Ärzte Zeitung, 09.06.2009

Wenn der Arzt ein Teil des Dorfes ist

Er hat "keinen Tag bereut". Andreas Altrock aus dem niedersächsischen Edemissen bei Peine ist hoch zufrieden mit seinem Beruf. Er ist Landarzt.

"Das medizinische Spektrum ist groß, und meine Lehrer haben mich für die Hausarztpraxis begeistert." Andreas Altrock Niedergelassener Hausarzt in Edemissen

Von Christian Beneker

Edemissen heißt das 13 000-Seelen-Örtchen nahe Peine in Niedersachsen, wo Altrock im Jahr 2005 eine Praxis von einem in den Ruhestand gehenden Kollegen übernommen hat. "Zentral im Städtedreieck Hannover, Braunschweig und Wolfsburg, bietet Edemissen Wohnbauflächen mit der Natur vor der Haustür", preist sich die Gemeinde Edemissen selber an. Wie in so vielen ländlichen Gegenden, rühmt man sich der Nähe zu möglichst vielen Städten.

Altrock macht sich allerdings nichts vor: "Das ist eine Landarztpraxis hier", stellt er klar, "zwei bis drei Mal in der Woche fahre ich über die Dörfer und versorge außerdem 40 bis 50 Altenheimpatienten." Wipshausen, Plockhorst oder Oelerse heißen die Dörfer in der Gegend. Die Telefonnummern haben drei Ziffern; kurz: Edemissen ist nichts für Freunde des Großstadtlebens. Aber Altrock sagt: "Ich komme aus der Gegend und hierher wollte ich zurück."

Förderprogramme sollen neue Landärzte anlocken

Die KV Niedersachsen (KVN) dürfte das gerne hören. Sie bietet elf Medizinstudierenden an, sie während des kompletten Studiums zu fördern, vorausgesetzt, sie verpflichten sich zur hausärztlichen Niederlassung in Niedersachsen - fünf Jahre lang. Die KVN setzt auf den Gewöhnungseffekt und hofft, die Kollegen werden bleiben, sind sie erst einmal da. Allerdings werden derzeit nur vier bis acht der Förderungen angenommen, sagte ein Sprecher der KVN.

Altrock ist ohne Förder-Anreiz Hausarzt geworden. Als es nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger, nach Studium und Klinikzeit darum ging, wie und wo er seinen Berufsweg weiterverfolgen sollte, hat er sich für die Hausarztpraxis entschieden. "Das medizinische Spektrum ist groß und meine Lehrer haben mich für die Hausarztpraxis begeistert", sagt Altrock, und außerdem: "Es ist immer wieder schön mit den Leuten hier."

50 Stunden Arbeitszeit plus zwei Notdienste im Quartal

Der heute 43-Jährige hatte das Glück, eine eingeführte Praxis übernehmen zu können. Außer seiner Praxis versorgen zwei hausärztliche Gemeinschaftspraxen und eine allein arbeitende Kollegin die Patienten der Gegend. "Gut für die gegenseitigen Urlaubsvertretungen". Rund 1500 Patienten stehen in Altrocks Kartei. "Nicht wenig", wie er sagt, "und nicht zu viele." Seine Arbeitszeit liegt bei "50 Stunden plus zwei Notdienste im Quartal." IV-Verträge hat er nicht zu bedienen. Aber der Hausarzt engagiert sich in der spezialisierten ambulante Palliativversorgung, "allerdings noch ehrenamtlich", wie er einräumt, "natürlich hoffen wir auf baldige Verträge."

Dass sein Alltag ohne Ärger und Stress abläuft - zu solchen Behauptungen würde auch Altrock sich nicht versteigen. "Also, wenn eine BKK ein spezielles Pflaster zur Reduktion von extremem Speichelfluss nicht für erstattungsfähig hält, muss ich meine Verordnung auch noch einmal eigens begründen, und das geht mir auf die Nerven", berichtet Altrock, "und auf vierseitig auszufüllende Reha-Anträge, die dann doch abgelehnt werden, würde ich lieber verzichten." Aber für Landarzt Altrock gehört das zum Job.

Ein bisschen Unternehmer ist man immer

Auch erheblichen Regressforderungen ist er bisher entkommen. "Ich komme mit meinem Budget einigermaßen gut über die Runden - ohne Billigmedizin", sagt er. Seit einiger Zeit befasst er sich mit homöopathischer Medizin. "Ein bisschen neben der Spur gucken", nennt er das.

Dass Altrock als Landarzt auch Unternehmer ist, war und ist für ihn ein Grund, Hausarzt zu sein. "Auf eigenen Beinen zu stehen und ein kleines Unternehmen zu führen, das hat mich immer gereizt." Ultraschallgerät, Belastungs-EKG - all das kostet Geld, "ist aber überschaubar", meint er. "Ich investiere, was die Praxis abwirft." Aber was ihn hält, ist nicht das Unternehmertum, sondern das, was er "Motivation durch Schulterklopfen" nennt. "Die Leute finden meine Arbeit gut und sind zufrieden, dass der Doktor Teil des Dorfes ist und sie ihn vor der Tür haben. Und das ist auch für mich wichtig."

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