche Versorgung wäre ohne Amtshilfe des Rentners in Gerwisch und den angrenzenden Gemeinden gefährdet gewesen.

Nachdem klar war, dass das ortsansässige Arztehepaar Nöhly seine Praxis schließen wollte, hatte sich Bürgermeisterin Karla Michalski hilfesuchend an die KVSA gewandt. "Wir haben ihr den Tipp gegeben, sich an Professor Garweg zu wenden, damit die Versorgung in Gerwisch nicht zum Erliegen kommt", so KVSA-Hauptgeschäftsführer Martin Wenger, der hofft, den Vertragsarztsitz Anfang kommenden Jahres dauerhaft vergeben zu können. "Mit Vertretungen können wir zwar kurzfristig helfen, das Problem Ärztemangel aber nicht kompensieren."

Spezialist für Vertretungen seit sieben Jahren

Garweg, der gern sagt, er sei vor einigen Jahren wegen ungebührlichen Verhaltens aus seiner eigenen Praxis rausgeworfen worden, hat sich seit 2001 auf ärztliche Vertretungstätigkeit "spezialisiert". Das ungebührliche Verhalten war übrigens auf das Geburtsjahr des Arztes zurückzuführen, der 1929 in Stockelsdorf bei Eutin das Licht der Welt erblickt hatte. "Mit über 68 ist der Arzt in dieser Gesellschaft eine Gefahr für gesetzlich Versicherte", sagt er lakonisch.

"Komisch nur, dass das nicht für privat Versicherte und für Vertretungen von Kollegen gilt." Und so begannen die Wanderjahre des Professor Garweg, der seit 2001 unter anderem auf den Inseln Amrum, Pellworm und Wangerooge, im altmärkischen Kunrau, in Oebisfelde, in Wismar, im Burgenlandkreis tätig war und nun seit Anfang Juli in Gerwisch ist. Das Neue und Herausfordernde für den Mediziner im Jerichower Land: "Hier habe ich - wenn auch nur vorübergehend - wieder meine eigene Praxis, und das finde ich sehr reizvoll."

Er habe sofort zugesagt, als die Bürgermeisterin anrief. Die Gemeinde hat im Rathaus eine Praxis eingerichtet, die sie dem Arzt mietfrei zur Verfügung stellt. Auch das Mobiliar sei von der Gemeinde. Um die Praxis mit Computern, EKG und auch sonst ganz nach seinen Wünschen ausstatten zu können, wurde dem Mediziner darüber hinaus ein Darlehen von rund 5000 Euro gewährt.

Eigentlich ein bisschen viel für ein halbes, maximal ein dreiviertel Jahr. Doch Gerhard Garweg sieht das anders: "Wer Medizin macht, sollte das gut und ordentlich machen. Und wenn ich hier null auf null rauskomme, war es die ganze Sache wert.” Außerdem habe er die Erfahrung, dass "Arbeit etwas sehr Gesundes ist”. Wenn sie dann auch die Rente aufbessere, blieben keine Wünsche offen. Wie viel sich der 79-Jährige, der auf die Synthese von zuwendungsorientierter Medizin und Exaktheit schwört, in Sachsen-Anhalt bei einem durchschnittlichen Punktwert von 3,7 Cent dazu verdienen kann, habe er nicht ausgerechnet. Der erste Honorarbescheid wird frühestens Ende des Jahres kommen.

Vor seiner Medizinerlaufbahn hatte Gerhard Garweg Theologie studiert. Später ging er in die Forschung, promovierte, habilitierte sich im Fach Humananatomie, arbeitete an den Universitäten Bonn und Hamburg. Dass der sechsfache Vater der Wissenschaft 1982 den Rücken kehrte, um praktischer Arzt in Hamburg zu werden, hatte folgenden Grund: "Ich wollte mit Menschen arbeiten, Patienten behandeln”, sagt Garweg rückblickend. Dazu fühle er sich berufen. Damals wie heute.

Faulenzen auf dem Sofa? Das kommt nicht in Frage!

Bis ein neuer Hausarzt kommt, will Prof. Garweg am Ort praktizieren. Dafür ist ihm nicht nur die Bürgermeisterin dankbar. Aus Gerwisch und den umliegenden Orten lassen sich zwischen 900 und 1000 Patienten pro Quartal vom Vertretungsarzt behandeln. Was für ihn in der Zeit nach Gerwisch kommt? Garweg: "Mal sehen. Auf dem Kanapee will ich jedenfalls nicht faulenzen.”

Hausärzte in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der Hausärzte in den vergangenen zehn Jahren um 277 verringert. Derzeit praktizieren noch rund 1400 Hausärzte, von denen 175 älter als 65 und 189 älter als 60 Jahre sind. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 53 Jahren.

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