Ärzte Zeitung, 26.01.2009

Im Praxistest: QM mit integriertem Arbeitsschutz

Ständig alle Arbeitsschutzrichtlinien zu berücksichtigen, das ist fast unmöglich. Fast, denn wer den Arbeitsschutz einfach ins Praxis-QM integriert, dem fällt es viel leichter. Eine Praxisgemeinschaft im hessischen Schlüchtern hat es als Pilotpraxis ausprobiert.

Von Rebekka Höhl

Von den neuen Arbeitsschutzzielen im QM profitieren nicht nur Dr. Marion und Dr. Wolfgang Braun (Mitte), sondern das gesamte Praxisteam.

Foto: reh

Erst im Januar 2007 erhielt die Praxisgemeinschaft des Arztehepaares Dr. Marion B. Braun und Dr. Wolfgang Braun ihr QEP-Zertifikat. Und schon bei QEP, dem QM-System der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hatten die Internistin und der Urologe als Pilotpraxis mitgemacht. Keine Frage also, dass sie zusagten, als Dr. Patricia Klein, Referentin für QM bei der KBV, ihnen im April vorschlug, auch das neue Arbeitsschutzpaket für QEP als Pilotpraxis zu testen. Dazu wurden die Managementanforderungen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (MAAS-BGW) in den QEP-Zielkatalog integriert.

Bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) läuft das System unter demNamen "qu.int.as - Qualitätsmanagement mit integriertem Arbeitsschutz" und ist gar nicht so neu. Denn für Praxen, die sich an den Qualitätsnormen DIN EN ISO 9001:2000 oder KTQ orientieren, gibt es das System schon länger.

Aufgabe der Pilotpraxen - es waren insgesamt zehn - sollte es sein, den erweiterten Zielkatalog auf seine Praxistauglichkeit zu prüfen. "Es war ähnlich wie bei der Pilotphase von QEP", berichtet Marion Braun. "Am Anfang hat man ein Megasize-Paket und zum Schluss kommt eine praktikable Kurzfassung dabei raus."

In Workshops wurden die Mitarbeiter vorbereitet

So richtig loslegen konnte das Praxisteam, das neben den beiden Ärzten aus elf Mitarbeiterinnen besteht, im Juli 2007. "Die Unterstützung durch die BGW und den qu.int.as-Berater war sehr gut", sagt Wolfgang Braun. Zunächst gab es ein Einführungsgespräch. Dem folgten fünf Workshops, in denen das QEP-Handbuch der Praxis mit den neuen Arbeitsschutzzielen abgeglichen wurde. Dabei musste das Praxisteam auch Hausaufgaben erledigen, denn teilweise waren Checklisten oder Verfahrensanweisungen zu erweitern. Insgesamt habe die schriftliche Umsetzung 60 Stunden gekostet, erklärt die Qualitätsmanagement-Beauftragte der Praxisgemeinschaft, Anke Groß.

20 weitere Stunden waren für Begehungen notwendig, die die BGW fordert. Doch dass der qu.int.as-Berater der Praxis gleichzeitig Fachkraft für Arbeitssicherheit ist, war ein echter Vorteil, so Wolfgang Braun. Denn dadurch konnte er bereits in den Workshops wichtige Hinweise geben.

Umgesetzt werden mussten die neuen Arbeitsschutzziele natürlich auch. "Aber das funktionierte wesentlich leichter als beim Einführen des QM", erzählt Anke Groß. Hellauf begeistert seien die Kolleginnen gewesen. Warum? Na ganz einfach weil Arbeitsschutz im ureigensten Interesse der Mitarbeiterinnen liege, weiß Wolfgang Braun. Anke Groß kann das nur bestätigen: "Hier haben alle gemerkt, dass es um sie selbst und ihre Sicherheit geht."

Trotzdem war es nicht an jeder Stelle leicht, den neuen Arbeitsschutz durchzusetzen. Dass die Putzfrau im Labor anders putzen muss als im Behandlungsraum und vor allem, dass sie die Mischung für das Putzmittel genau abmessen muss, brauchte etwas Überzeugungskraft, erinnert sich Marion Braun. Denn auch das Putzen mit Desinfektionsmitteln birgt Gefahren.

Allgemein sind die Mitarbeiterinnen der Praxisgemeinschaft nun aber viel besser informiert. Während der Teambesprechungen gibt es regelmäßige Einweisungen in Sicherheitsthemen. Die Betriebsanweisungen zur Gefahrstoffordnung/Biostoffverordnung und Hygienepläne hängen an den jeweiligen Arbeitsplätzen aus.

Keine Frage: Die Praxis ließ sich erneut zertifizieren

Nach einem halben Jahr Arbeit fand im Dezember 2007 das Abschlussgespräch statt. Und weil es ja für die MAAS-BGW nach QEP ebenfalls eine Zertifizierung gibt, ließ sich die Praxis am 27. Mai 2008 noch einmal im Bereich Arbeitsschutz erfolgreich zertifizieren - als erste QEP-Praxis.

Das Arztehepaar kann jedem Kollegen nur empfehlen, zumindest die Arbeitsschutzziele durchzuarbeiten. "Allein schon weil man viel kritischer wird und ein besseres Gefühl für die Beurteilung von Gefahren bekommt," sagt Marion Braun. Und: Hohe Kosten entstehen durch die Einführung eigentlich nicht. "Da sind die Arbeitsstunden, die zusätzlich anfallen, aber das was wir sonst umgesetzt haben, hätten wir ja sowieso machen müssen," erklärt Wolfgang Braun. Allerdings müssen Arztpraxen, die es den beiden gleichtun wollen, die Beratungskosten noch hinzurechnen. Hier und bei den Zertifizierungskosten können Ärzte aber die BGW beteiligen (vgl. Kasten).

Praxen erhalten für qu.int.as Fördergeld

Praxen, die ihren Arbeitsschutz über qu.int.as ins QM-System integrieren wollen, können sich von der BGW fördern lassen:

1. Förderung der Qualifizierung: Für den Besuch eines qu.int.as- Seminars erstattet die BGW pro Seminarteilnehmer 250 Euro.

2. Förderung der Beratung: Lässt sich die Praxis beim Aufbau ihres qu.int.as-Systems von einem zugelassenen qu.int.as-Berater unterstützen, übernimmt die BGW bis zu 50 Prozent der Beraterkosten. Zugelassene Berater finden Ärzte auf der Website der BGW unter "qu.int.as-online", "Berater & Zertifizierer".

3. Prämie für die Zertifizierung: Mit der Prämie beteiligt sich die BGW zu 50 Prozent an den Zertifizierungskosten.

Voraussetzung für eine Förderung ist allerdings, dass die Praxis BGW-Mitglied ist und sich erfolgreich nach qu.int.as zertifizieren lässt. Den MAAS-BGW-Katalog für QEP soll es dann voraussichtlich Ende Januar als gedruckte Version bei der BGW geben.

www.bgw-online.de

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