Ärzte Zeitung online, 27.05.2009

Patientenwunsch ist für Ärzte verbindlich

Entscheiden sich Kranke bewusst für eine riskante Therapie, müssen Mediziner die Behandlung nicht abbrechen

NAUMBURG (juk). Besteht ein Patient auf einer Behandlung, die lebensgefährliche Folgen haben kann, kann der Arzt bei einem späteren Tod des Patienten nicht haftbar gemacht werden. Das geht aus einem Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Naumburg hervor.

In dem konkreten Fall ging es um eine Patientin, die unter Schuppenflechte mit Gelenkbeteiligung litt. In den akuten Schubphasen behandelte sie ihr Hausarzt mit einem Glukokortikosteroid. Mehrmalige versuchte Umstellungen auf nicht steroidale Antirheumatika hatten keinen Erfolg, da die Frau davon Magenschmerzen bekam und von ihr abgelehnt wurden. Als der Arzt nach fünf Jahren ein Cushing-Syndrom feststellte, verzichtete er auf das Steroid. Auf ausdrücklichen Wunsch der Patientin setzte er es später wieder ein. Zwei Jahre später starb die Patienten in einem Krankenhaus.

Das Landgericht Halle verurteilte den Arzt in erster Instanz zur Zahlung eines Schmerzensgeldes. Er hätte trotz des Wunsches der Patientin die Dauertherapie mit dem Steroid ablehnen müssen, um keine Haftung übernehmen zu müssen. Dieser Ansicht konnte das OLG jedoch nicht folgen. Sie sei, rügten die Richter, mit dem Selbstbestimmungsrecht des mündigen Patienten nicht vereinbar. Dieser nämlich entscheide, "ob überhaupt und wenn, welche Maßnahmen der Arzt durchführen darf".

Das Selbstbestimmungsrecht wäre wertlos, so das OLG, wenn "der Arzt die Behandlung immer abbrechen müsste, sobald der Patient seinem Rat nicht mehr ernsthaft Folge leistet".

Patientin nahm frühen Tod für mehr Lebensqualität in Kauf.

Die Richter betonten, dass der Hausarzt seiner Patientin immer wieder die Risiken der Steroid-Dauertherapie vor Augen geführt hatte. Diese Hinweise auf die potenziell lebensgefährlichen Folgen habe die Frau aber nicht aus Unverständnis oder mangelnder Urteilskraft ignoriert. Vielmehr habe sie sich bewusst für die Kortisongabe entschieden, um damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

Dass der Arzt "diesen Wunsch seiner unheilbar kranken Patientin nach effektiver Schmerzlinderung akzeptiert hat, kann ihm angesichts der deutlichen Aufklärung über die Risiken nicht zum Vorwurf gemacht werden", so das OLG.

Az.: 1 U 8/08

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