Ärzte Zeitung, 03.06.2009

Ein Methadonprojekt mit vielen Widerständen

Hausarzt Wieland Tietje aus Bremen und seine fünf Praxiskollegen übernehmen die Versorgung von 325 Rauschgiftsüchtigen mit Methadon. Ein Projekt, das nicht nur Freunde hat.

Von Christian Beneker

Der Schalter für die Ausgabe des Methadons wurde renoviert.

Fotos: cben

In die alte Molkerei in Bremen-Burg - in das abgeblätterte Gebäude im Norden der Stadt - ist längst ein Teppichhandel eingezogen. Durch die Tür nebenan gelangt man indessen in die frisch renovierten Räume einer der beiden Methadon-Ausgabestellen, die von Wieland Tietje und seinen Kollegen in der Gemeinschaftspraxis sowie dem Psychiater John Koc am jeweiligen Praxisstandort betrieben werden. Anfang des Jahres haben die beiden sich in einer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis zusammengetan, um insgesamt rund 320 Abhängige in Bremen-Stadt zu versorgen. "Und zwar über die Ausgabe des Methadons hinaus", wie Tietje betont.

Auch die Resozialisation ist ein Thema

Auch Resozialisation, Arbeitssuche und psychologische Betreuung sowie hausärztliche Versorgung sollen in Bremen-Burg unter einem Dach vereint werden. Tietje: "Die Methadon-Patienten leiden oft auch an Hepatitis C oder Mangelerkrankungen und brauchen zusätzliche ärztliche Betreuung." Vor allem die psychosoziale Betreuung ist ein wichtiger Baustein der Versorgung.

Allerdings streitet man darum, wer die zusätzliche psychosoziale Betreuung zahlen soll - die GKV oder die Kommunen. Im Prinzip sind die Dinge entschieden. Laut Gemeinsamem Bundesausschuss (GBA) gilt, dass eine Methadonverordnung ohne zusätzliche psychosoziale Betreuung sinnlos ist, aber auch: "Die nach der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) vorgesehene psychosoziale Betreuung fällt nicht unter die Leistungspflicht der GKV" (GBA-Richtlinie von Januar 2006). Die Kommune müsste also einspringen, um den besonderen Bedarf der Methadon-Patienten abzudecken - aber sie verweist auf ihre leeren Kassen. Bremen hat die Haushaltssperre beschlossen. Was tun?

Tietje hofft auf einen Vertrag im Laufe des nächsten halben Jahres, der auch die besondere psychosoziale Versorgung umfassen könnte. In trockenen Tüchern ist indessen noch nichts. Bisher ist die Betreuung der rund 1400 Süchtigen von schätzungsweise 4000 Drogenkonsumenten in Bremen bei 61 Bremer Niedergelassenen eine so aufopferungsvolle wie unrentable Angelegenheit. Rund drei bis vier Euro erhalten Ärzte pro Ausgabe. Mit Wochenendzuschlägen kommen die Ärzte pro Patient auf rund 40 Euro pro Woche, vorausgesetzt, der Abhängige kommt täglich. Die psychosoziale Betreuung läuft zusätzlich - und zwar nebenbei vor allem durch den persönlichen Kontakt zu jedem einzelnen Methadon-Patienten. Geld gibt es dafür keines.

Im Modell von Koc und Tietje indessen wäre die psychosoziale Versorgung als fester Bestandteil eingeschlossen. Die beiden Ärzte haben in der alten Molkerei neben dem großen Ausgabeschalter Büroräume, ein Behandlungszimmer, einen Vortragssaal und ein Büro für Selbsthilfegruppen gebaut. Seit Anfang des Jahres kommen rund 250 Methadonpatienten hierher. Neben den Ausgabebehältern mit Methadon stehen die Medikamentenboxen für die Tagesdosen jedes Patienten, um kontrollierte Medikation zu ermöglichen.

Das Methadon ist in einer Glasbox gesichert. Davor stehen die Medikamentenboxen.

Manche Räume, wie Vortragssaal und Behandlungszimmer, stehen noch im Rohbau. Eine erhebliche Investition - über ihre Höhe schweigt Tietje und meint: "Hoffentlich war sie nicht zu hoch." Im besten Falle wären die psychosoziale Betreuung, die medizinische Rundumversorgung und die Methadongabe unter einem Dach auch wirtschaftlich realisiert. Die AOK Bremen/Bremerhaven bestätigt Verhandlungen, schweigt sich aber über Einzelheiten aus. Eine Einigung scheint aber in Reichweite zu liegen. Also alles klar in Bremen?

Bürger fürchten sich vor den Abhängigen

Nicht ganz, denn das Bremer Modell ist umstritten. An beiden Standorten wenden sich Bürgerinitiativen gegen die Methadonausgabe. Rechtlich, da sind sich alle einig, ist nichts einzuwenden gegen die Praxen. Aber die Bürger fühlen sich unwohl mit den gebeugten Gestalten in ihrem Viertel, die schwer tätowiert in rauer Stimme die Passanten um Geld angehen.

Ob tatsächlich die Kriminalität ansteigt, wie viele befürchten, ist laut Bremer Polizei nicht erwiesen. "Im Gegenteil", so Tietje, "die Polizei hat festgestellt, dass die Kriminalität im Verhältnis zum Vergleichszeitraum zurück gegangen ist." Unklar sei aber, ob sich mit den vielen Methadonkonsumenten auch Dealer und Hehler in der Nähe der Ausgabestellen aufhalten würden. Manchen Anwohnern genügt schon die Tatsache zum Protest, dass die Patienten die Straße bei "rot" überqueren, berichtet Tietje: "Dann gehe ich eben zu den Patienten und bitte sie, die Ampel direkt vor der Praxis zu nutzen."

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