Ärzte Zeitung, 21.10.2009

Auch bei HIV bleibt der Hausarzt der Lotse

Gehören HIV-Patienten in die Hausarztpraxis? Ja, sagt der Frankfurter Internist und Infektiologe Dr. Peter Gute. Denn diese Patienten brauchen nicht bei allen Beschwerden ihren HIV-Spezialisten.

Von Monika Peichl

Auch bei HIV bleibt der Hausarzt der Lotse

HIV trifft immer öfter Patienten, bei denen man es nicht vermutet.

Foto: BilderBox

Auch für HIV-Patienten bleibt der Hausarzt erster Ansprechpartner. Wichtig ist nach Ansicht des Frankfurter Internisten und Infektiologen Dr. Peter Gute aber eine gute Zusammenarbeit mit dem HIV-Spezialisten. Besondere Umsicht sei bei der Verordnung zusätzlicher Medikamente erforderlich. Sie sollte stets in Absprache mit Infektiologen erfolgen.

Gute gehört dem infektiologikum frankfurt an, einer großen Schwerpunktpraxis für Infektionskrankheiten, in der nach seinen Angaben fast 60 Prozent aller diagnostizierten HIV-Infizierten in Hessen versorgt werden. Einige dieser Patienten reisen bis zu 200 Kilometer an, weil es in ihrer Region weder HIV-Spezialisten noch HIV-Organspezialisten - Gynäkologie, Dermatologie, Neurologie oder Ophthalmologie - gibt. In Frankfurt gebe es genügend Kollegen in Allgemeinmedizin, Gynäkologie, Orthopädie und anderen Fächern, die HIV-Infizierte ganz normal behandeln. Ein Grund dafür, dass manche Patienten lange Wege auf sich nehmen, ist auch die Angst, von Ärzten an ihrem Wohnort wegen ihrer Infektion abgelehnt zu werden.

Es gibt Ärzte, die Patienten aus Angst wegschicken

Beispiel: Einer seiner Patienten stellte sich mit Sprunggelenksfraktur bei einem Chirurgen vor, um sich eine Metallplatte entfernen zu lassen. Er wurde wieder weggeschickt mit der Begründung, der Eingriff sei zu gefährlich. Das Ansteckungsrisiko in der Arztpraxis werde überbewertet, sagt Gute. Das Infektionsrisiko sinke mit der HI-Virusbeladung im Blut. Bei rund 80 Prozent der behandelten HIV-Patienten liegt die Viruslast unter der Nachweisgrenze, sie haben weniger als 50 Kopien pro Milliliter Blut. Daher bestehe ein eher geringes Übertragungsrisiko. Niedergelassene Ärzte seien durch Patienten mit undiagnostizierter Hepatitis-B- oder Hepatitis-C-Infektion einem weitaus höheren Infektionsrisiko ausgesetzt als durch Patienten mit bekannter HIV-Infektion.

Wie sollten Hausärzte vorgehen, wenn sie bei einem Patienten die Erstdiagnose HIV stellen? Ein derartig gravierender Befund sollte niemals per Telefon übermittelt werden, sagt Gute. Er appelliert an die Kollegen: "Sie sollten nicht auf der Ansteckungsquelle herumreiten. Bei Patienten mit einer Lungenentzündung würden sie ja auch nicht fragen, wo sie sich das geholt haben." Wichtig sei es, die Patienten so anzunehmen, wie sie sind, aber auch, ihnen den Ernst und die Tragweite der Diagnose zu verdeutlichen.

Jede neue Arzneiverordnung kann Probleme bringen

Der nächste Schritt sei dann, die Patienten an einen HIV-Spezialisten zu überweisen. Aber sie sollten nach Möglichkeit Hausarzt dieser Patientinnen und Patienten bleiben, und zwar in Zusammenarbeit mit den HIV-Behandlern. Enge Kooperation mit den Spezialisten ist nach Gutes Worten bei der hausärztlichen Versorgung von HIV-Patienten unerlässlich. Schon bei scheinbar simplen Arzneiverordnungen können schwere Interaktionen mit der HIV-Medikation auftreten. Das betrifft etwa Antibiotika, Magensäureblocker oder Schmerzmittel, aber auch Phytopharmaka. Ein weiteres Problem sind Beschwerden, bei denen unklar ist, ob sie HIV-assoziiert sind oder nicht. Gute und seine Kollegen sind für die Hausärzte zwecks Rücksprache während der Sprechstunden "auf dem kurzen Dienstweg" telefonisch stets erreichbar, und das gilt nach seiner Einschätzung auch für andere HIV-Schwerpunktpraxen.

Schwerer haben es aber die Ärzte im Notdienst. Muss ein HIV-infizierter Patient mit Husten und Fieber ins Krankenhaus eingewiesen werden? Auch hier gibt es praktische Lösungen. Alle HIV-Patienten von Gutes Schwerpunktpraxis bekommen die Nummer des Praxis-Notfallhandys, das sieben Tage pro Woche rund um die Uhr angeschaltet ist. So kann der Kollege vom ärztlichen Notdienst mit einem der behandelnden Infektiologen Rücksprache halten. Häufig kann dadurch die Klinikeinweisung vermieden werden.

Hausärzte sollten bei Patienten mit unklaren Beschwerden öfter an HIV denken, so die Bitte von Gute. Gerade, wenn sie nach Aussehen und Lebensweise nicht ins Klischee passen: "Das sind inzwischen die meisten", gibt Gute zu bedenken. Beispiel: eine Frau Mitte 30, seriös und gepflegt, mit Blutbildveränderungen, Herpes-Zoster-Erkrankung, vergrößerten Lymphknoten, Verdacht auf ein Malignom. Erst der HIV-Test führte zur richtigen Diagnose.

Anonymer HIV-Test bringt Vorteile

Insbesondere jüngere Patienten tun gut daran, sich anonym auf HIV testen zu lassen. Dazu raten Aids-Selbsthilfeorganisationen. Denn damit ist ihre Infektion nicht aktenkundig. Versicherer, etwa für Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen, schließen in ihren Vertragsbedingungen in der Regel Menschen mit HIV aus. Wer eine solche Versicherung abschließen will, wird vor Vertragsschluss nach seinem HIV-Status gefragt, außerdem muss der Kunde die behandelnden Ärzte der letzten Jahre von ihrer Schweigepflicht entbinden. Damit erhält der Versicherer Einblick in die Patientenakte. Hausärzte können Patienten bei der Beratung auf diese Konsequenz eines HIV-Tests hinweisen. Ist ein positiver HIV-Test nicht in den Behandlungsunterlagen notiert, kann der Versicherer nicht nachweisen, dass der Versicherungskunde die Infektion wissentlich verschwiegen hat. Anonyme HIV-Tests sind bei den Gesundheitsämtern möglich, vielerorts sogar kostenlos.

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