Ärzte Zeitung, 15.12.2009

Ärztemangel gräbt Badeorten das Wasser ab

Immer weniger Heil- und Kurorte finden einen Badearzt. Damit ist ihre staatliche Anerkennung in Gefahr.

Von René Schellbach

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Ein Kurs für angehende Badeärzte: Wechselwarme Fußbäder im Selbstversuch.

Foto: res

BAD WÖRISHOFEN. Für betroffene Gemeinden wird die Lage langsam ernst: Der Ärztemangel trifft die Badeorte. Schuld daran ist nach Ansicht von Professor Jürgen Kleinschmidt die "unattraktive Weiterbildungsordnung". Die Politik müsse eine Lösung finden.

Kleinschmidt arbeitet am Institut für Gesundheits- und Rehabilitations-Wissenschaften der Universität München. Immer wieder leitet er im Auftrag des Verbands deutscher Badeärzte Weiterbildungsveranstaltungen zu den Grundlagen und Wirkungen der Physikalischen Therapie und Balneologie. Hausärzte und Fachmediziner müssen sechs derartige Veranstaltungen mit jeweils 40 Unterrichtsstunden absolvieren, um in einem der 350 deutschen Heil- und Kurorte als Badearzt arbeiten zu dürfen. In Orten ohne Badebetrieb werden sie Kurarzt genannt.

Ein Jahr "Lehre" sind
finanziell nicht zu stemmen

Vor der Zulassung muss der Nachwuchs auch ein Jahr lang die eigene Praxis zumachen und bei einem anerkannten Badearzt "in die Lehre" gehen, um den Einsatz der Kurmittel in der Praxis zu lernen. "Diese Vorschrift ist der Tod des Badearztes, denn das kann sich keiner leisten", klagt Kleinschmidt. 2005 wurde die Weiterbildungsordnung geändert, seitdem verzeichnet der Badeärzte-Verband immer weniger Nachwuchs.

Rund 650 Badeärzte arbeiten in Deutschland, schätzt Kleinschmidt. Spitzenreiter sind die Thermalkurorte Bad Füssing mit 35 niedergelassenen Kollegen sowie Bad Reichenhall (21) und Bad Wörishofen (18). "Damit wird es für kleine Orte sehr eng." Eine der Voraussetzungen für die staatliche Auszeichnung als Heil- oder Kurort ist, dass dort mindestens ein Badearzt praktiziert. Rund 50 Orte erfüllen laut Kleinschmidt die Forderung nicht mehr, halten sich mit staatlich geduldeten Provisorien über Wasser, etwa mit der Zweitniederlassung eines Badearztes aus einem benachbarten Kurort.

Eigentlich, so Kleinschmidt, sei die Weiterbildung für Hausärzte in Kurorten attraktiv, um ihr Budget auszuweiten. Der Grund: Anwendungen für Kurgäste werden nicht über das Praxis-Budget abgerechnet, und sie nehmen den Hausärzten kein Geld weg. Zwar kann jeder Niedergelassene Moorbäder verschreiben, doch Kleinschmidt warnt: "Dann haftet der Kollege für die Nebenwirkungen, und die Leistung kostet seine Punkte." Daher sind es in der Regel die
Badeärzte, welche den Kurgästen die Anwendungen verordnen.

Die Teilnehmerzahl
in den Kursen sinkt

Dennoch werden die Gruppen bei den Seminaren des Badeärzte-Verbandes immer kleiner. 20 Teilnehmer kamen zum jüngsten Seminar nach Bad Wörishofen. Von ihnen sind aber längst nicht alle an der Tätigkeit als Badearzt interessiert, wie zum Beispiel Dr. Wolfgang Birkner, Chefarzt der Orthopädie am Kreiskrankenhaus Rheinfelden: "Ich brauche den Schein für die Weiterbildungsberechtigung unserer Assistenzärzte. Kurgäste haben wir nicht." Dr. Arthur
Fabritius, Internist und Allgemeinmediziner aus Geislingen an der Steige, hat noch keine eigene Praxis. Daher kann er die Balneologie in sein viertes Weiterbildungsjahr integrieren. Er will sich in dem nur 3000 Einwohner zählenden Kurort Beuren auf der Schwäbischen Alb als Badearzt niederlassen.

Auf dem Programm in Bad Wörishofen standen neben Referaten auch praktische Erfahrungen mit den Anwendungen nach Sebastian Kneipp. Im Sebastianeum, einer der großen Kureinrichtungen des Ortes im Unterallgäu, probierten die Teilnehmer Fuß- und Wannenbäder selbst aus. Dazu gab der Physiotherapeut Joachim Bohmhammel, stellvertretender Leiter der Einrichtung, Tipps für den Praxis-Alltag. "Chronisch kalte Füße kann man wegtrainieren."

Er empfahl Fußbäder mit langsam von 32 auf 42 Grad ansteigender Wassertemperatur, zunächst 20 Minuten lang, später kürzer. "Unsere Gäste und ihre Patienten sollen zu Hause weitermachen." Bei gefäßbedingter Migräne helfe Wassertreten in zehn Grad kaltem Wasser innerhalb von sechs Wochen. Bei Krampfadern, so Bohmhammel, seien Güsse wirksamer als Bäder, aber entscheidend seien hier Kompressionsstrümpfe.

Kneipp: Wellness-Trend gegen reine Lehre

Als Heimat von Sebastian Kneipp sorgt sich Bad Wörishofen um den Erhalt seiner Lehre. "Wir beobachten eine schleichende Aufweichung", sagt der stellvertretende Kurdirektor Werner Büchele. In Deutschland gibt es 60 Kneipp-Kurorte, aber einige machen nach seiner Ansicht Zugeständnisse an Wellnessmoden. Beispiel: "Die Früh-Anwendungen sind ganz wichtig. Das ist für Kurgäste und Badeärzte etwas unbequem, aber eine Kur ist kein Urlaub."(res)

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