Ärzte Zeitung, 18.12.2008

Praxis-Kolumne

Machen Pressure Groups die Restversorgung platt?

Das neue Vergütungssystem zeigt: Der EBM ist zur Klamotte geworden. Verlierer des Honorars 2009 ist die vertragsärztliche Grundversorgung.

Von Ludger Beyerle

Endlich kommen Honorarnachschlag und kalkulierbares Honorar. Beim großen Rollout der Vergütungsreform kommen dem gespannten Publikum dennoch etliche Züge des neuen Modells fatal bekannt vor.

Printmedien und Internet-Postings führen schnell zum Punkt. Das neue Geld, so es denn kommt, wird viele nicht erreichen. Im Gegenteil, Tausende Ärzte dürften im neuen Jahr bei gleicher Arbeit erheblich weniger Umsatz erzielen.

Zum Publikumsecho muss man wissen, dass nur die Verlierer bei Honorarumschichtungen laut werden. Das Bild aus Verlautbarungen und Foren ist demnach ebenso eindrucksvoll wie schief. Gleichwohl zeichnen sich deutliche Trends ab.

Zu den Gewinnern zählen alle neuen Bundesländer. Zart darf die Frage angetippt sein, ob das angesichts der geringen Arztdichte und der hohen Fallzahlen so pauschal erforderlich war. Weiterhin fragt man sich, wieso es Verlierer geben kann, da doch rund 2,5 Milliarden Euro mehr in die ambulante Versorgung kommen sollen.

Die erste Analyse zeigt wirtschaftliche Tiefschläge der Honorarreform wieder einmal dort, wo sie in der Vergangenheit verortet wurden: in der Regelversorgung. Man kann sie auch EBM-Restversorgung nennen. Besonders betroffen sind die Fachgruppen ohne Extraverträge und ausgetopfte Leistungen sowie die Einzelpraxen mit ihrem zehnprozentigen Generalabschlag auf das RLV. Sie stellen knapp Zweidrittel des Ge-samtbestandes.

Nur die Verlierer werden bei Umschichtungen des Honorars laut.

Wer zum Beispiel keine Vorsorge-, Impf-, Methadonsubstitutionsleistungen erbringen und nicht auf Disease-Mangement-Programme und Zusatzverträge wie Schmerz- und Diabetestherapie zugreifen kann, steht im Regen.

Ein Psychiater aus Nordrhein postet im Forum: "Hilfe, Kollegen … ich habe heute mein Regelleistungsvolumen für Psychiatrie bekommen, es sinkt von bisher 26 000 Individualbudget auf 16 000 Euro … Damit wäre ich pleite … Wer weiß Bescheid, ob dies gewollt ist, wer ist noch Psychiater und hat seine Berechnung? Hab sofort per Einschreiben Widerspruch eingelegt … Darf mich die KV in die Insolvenz treiben? Habe ich ein Bestandsrecht …?"

Die vom Kollegen losgetretene Diskussionslawine kocht hoch und zeigt in aller Brutalität: Die EBM-Reformiererei ist zur Lotterie verkommen. Jegliche Fachqualifikation ist außer Betrachtung. Es geht zu wie in der Spielbank, wo nach Einschlag der Kugel einige Spieler diskutieren und bei Mann oder Frau auf dem Hochsitz reklamieren, während die Croupiers in aller Ruhe abräumen und den schweigenden Partizipienten ihr Geld auszahlen.

Der berühmteste Verlierer, Herr Dostojewskij, musste aufgrund seiner Verluste im Lande der heutigen KV Hessen neue Einsätze auf Pumphonorar tätigen. Die Verlierer der vertragsärztlichen Grundversorgung werden ähnliche betriebswirtschaftliche Überlegungen anstellen müssen.

Es hilft alles nichts: Die EBM-Klamotte - anders kann man dieses milliardenschwere Open-End-Trauerspiel nicht mehr bezeichnen - muss durch eine Gebührenordnung ersetzt werden, auf die alle Ärzte entsprechend ihrer Qualifizierung ohne Tricks und Reservate zugreifen können. Dieses Rad ist lange erfunden, es muss nur gedreht werden. Die Gebührenordnung GOÄ kann als Vorlage dienen. Sie müsste modernisiert werden, und auch Mengenbegrenzungen sind möglich, so dass der Kostenrahmen eingrenzbar bleibt. Es muss weg, dass die Qualifikation der Arbeit fast nichts und die Zugehörigkeit zu einer Pressure Group - im Neusprech Wettbewerb genannt - alles sind.

Bis es soweit ist, hilft uns eine In-ternistin aus der Oberpfalz weiter. Sie schreibt unter ihrem Logo: Wenn dem Arzt das Wasser bis zum Halse steht, sollte er mit langsamen, rhythmischen Schwimmbewegungen beginnen!

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